E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Homburg 27°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Auf Europas Spuren

Von Die Europäische Union (EU) ist abstrakt und betrifft uns doch gar nicht direkt. Das denken viele Bürger – auch im Taunus. Ist das wirklich der Fall? Der TZ-Reporter wollte es genau wissen und machte sich auf den Weg, um die Auswirkungen der EU auf unseren Alltag zu erkunden. Was er dabei entdeckte, hat wohl jeder von uns schon gesehen oder sogar in der Hand gehabt.

Die goldenen Zeiger der Bommersheimer Kirchturmuhr zeigen dem Ort zuverlässig, was die Stunde geschlagen hat. An diesem Morgen denke ich beim Anblick nachdenklich, was der Tag wohl bringen wird. „Wie betrifft mich Europa im Alltag?“, will ich herausfinden. Und mit dem Blick nach oben – es ist genau 9 Uhr – habe ich die erste Verbindung zur EU gefunden.

Seit über zehn Jahren regelt die Richtlinie 2000/84/EG, dass die EU-Mitglieder unbefristet zu bestimmten Terminen auf Sommer- und Winterzeit umstellen. Gut, so was gab es auf nationaler Ebene schon früher und die „geklaute“ und später wieder „geschenkte“ Stunde führt seit U(h)rzeiten zu emotionalen Auslassungen wie: „Mein Wellensittich ist jetzt drei Wochen lang depressiv.“ Was aber passiert, wenn ein Land spontan einen Tag später auf die Sommerzeit umstellt, mussten diesen März Türkei-Fluggäste und Geschäftsleute erfahren – nicht jeder wusste, welche Uhrzeit denn nun für Abflug und Landung galt.

Weiter geht die Suche. Klar, der Euro als Währung für 18 Länder bietet sich an. Aber das ist eigentlich zu offensichtlich. Doch der Blick ins Portemonnaie bringt trotzdem etwas. Auf meiner EC-Karte steht schon die gewöhnungsbedürftige IBAN. Sicher wäre es wesentlich komfortabler gewesen, die 22-stellige Kolonne, die Bankleitzahl und Kontonummer ersetzt, in Blöcke aufzuteilen. Vielleicht kommen Banken und Firmen ja noch auf den Trichter und modifizieren ihr Briefpapier und ihre Eingabemasken an mobilen Terminals. Eindeutig auf der Haben-Seite steht, dass die Kosten für Auslandsüberweisungen in der Vergangenheit massiv gesunken sind – und dass ich durch das neue SEPA-Verfahren bei Lastschriften mehr Rechte habe.

ZUM THEMA Direkter Draht nach Brüssel

Für allgemeine Fragen zur EU, Infos zu den Rechten und Möglichkeiten als EU-Bürger hat die EU den kostenlosen Info-Dienst „Europe Direct“ eingerichtet.

clearing

Hinter der Bankkarte steckt ein weiteres Stück Plastik: Meine „Gesundheitskarte“. Dort finden sich die 12 Sterne der EU. Denn: „In den EU-Staaten gibt es (...) über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit die Möglichkeit der Krankenbehandlung im Rahmen der Sachleistungsaushilfe“, formuliert das Bundesgesundheitsministerium etwas umständlich auf seiner Internetseite. Im Klartext heißt das: Bei akuten Erkrankungen im EU-Ausland muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob ich genug Bargeld für den Arzt dabei habe.

Dabei fallen mir die Fahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdienst ein, wie sie täglich durch den Taunus eilen, um Schaden abzuwenden und Leben zu retten. Für den Notfall muss ich mir in der EU nur noch eine Notrufnummer merken, die auf jedem dieser Fahrzeuge in großen Ziffern steht. 1991 einigte sich die Europäische Kommission darauf, die „112“ europaweit verbindlich einzuführen.

Von dem „rosa Lappen“ im Portemonnaie, der mir freie Fahrt durch alle EU-Länder ermöglicht, werde ich mich hingegen spätestens 2033 verabschieden müssen. Eine Plastikkarte wird ihn ersetzen – mit den vereinheitlichten Führerscheinklassen. Die Jüngeren haben den EU-Führerschein bereits.

 

Abschied vom großen D

 

Apropos Führerschein. Langsam wird es Zeit, in die Redaktion zu fahren. Auf dem HG-Kennzeichen meines Autos prangen über dem „D“ einmal mehr die 12 Sterne auf blauem Grund. Das „Euro-Kennzeichen“ (amtlich: Kfz-Kennzeichen mit EU-Kennung) macht in der EU die ovalen, weißen D-Aufkleber überflüssig, die früher auf jedem Fahrzeugheck zu finden waren. In der EU brauche ich den nicht mehr – außerhalb von EU- und EFTA-Staaten ist der Aufkleber für deutsche Autos nach wie vor Pflicht.

In Bad Homburg angekommen muss ich unwillkürlich an den Streit um die Luftqualität denken. Die „Champagnerluft“ enthält bedenklich viel Feinstaub. Zwar wird das Prädikat Heilbad nach wie vor vom Heilbäderverband vergeben, aber für die Luftqualität hat die EU einheitliche Qualitätsvorgaben gemacht, die in die Bewertung einfließen. Auch für unser Trinkwasser gibt es solche Regelungen.

In der TZ-Redaktion hat Europa ebenfalls Spuren hinterlassen. „Normale“ Glühbirnen gibt es kaum noch, auf dem PC zeigt mir das Logo „Energy Star“, dass er den Anforderungen des „Programms der Europäischen Gemeinschaft für Strom sparende Bürogeräte“ genügt. Ein Siegel, das unsere betagte Kaffeemaschine schon allein deshalb verpasst, weil sie kein klassisches Bürogerät ist.

 

Preis pro Kilo

 

Rund um das Thema Stromverbrauch gibt es immer wieder heiße Diskussionen. Europa wolle alte Stromfresser verbieten, heißt es gerne. Dabei geht es in den Initiativen primär darum, für Neugeräte Energiespar-Standards einzuführen, erfahre ich später. Die Kaffeemaschine darf also weiter vor sich hin röcheln . . ..

Mittags geht’s zum Supermarkt auf der Louisenstraße. Europa steckt dort nicht nur in den Lebensmitteln, sondern auch auf den Verpackungen und Preisschildern an den Regalen. Dass dort der Preis je 100 Gramm oder je Kilo angegeben wird, ist kein freiwilliger Service, sondern europaweit vorgegeben. Allerdings hat die EU uns Deutschen, die wir doch eine so ausgeprägte Vorliebe für runde Zahlen haben, auch einen Bärendienst erwiesen. Manch ein Produkt, das früher in 500- oder 1000-Gramm-Packungen verkauft wurde, gibt es jetzt in Packungsgrößen zu 450 oder 950 Gramm. Die Nährstofftabellen und Zutatenlisten, die von 2016 für alle in der EU gehandelten Lebensmittel gelten, sind hingegen ein echter Vorteil für mich als Verbraucher.

Bei vielen tierischen Produkten geht die Information noch weiter. Herkunftsbezeichnungen zeigen bei Milch und Eiern, woher das Produkt kommt. Auch den Weg vom Stall zum Regal kann ich bei Frischfleisch nachvollziehen – zumindest wenn niemand Pferd in die Lasagne mischt. . .

 

Markt-Eier aus NRW

 

Ich mache den Test. Die Eier, die mir die freundliche Verkäuferin aus Karben auf dem Wochenmarkt präsentiert, haben deutlich sichtbare Nummern. Zu meiner Überraschung stelle ich auf der Homepage www.was-steht-auf-dem-ei.de fest, dass die Eier gar nicht aus der Wetterau, sondern aus Nordrhein-Westfalen kommen. Den genauen Betrieb kann ich nicht herausfinden. Dafür weiß ich jetzt, dass es sich um Eier aus Freilandhaltung (der Code beginnt mit 1) und Bodenhaltung (2) handelt.

Zurück in der Redaktion bekomme ich mit, wie die Kollegin Fotos von der Reise einer Oberurseler Delegation in die französische Partnerstadt Epinay bearbeitet. Dort wurde der „Place de Oberursel“ eingeweiht. Sollte der Fotograf Rückfragen haben, muss er keine hohe Handyrechnung mehr fürchten. Die EU hat den Mobilfunkunternehmen in den vergangenen Jahren mehrfach Grenzen bei den Roaming-Gebühren gesetzt. Durfte ein ausgehender Anruf in ein anderes EU-Land 2007 noch bis zu 49 Cent pro Minute kosten, sind es jetzt 19 Cent. Bei SMS liegt die Kostenobergrenze kurioserweise bereits unter den Preisen mancher Tarife für den innerdeutschen SMS-Versand. Geht es nach dem Europaparlament, sollen die Roaming-Gebühren Ende 2015 abgeschafft werden. Die EU wäre dann – zumindest für Mobiltelefone – komplett Inland.

Am Abend lasse ich den Tag mit einem Glas „Hessischen Apfelwein“ ausklingen. Wo Hessen draufsteht, ist in dem Fall auch Hessen drin. Denn seit 2007 ist der Begriff als geografische Herkunftsangabe geschützt, da er der EG-Verordnung Nr.510/2006 entspricht. „Das Erzeugnis hat sich zum hessischen Nationalgetränk und festen Bestandteil der hessischen Kultur entwickelt“, stellte das Deutsche Patent- und Markenamt fest.

Dass der Apfelwein 2007 auf der Abschussliste der EU stand und der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sein Retter war, gehört übrigens ins Reich der Legenden. Schon bevor die Medien darauf aufmerksam wurden, hatte es massiven Widerstand von zwölf der damals 27 Mitgliedsstaaten gegeben. Trotzdem schossen sich damals viele Hessen auf Brüssel ein.

Aber auch das ist eben ein Stück europäischer Alltag . . .

Zur Startseite Mehr aus Hochtaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen