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Jumping the Gunn – Was darf man im Netz heute noch sagen?

Reden wir über Hollywood. Über Hollywood, Twitter, James Gunn und über Diskussionskultur im Internet. Es beginnt alles ganz harmlos: Am 13. Juli teased James Gunn sein Kommen zum  Sony-Panel der San Diego Comic-Con an. Gunn ist beliebt. Als kreativer Kopf hinter den GUARDIANS OF THE GALAXY-Filmen, hat er sein Leben in den vergangenen Jahren dem Superheldenkino gewidmet. Zur Comic-Con will er etwas „dark, sweet and special“ mitbringen.

Düster soll es für ihn an diesem Freitag allerdings werden, aber anders, als er sich das vielleicht vorgestellt hat. Freitag gehen nämlich auf einmal solche Schlagzeilen durch die Presse:

James Gunn Won’t Appear At Comic-Con After Being Axed From ‘Guardians Of The Galaxy’.

James Gunn Fired From ‘Guardians Of The Galaxy’ Franchise Over Offensive Tweets.

James Gunn Is Sorry About Those Old Rape and Pedophilia Jokes.

Von einem auf den anderen Tag ist der Guardians-Regisseur seinen Job los. Dafür verantwortlich: Ein Aufruhr auf Twitter. Was war passiert? Um das zu ergründen, müssen wir noch ein wenig weiter zurückgehen und dabei sind es wieder weniger als 280 Zeichen, die den Stein ins Rollen bringen. In diesem Fall geschrieben von Gunns Regiekollegen Mark Duplass.

Der setzt am 18. Juli  einen Tweet ab, in dem er empfiehlt, Ben Shapiro zu folgen. Einem – milde gesagt – umstrittenen Konservativen.

Als Duplass für diese (mittlerweile wieder gelöschte) Empfehlung auf Twitter ein massiver Shitstorm  entgegenschlägt, springt Gunn ihm zur Seite. Er könne verstehen, wenn man nicht Duplass‘ Meinung sei, sein Standpunkt sei aber wirklich nicht bösartig. In einer Zeit, in der der der Präsident aus dem Ausland gelenkt würde, Russland die Wahlen angreife und die Republikaner absolut gar nichts unternähmen, um das zu verhindern, dürfe es wirklich kein Grund für öffentlichen Aufschrei sein, wenn Mark Duplass vorschlage, auf Twitter einem „Arschloch“ zu folgen. Man solle sich die Empörung für die Verräter und Rassisten im Land aufsparen.

Gunn hatte schon öfter zuvor in den sozialen Medien gegen die Republikaner und Trump geschossen,  mit diesen Anschuldigungen war er nun aber vollends auf den Radar der konservativen Rechten geraten  - und die fängt an zu graben. Initiiert einen Aufschrei. Teilweise fast zehn Jahre alte Tweets von Gunn werden hervorgeholt, in denen der Regisseur geschmacklose Witze über Pädophilie, sexuelle Belästigung und Transsexualität reißt. So twitterte er 2010: „The Expendables was so manly I fucked the shit out of the little pussy boy next to me! The boys ARE back in town!” oder ein Jahr zuvor: “The best thing about being raped is when you’re done being raped it’s like, ‘Whew, this feels great, not being raped!’ Um nur zwei der zirkulierenden Tweets zu nennen, die Gunn den Kopf gekostet haben. Natürlich sind diese Witze krass und ekelhaft. Das ist unbestreitbar. Das sieht offenbar auch der Regisseur inzwischen so und entschuldigte sich prompt gegenüber dem Hollywood Reporter hinzu. Nicht nur, weil sie „dämlich“ gewesen seien, „überhaupt nicht lustig, vollkommen unsensibel und sicher nicht provokativ“, wie er damals gehofft habe, aber auch, weil sie nicht mehr die Person reflektierten, die er heute sei.

Aber bei aller begründeten Diskussion über Gunns Äußerungen muss folgende Frage erlaubt sein: Sind sie ein legitimer Grund für seine Kündigung?  In einem Statement vom 20. Juli verkündet Disney-Studio-Vorsitzender Alan Horn: "The offensive attitudes and statements discovered on James' Twitter feed are indefensible and inconsistent with our studio's values, and we have severed our business relationship with him”

Damit macht es sich Horn verdammt einfach. Dass Gunn, vor allem  zu Beginn seiner Karriere,  gerne provozierte, ist nämlich wirklich nichts Neues. Schon 2012, kurz nachdem er erstmals von Disney als Regisseur für den ersten GUARDIANS-Film angekündigt worden war, regte sich Protest. In einem Blogpost von 2011 hatte Gunn nach einer Leserbefragung die sexiesten Heldinnen und Helden der Comicwelt gekürt. Seine teilweise sexistischen und homophoben Beschreibungen der Figuren zogen Kritik auf sich. Gunn entschuldigte sich und gelobte Besserung. Seitdem  hat er sich keine neuen Ausfälle zuschulden kommen lassen. Und doch fallen dem Regisseur seine alten Tweets nun wieder vor die Füße.

Dabei ist das eigentliche Thema überhaupt nicht Gunn. Das eigentliche Problem ist die Leichtigkeit, mit der es der rechten Bewegung gelang, den Regisseur um seine Anstellung zu bringen. Der Gunn von 2009 ist ein großer Kindskopf, der mit krassem Humor zu schocken meint und nicht zweimal nachdenkt, bevor er auf „posten“ drückt. Den Rechten, die von Gunns Trump-Attacken aufgewiegelt waren, kam diese Kurzsichtigkeit wie gerufen. Sie fuhren seine ekligsten Witze zusammen, rissen sie aus dem Kontext und schmiedeten sich daraus ihren Aufschrei. Darauf ist Disney hervorragend reingefallen. Gunn wird es überleben. Bereits jetzt regt sich im Internet Aufruhr und in einem offenen Brief fordert der GUARDIANS OF THE GALAXY-Cast seine Wiedereinstellung. Die eigentliche Gefahr ist, dass sich so etwas nun ständig wiederholt. Das Klima, in dem diese Diskussion stattfindet, ist durch die #MeToo-Bewegung derzeit aufgeheizt. Es ist hervorragend, dass dank #MeToo endlich über  herabwürdigende verbale Attacken, über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen gesprochen wird. Doch wir dürfen nicht zulassen, dass sich Trolle, egal welcher politischen Couleur, dieser Aufbruchsstimmung bemächtigen und sie für ihre Zwecke missbrauchen. Denn so wird aus einem dringend erforderlichen Diskurs eine blinde Hexenjagd.

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