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„Dokumente für die Ewigkeit“

Ein Unternehmen stellt Fotos von Gräbern ins Internet, die Aufregung ist groß, der Vorgang aber legal. Aber spielt auch die Moral eine Rolle? Mit dem Usinger Friedhofsfotografen Jochen Borck sprach TZ-Mitarbeiter Dieter Hintermeier über Geschmacklosigkeiten, Pietät und seine nächsten Projekte.
Jochen Borck	Foto: hin Jochen Borck Foto: hin

Herr Borck, Sie gehören Genealogy.net an, und Sie fotografieren als Mitglied dieser Organisation von Familienforschern Grabsteine auf Friedhöfen im Usinger Land. In Schmitten stieß Ihre Aktion kürzlich auf Kritik (die TZ berichtete). Wie gehen Sie damit um?

JOCHEN BORCK: Im Prinzip gelassen, weil ich mich rechtlich auf der sicheren Seite fühle. Ich halte mich an die Regeln, die meine Organisation sich selbst auferlegt hat. Der Friedhof ist ein öffentlicher Raum. Dort darf in aller Regel fotografiert werden, es sei denn, die Friedhofsordnung der Kommune verbietet das.

Ihre Kritiker empfinden Ihre Tätigkeit als geschmacklos . . .

BORCK: . . . das kann ich nicht nachvollziehen. Das Fotografieren von Grabsteinen lediglich als „geschmacklos“ zu bezeichnen, ist für mich kein Argument. Meine Kritiker müssten dann schon die inhaltliche Auseinandersetzung suchen, das tun sie aber nicht. Auch kann ich nicht verstehen, dass diese Kritiker selbst das Internet als Forum nutzen, aber gleichzeitig dagegen sind, wenn Grabsteine im Internet veröffentlicht werden.

Kommt es häufig zu diesen Anfeindungen, wenn Sie Grabsteine fotografieren?

BORCK: Ganz im Gegenteil. Wenn mich Menschen beim Fotografieren der Grabsteine ansprechen, erkläre ich Ihnen freundlich und sachlich, was ich tue. Die meisten sind dann sehr angetan, weil sie sich freuen, dass das Andenken an ihre Angehörigen im Netz fortbesteht. Grabsteine bleiben nämlich nicht für alle Zeit auf den Friedhöfen. Nach einer Frist von in der Regel 20 oder 40 Jahren werden sie abgeräumt, geschreddert und finden schließlich Verwendung im Straßenbau. Ich dokumentiere die Grabsteine quasi für die Ewigkeit.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit den Kommunen aus?

BORCK: Die stehen meiner Arbeit ebenfalls positiv gegenüber. So bekomme ich zum Beispiel die Schlüssel, wenn ich die Grabsteine eines jüdischen Friedhofs fotografieren möchte.

Sensibilität ist bei Ihrer Arbeit aber auch gefragt . . .

BORCK: Ja, ich bewege mich an der Schnittstelle zwischen öffentlicher Bestattung, die vorgeschrieben ist, und der privaten Trauer der Angehörigen. In manchen Fällen gebe ich der „privaten Trauer“ den Vorrang und verzichte zeitweise auf eine Veröffentlichung.

Welchen Nutzen bringen fotografierte Grabsteine im Netz dem Familienforscher?

BORCK: Auf den ersten Blick ist der Nutzen natürlich recht gering. Im besten Fall erfährt der Familienforscher das Geburts- und Sterbedatum einer Person. Es bleibt aber trotzdem ein kleiner Puzzlestein, dem weitere, größere Schritte in der persönlichen Ahnenforschung folgen können.
 

Zur Person: Jochen Borck

Der 62-jährige Jochen Borck engagiert sich für ein Familienforschungsprojekt im Internet.

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Sie fotografieren aber nicht nur Grabsteine, sondern auch die Friedhöfe als Gesamtensemble. Was ist der Hintergrund?

BORCK: Die Friedhöfe geben einen guten Eindruck von der aktuellen Bestattungskultur in der jeweiligen Region. Dabei stelle ich immer wieder Trends fest. So gibt es auf der einen Seite die Entwicklung zum anonymen Begräbnis, auf der anderen Seite sind immer mehr Grabsteine mit einem Bild des Verstorbenen „verziert“. Wieder andere Grabsteine weisen auf das Hobby des Verstorbenen hin.

Wie viele Grabsteine haben Sie bislang für Ihre Organisation im Usinger Land fotografiert?

BORCK: Das dürften mittlerweile rund 5000 sein. Hinzu kommt noch die Indexierung der Namen und der Lebensdaten der Verstorbenen für unsere Webseite. Das gehört natürlich auch zu meinen Aufgaben.

Welche Friedhöfe stehen als nächstes auf Ihrer Liste?

BORCK: Nachdem ich Schmitten und Usingen abgeschlossen habe, stehen bald die Friedhöfe in Wehrheim, Neu-Anspach, Grävenwiesbach und Weilrod auf der Agenda.

Wenn Sie in den letztgenannten Kommunen auch auf Kritiker treffen sollten, was sagen Sie denen?

BORCK: Ich bin immer zu einem sachlichen Gespräch mit denen bereit. Letztlich denke ich aber, dass es nicht zu viele davon geben wird. Dabei denke ich an eine Internet-Unterschriftenliste, die sich gegen das Fotografieren von Grabsteinen ausgesprochen hat. Nach einem halben Jahr hatten sich 27 Menschen dort eingetragen – weltweit, wohlgemerkt.

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