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In menschliche Abgründe

Man nehme vier Menschen, eine gehörige Portion Egoismus, eine leichte Prise gutbürgerlichen Spießertums und viel aufgestaute Wut. Fertig ist Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels". Den ließ das Tournee Theater Stuttgart auferstehen.
Noch beherrscht, doch schon bald zügellos: Auf der Bühne im Kurtheater ging es verbal rund.	Foto: Priedemuth Noch beherrscht, doch schon bald zügellos: Auf der Bühne im Kurtheater ging es verbal rund. Foto: Priedemuth
Bad Homburg. 

Paris im November. Zwei Jungen prügeln sich im Park, einer zückt den Stock und schlägt dem anderen zwei Schneidezähne aus. Die Eltern der beiden Bengel treffen sich, um die "Streitigkeiten" ihrer Söhne auf vernünftige Weise zu klären.

Doch die Paare Véronique (grandios: Dorothea Baltzer) und Michel Houillé (verwandlungsstark: Klaus Ellmer) und Annette (glaubwürdig: Sophie Schneider) sowie Alain Reille (überzeugend: Dirk Deininger) mögen sich nicht. Und das wird ein böses Ende nehmen. Trotzdem säuseln sich die vier anfangs noch betont zuvorkommend an. Zweimal schaffen es Annette und Alain schon in die Mäntel, der Wohnung entkommen sie jedoch nie. Die Fassade bröckelt stückweise, unterschwellige Ressentiments brechen sich Bahn und gipfeln in offenem Hass. Im Kleinkrieg, der folgt, wechseln die Allianzen so schnell wie die Wortsalven, es kämpft jeder gegen jeden. Es wird gesoffen, geschrien und gekotzt, es herrscht der "Gott des Gemetzels".

Überzeugend spielt Baltzer die hysterische Weltverbesserin Véronique, die mit pädagogischem Ehrgeiz und moralischer Überlegenheit predigt. Véronique mit ihrem nervenden Spürsinn für Gerechtigkeit, die den Schläger am liebsten selbst bestrafen würde, ist die gelungene Karikatur des privilegierten Gutmenschen. Bravourös schafft Baltzer den Spagat zwischen besorgter Mutter und empörter, humorloser Furie, die am Ende ihre Beherrschtheit gegen Zügellosigkeit eintauscht.

Perfekter Gegenspieler von Véronique ist Alain, der schnieke Anwalt mit den guten Manieren, der unerträglich desinteressiert am Versöhnungsgespräch teilnimmt. Dirk Deininger verkörpert überzeugend das zynische, neurotische Alphamännchen, das mit Kritik genauso wenig umgehen kann wie mit seiner Frau Annette. Sie ist das perfekte Abbild der erfolgreichen Businessfrau, anfangs emotional unterkühlt. Jedes Lächeln ist aufgesetzt, die Langeweile springt ihr aus dem Gesicht. Schließlich scheitert sie an ihrer nervlichen Verfassung und verliert die Contenance.

Klaus Ellmer in der Rolle von Michel, dem Hamstermörder und Mitläufer, der vieles über sich ergehen lässt, weil er Erwartungen gerecht werden will, ist manchmal etwas laut, sein Schauspiel jedoch gelungen. Er transportiert die Ambivalenz von Schein und Sein, ist mal der Fürsorgliche, dann wieder der Reizbare, der Mörder.

Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" ist eins der beliebtesten Theaterstücke der Neuzeit, kam kürzlich im Kino. Eine schwarze Komödie mit dramatischen Zügen, die von den Schauspielern lebt. Trotz den guten Einzelleistungen fehlt der Inszenierung von Regisseurin Margarete Volz der Pepp. Es beginnt schleppend, die Schauspieler agieren zu routiniert. Die zweite Halbzeit läuft besser. Endlich sitzen die Pointen. Jedoch erst, als es sich nicht mehr um die prügelnden Knaben, sondern die menschlichen Abgründe dreht.

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