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Adoptions-Fall um FASD-Kinder: Wer kennt die Wahrheit?

Eine Adoptivfamilie aus dem Taunus streitet sich vor Gericht mit dem Frankfurter Jugendamt. Das Verfahren am Montag zeigte allerdings, wie schwierig Wahrheitsfindung sein kann.
Der Adoptionsfall um angebliche FASD-Kinder wird nun vor Gericht verhandelt.  Foto: Daniel Reinhardt Der Adoptionsfall um angebliche FASD-Kinder wird nun vor Gericht verhandelt. Foto: Daniel Reinhardt
Bad Homburg. 

Nein, in der Haut von Dr. Ulrich Stump möchte man dieser Tage nicht stecken. Der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht Frankfurt muss darüber befinden, ob die Stadt Frankfurt einer Familie aus dem Taunus zu Schadensersatz verpflichtet ist. Dabei geht es um die Frage, ob das Frankfurter Jugendamt gewusst hat, dass die leibliche Mutter zweier später zur Adoption freigegebener Kinder während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat – und so hirnorganische Schäden sowie Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens und des Wachstums ihrer Kinder provoziert hat. Fetales Alkoholsyndrom (FASD) heißt die Behinderung. Festgestellt wurde sie erst lange, nachdem die Kinder von besagtem Paar aus dem Hochtaunuskreis adoptiert worden waren.

Seit 2010 kämpft das Ehepaar vor Gericht darum, dass das Amt vom Alkoholmissbrauch der leiblichen Mutter gewusst haben muss. Denn natürlich zieht eine solche Behinderung Kosten nach sich, auf deren Rückerstattung die Familie pocht. Sie sagt: Hätte sie vom Alkoholproblem der leiblichen Mutter gewusst, hätte sie die Kinder nicht adoptiert, sondern sie nur in Pflege genommen. Das vor allem vor dem Hintergrund einer chronischen Krankheit der Adoptivmutter, die aus diesem Grund auch keine eigenen Kinder bekam (TZ berichtete mehrfach).

In erster Instanz vor dem Landgericht verlor das Paar, im Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) errang es jüngst einen Etappensieg, weil das OLG das Berufungsverfahren überhaupt zuließ. Am Montag ging der Prozess in die nächste Runde.

 

Ein, zwei Gläschen Sekt

 

Einen ganzen Tag lang hörten der Richter und seine Beisitzer Zeugen und vermittelten damit die Botschaft an alle Beteiligten: Wir nehmen uns umfassend Zeit, wir sind gründlich, hören Zeugen auch mehrmals an, denn es geht schließlich um die Wahrheit. Die zu finden ist allerdings nach 16 Jahren – so lange ist die Adoption der Kinder her – nicht leicht. Zumal es weniger um die Frage ging, ob die leibliche Mutter getrunken hat, als vielmehr um die, was die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes davon wussten.

Die leibliche Mutter zeigte sich vor Gericht verwundert darüber, dass das Amt nicht bemerkt haben will, dass sie sich „zwar nicht den Kopf vollgesoffen“, durchaus aber auch während der Schwangerschaft „ein, zwei Gläschen Sauergespritzten oder auch Sekt“ getrunken habe. Sie habe den Sozialarbeiterinnen zwar nie explizit gesagt, dass sie trinke, „und ich sage auch nicht, dass sie es gewusst haben – aber zu 90 Prozent hätten sie es merken müssen“.

Der Exfreund, leiblicher Vater der später zur Adoption freigegebenen Kinder, der allerdings, weil die Frau damals noch mit einem anderen verheiratet war, in Sachen Adoption juristisch kein Mitspracherecht hatte, sagte über die leibliche Mutter: „Ich habe sie als Alkohol-Konsumentin kennengelernt, und zwar in einer Kneipe.“ Sie habe „ja nicht nur getrunken, sie war auch magersüchtig und depressiv, was dazu führte, dass bereits ihr erster Sohn in einer Adoptivfamilie lebte und ihre Zweitgeborene, damals noch ein Baby, unter Beobachtung des Jugendamtes stand“.

Regelmäßige Treffen mit der Jugendhilfe seien die Folge gewesen, in denen seine damalige Freundin Bericht darüber erstatten musste, dass das Wohl des Kindes nicht gefährdet sei. Auch um den Alkoholkonsum sei es gegangen, speziell, nachdem sie erneut schwanger geworden war mit eben jener Tochter, die später das Paar aus dem Taunus adoptierte. Seinerzeit habe er gesagt, sie müsse in der Schwangerschaft mit dem Rauchen und dem Trinken aufhören.

Dann hätten beide aber einen Fernsehbeitrag gesehen, in dem behauptet worden sein soll, der Entzug von Alkohol und Nikotin schade dem Fötus mehr als wenn Schwangere weiter Alkohol und Tabak konsumierten. Diese Frage habe ihn so beschäftigt, dass er eine Mitarbeiterin des Jugendamtes damit konfrontiert haben will.

 

Depressiv und essgestört

 

Besagte Mitarbeiterin wies diese Behauptung allerdings von sich. Ein solches Gespräch habe nie stattgefunden. Sie betonte zudem, dass sie niemals Grund zu der Annahme gehabt habe, dass die leibliche Mutter trinke. Die Frau habe unter Depressionen und einer Essstörung gelitten, habe kaum 40 Kilogramm gewogen. Aber sie sei sich sicher, dass sie während der beiden Schwangerschaften der Kinder, die die Taunus-Familie später adoptierte, „kein Alkoholproblem hatte“. Die Sozialarbeiterin betonte: „Ich hätte das gemerkt, denn bedingt durch eine Allergie hatte ich damals einen sehr ausgeprägten Geruchssinn.“

Abgesehen davon habe sie bei den Lebensumständen der Frau genau hingeschaut, denn in der Familie sei die Suchtproblematik ausgeprägt gewesen: Vater und Bruder hätten zum Beispiel Alkoholprobleme gehabt.

„Ich habe sie als eine Mutter erlebt, die für ihre Kinder eine gute Zukunft entwickeln wollte“, sagte die Mitarbeiterin des Jugendamtes. Die Wohnung sei immer aufgeräumt gewesen, Alkoholflaschen habe sie nie herumstehen sehen. Jahre später – inzwischen waren die beiden Kinder adoptiert, hatte die Frau einen neuen Lebensgefährten und der Ex eine neue Familie – habe sie die Frau allerdings einmal getroffen und „eine Fahne“ an ihr bemerkt.

Die Diskrepanz zwischen der Aussage des leiblichen Vaters und der der Sozialarbeiterin hätte der Richter gerne geklärt und hakte deswegen noch einmal bei beiden nach, worüber bei den regelmäßigen Treffen in der Beratungsstelle gesprochen worden sei. Der Mann erklärte: „Über die Essstörung, dass sie ihr Leben in den Griff bekommt, Arbeit findet, eine größere Wohnung – und ihren Alkoholkonsum.“ Die Sozialarbeiterin: „Über all das, aber sicher nicht über Alkohol.“ Worauf der Richter sagte: „Bei objektiver Betrachtung muss man sagen, einer von Ihnen beiden lügt.“

Der Wahrheit auf die Sprünge helfen soll ein weiterer, noch festzulegender Termin. Ob die leibliche Mutter da erneut gehört wird, dürfte fraglich sein, zumal sie erklärte, dass sie im Alzheimer-Institut mit Verdacht auf Demenz untersucht werden soll. Sollte die Diagnose sich bewahrheiten, wird die Sache schwierig. Vor allem, weil zudem die vielleicht wichtigste Person im ganzen Verfahren auch nicht mehr gehört werden kann: die Adoptivmutter. Sie ist nach langer, schwerer Krankheit am 24. März verstorben.
 

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Unser Beitrag „Der Kampf der Adoptiveltern“, in dem es um eine Adoptivfamilie geht, deren Kinder unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD) leiden, hat hohe Wellen geschlagen. Viele haben sich bei der TZ gemeldet – unter anderem eine Frau aus Neu-Anspach, die vor einem Jahr die Selbsthilfegruppe FASD Hochtaunus gegründet hat.

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Info

Das ist FASD

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