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Vier von fünf Sternen

Von Jakob Maurer

Die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Zeile um Zeile wird von den Filmfestspielen in Cannes aus produziert, es werden fleißig Sterne vergeben, der Daumen geht hoch und manchmal auch runter. Lobeshymnen erklingen dabei, etwa für Alice Rohrwachers Film LAZZARO FELICE (Happy as Lazaro, IT/CH/FR/DE 2018), der für die Goldene Palme gehandelt wird. Erwartet gespalten fallen hingegen die Reaktionen auf Lars von Triers Serienmörderfilm THE HOUSE THAT JACK BUILT (dk/FR/DE/SE 2018) aus: von „Erbrechen auslösend“ über „ziemlicher Langweiler“ bis „möglicherweise brilliant“ ist alles dabei.

Doch was kommt von all den Beiträgen und Besprechungen zu den neuen Filmen eigentlich bei den Filmfans an? Im Internet ist es inzwischen häufig wohl nur der Durchschnittswert, den Interntseiten wie metacritic und Rotten Tomatoes aus vielen Kritiken zusammenrechnen.

Denn gleichzeitig wird neben den zahllosen Kritiken der Profis immer mehr auch auf eigene Faust rezensiert. Auf Internetseiten wie der Internet Movie Database (IMDb) schreiben Fans zusätzlich zu ihren Filmbewertungen fleißig Nutzerrezensionen. Für viele begann das vermutlich so wie bei einer Rezension für den scheinbar unterirdischen Film The Purging Hour (US 2015): „This is my first IMDb review and I had to write it because this movie was so bad.“

In der Tat scheint hier vieles aus der Enttäuschung heraus zu entstehen. Auf der IMDb-Seite der jüngsten Star-Wars-Episode STAR WARS: THE LAST JEDI (US 2017) sind alleine über 5000 Nutzerrezensionen gelistet. Und über deren Überschriften hinwegzuscrollen, ist ein Erlebnis: „Horrible“, „Man, This Sucks“, „My heart is broken“, „NEVER, in ALL MY LIFE, have I been more GENUINELY ANGRY at a movie.“ Schier endlos geht das so weiter: enttäuschte Star-Wars-Fans soweit das Auge reicht. Es wird deutlich, welche Bedeutung solche Nutzerbeiträge auch entfalten können. Sie fungieren als Stimmungsbarometer zum Kinostart – und können dementsprechend auch missbraucht werden.

Internettrolle tummeln sich schließlich nicht nur auf Facebook und Twitter, sondern machen auch vor IMDb nicht Halt. „Vote brigading“ ist dabei das Stichwort. Mit orchestrierten Abstimmverhalten versuchen große Gruppen organsiert wie militärische Brigaden, Filme mit negativen Bewertungen oder Rezensionen zu bombardieren. Sie verfolgen dabei mitunter eine politische Agenda. Was bei Disneys umstrittenen STAR WARS: THE LAST JEDI noch mehr oder minder unterhaltsam anmutet, wurde beim Oscar®-nominierten Dokumentarfilm I AM NOT YOUR NEGRO (US 2017) von Raoul Peck bitterer Ernst. Schon am Tag des Kinostarts, der nur in wenigen Dutzend Kinos erfolgte, erhielt der Film Tausende negativer Bewertungen. Dabei handelte es sich vermutlich um rechte Stimmungsmache gegen den Dokumentarfilm, der sich mit dem Civil Rights Movement und der Black-Lives-Matter-Bewegung beschäftigt. Falsche Bewertungen und Rezensionen sind hier so üblich wie auf Shopping-Seiten wie Amazon.

Doch es finden sich auch positive Beispiele: ganz aktuelle Einträge etwa, wie für den diesjährigen Eröffnungsfilm von den Filmfestspielen in Cannes TODOS LO SABEN (Everybody Knows, ES/FR/IT 2018) von Asghar Farhadi: „I went to the premier of the movie with a great anticipation and I can say it fits well into what could be expected from Mr Farhadi.” So beginnt da ein Nutzer einen Premierenbericht, der ausführlich und differenziert geschrieben ist, fast wie eine professionelle Kritik, aber dennoch den Charme des von-Nutzer-für-Nutzer-Gedankens transportiert.

Wer stöbert, findet auch Einträge, die einen daran erinnern, wie betagt das Internet mittlerweile schon ist: „Controversial it may be, but this film, which I have just seen in Cannes, is one of the most touching and overwhelming of all times and countries. And I can say for the reaction of the public - this film won't be easily forgotten.“ Denn hier ist nicht vom eingangs erwähnten THE HOUSE THAT JACK BUILT die Rede. Der Eintrag ist vom 18. Mai 2000 (exakt vor 18 Jahren) und eine Reaktion auf Lars von Triers damals neuen Film DANCER IN THE DARK (DK/ES/DE u. a. 2000), der auch bei den Kritikern polarisierte wie sein Nachfolger heute – und zwei Tage später trotzdem die Goldene Palme gewann. Mal sehen, wie es dieses Mal endet.

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