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Kirdorfer Grundschule hat islamischen Religionsunterricht eingeführt: Unser Gott heißt Allah

Islamischer Religionsunterricht ist in Deutschland nach wie vor etwas Exotisches. In der Ketteler-Francke-Schule in Kirdorf nicht mehr. Das macht die Grundschule zu einer veritablen Vorzeigeschule.
Nurgül Altuntas vom Kultusministerium (links) und Schulleiterin Astrid Müller-Wankel im Gespräch. Bilder > Nurgül Altuntas vom Kultusministerium (links) und Schulleiterin Astrid Müller-Wankel im Gespräch.
Kirdorf. 

Die Ketteler-Francke-Schule (KFS) hat rund 350 Schüler. Etwa 35 Prozent von ihnen sind Muslime. Wenn ihre christlichen Mitschüler zum katholischen oder evangelischen Religionsunterricht gehen, haben sie eine Freistunde – bislang. Denn seit Beginn des neuen Schuljahres bietet die Grundschule als eine von 27 in Hessen und als einzige im Hochtaunuskreis auch bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an. Und Christina Daoui ist die Frau, die das Fach dort lehrt.

„Salam Aleikum“, sagt die sympathische 30-Jährige zur Begrüßung ihrer Erstklässler. „Aleikum Salam“ entgegnen die sechs- und sieben Jahre alten Mädchen und Jungen. Sie sitzen im Stuhlkreis zusammen, vor ihnen auf dem Boden hat Daoui verschiedene Bilder hingelegt. Sie zeigen umgekippte Statuen, ein Feuer, einen Brunnen, ein Schaf. Daoui deutet darauf und fragt die Kinder: „Wisst Ihr noch, über was wir in der letzten Stunde gesprochen haben?“ 17 Zeigefinger strecken sich in die Höhe.

Die kleine Iman (6) darf zuerst antworten: „Wir haben über Ibrahim und Ismael gesprochen.“ Mustafa (6) fügt hinzu: „Und darüber, was er getan hat und was Allah für ihn getan hat.“ Was das genau war, rekapitulieren die Kinder anhand der Bilder: Ibrahim war ein Mann, der nur an einen Gott glaubte und deshalb alle Statuen bis auf eine, die die anderen Menschen anbeteten, zerstörte. „Daher warfen ihn die Leute ins Feuer“, weiß Ehzan (6). Aber: „Allah sorgte dafür, dass das Feuer kalt war, deswegen starb er nicht“, sagt Büsra (7).

Wo Rituale herkommen

Ibrahim fühlte sich dennoch nicht mehr wohl und zog weg, Richtung Mekka. Aber seine Familie litt Durst. „Zumindest so lange, bis Allah vor den Füßen von Ibrahims Sohn Ismael Wasser sprudeln ließ“, erinnert sich Emre (7). „Und die Quelle heißt Zam-Zam, die gibt es heute noch.“ „In meiner Moschee haben wir Wasser von dort“, erklärt Iman. Ibrahim versteht das als Auftrag Allahs, der prüfen will, wen er mehr liebt, und will seinen Sohn opfern. In letzter Sekunde allerdings schickt Allah ein Schaf. Er hatte ihn auf die Probe gestellt, sein Sohn muss nicht geopfert werden.

Lehrerin Daoui hat die Geschichte nicht, wie man vermuten könnte, deshalb ausgewählt, weil sie an das Alte Testament erinnert, in dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern will – auch wenn es im Koran vieles gibt, was an Geschichten aus der Bibel erinnern. Daoui hat sie deswegen im Unterricht behandelt, weil sie der Grund für das Opferfest ist, das die Muslime im Herbst gefeiert haben. „Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, woher ihre Rituale kommen“, sagt sie und fügt hinzu: „Das steht auch auf dem Lehrplan, genauso wie die Erklärung, warum Ramadan gefeiert und gefastet wird.“

Zusatzstudium nötig

Der Lehrplan wurde mit Hilfe der türkischen Moscheengemeinschaft Ditib und der Ahmadiyya Muslim Jamaat erstellt. Deren Ziel ist es, ebenso wie die des hessischen Kultusministeriums, die weltanschauliche Neutralität des Staates zu wahren, indem – wie auch beim christlichen Religionsunterricht – die muslimischen Gemeinschaften selbst festlegen, was als Lehre des Islams gelten kann und was nicht.

Das ist nichts, was man mal eben so lernt, indem man abends in den Koran schaut. Deswegen muss Daoui, die Deutsch, Mathe und Sachkunde auf Lehramt studiert hat, auch insgesamt ein Jahr lang in einem Zusatzstudium in Gießen büffeln – denn genügend fertig ausgebildete Theologen für islamische Religion gibt es noch nicht.

Unterrichtssprache Deutsch

Vor allem auch deshalb nicht, weil das Kultusministerium darauf besteht, dass nur jene Lehrer das neue Fach unterrichten dürfen, die schon im Schuldienst und verbeamtet sind. Unterrichtssprache ist Deutsch. Und das beherrschen Daouis Erstklässler perfekt. „Wollen wir jetzt endlich damit anfangen, das Prophetenbuch auszumalen?“, fragt Anas (7) ungeduldig und stürzt sich auf die Stifte. Dann herrscht einen Moment lang Ruhe in der Klasse. Man hört nur, wie Farben in die Mäppchen ein- und aussortiert werden, wie Scheren Papier schneiden und Klebstoffdeckel aufgedreht werden.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass die Stunde gleich vorbei ist. „Wer ist schon fertig?“, fragt die Lehrerin. „Ich“, ruft Nouhal, prescht mit seinem Bild in der Hand nach vorne und fügt dann verschmitzt hinzu: „Na ja, fast. Aber jetzt ist doch Pause und mein Kumpel aus dem anderen Religionsunterricht will mit mir im Hof kicken.“ Integration ist etwas Wunderbares.
 

Zum Thema: Religion ist Wahlfach – auch islamische ...

Dass die Ketteler-Francke-Schule (KFS) eine wahre Vorzeigeschule ist, liegt vor allem daran, dass Schulleiterin Astrid Müller-Wankel es geschafft hat, den Dialog zwischen den Kulturen in Gang zu bringen, und zwar, indem sie sich beim Kultusministerium dafür bewarb, bekenntnisorientierten islamistischen Religionsunterricht an ihrer Schule anzubieten.

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