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Heimatkundler: Tief im Taunus

Von Letzte Anmerkung zum Ostern-Tanzverbot. Was soll die Aufregung? Früher ging's im Wiegeschritt sogar ins Gefängnis.

Tanzverbot
 
Das Osterfest liegt hinter uns – eine Zeit, angefüllt mit vielfältigen Traditionen und Ritualen – von der besonderen Liturgie in der Kirche bis zum Ostereier-Suchen. Ein besonderes vorösterliches Ritual scheint sich mir in den letzten Jahren zusehends etabliert zu haben: Der eingeübte öffentliche Schlagabtausch um das so genannte „Tanzverbot“ an Karfreitag.

Die Debatte hat für mich tatsächlich ritualisierte Züge: In schöner Regelmäßigkeit kurz vor Ostern äußern sich Befürworter und Gegner des „Tanzverbots“ in den Medien und tauschen die bekannten Argumente aus: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die auf Bedeutung und Tradition der christlichen Feiertage und auf den Arbeitnehmerrechte verweisen; auf der anderen Seite diejenigen, die sich auf die säkulare Gesellschaft und individuelle Freiheitsrechte berufen – und damit zugleich den profan-geschäftlichen Interessen der Freizeitindustrie das Wort reden. Dabei spielen auch die sprachlichen Finessen durchaus eine wichtige Rolle: „Tanzverbot“ – das Wort allein klingt schon nach der Knute des Obrigkeitsstaates, nach finsterer Autorität, die den Menschen oder gar den Untertanen kein Vergnügen gönnt.
 
Wie so oft, kann auch hier ein Blick in die Geschichte die Perspektive verändern. Die Frage öffentlicher Lustbarkeiten war schon seit jeher ein Gegenstand gesetzlicher Regulierungen. Es ging dabei stets darum, die Gefahren, die von öffentlichen, ungesteuerten Versammlungen aus der Sicht der Obrigkeit ausgingen, einzudämmen – seien es Gefahren für die Moral, die öffentliche Ordnung oder auch die politische Stabilität des Staates.

Besonders streng war dabei der autokratische Operettenstaat Hessen-Homburg unter seinem letzten Landgrafen Ferdinand. Wir lesen im Regierungsblatt vom 19. Februar 1854 folgende Bekanntmachung: „Die Erlaubnis zu öffentlichen Tanzbelustigungen darf außer an den gewöhnlichen Kirchweihfesten und den schon bisher üblich gewesenen Haupt-Scheibenschießen nur noch am Neujahrstage, auf Fastnacht, am zweiten Oster-, zweiten Pfingst- und zweiten Weihnachts-Feiertage erteilt werden.“

In der Advents- und Fastenzeit sowie an allen Samstagen, Sonntagen, an allen hohen christlichen Feiertagen und deren Vorabenden waren auch private Feiern streng untersagt. Wer erwischt wurde, den erwartete wahlweise eine saftige Geldstrafe von 30 Gulden oder zwei Wochen Gefängnis. Bei dieser sehr strengen Regelung stellt sich die Frage, wie sie mit dem glänzenden Kur- und Glücksspielbetrieb in Homburg in Einklang zu bringen war. Und es stellt sich – wie bei allen Gesetzen zu allen Zeiten – die Frage, wie es denn in der Praxis aussah.
 
Ich persönlich jedenfalls ärgere mich beim Blick in die Geschichte nicht über das heutige Tanzverbot an einigen wenigen Feiertagen, sondern freue mich über die „Tanzerlaubnis“, die für die Homburger in den letzten 150 Jahren von sieben auf 350 Tage im Jahr ausgeweitet wurde. Und als Nichttänzer bin ich angesichts dieser Zahlen froh, dass die „Tanzpflicht“ noch nicht erfunden ist.
 

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