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Kosten der Betreuung: 51 Euro Defizit pro Kind

Wenn die öffentliche Hand den Rotstift ansetzt, dann natürlich bei den sogenannten freiwilligen Leistungen. In Neu-Anspach soll es nun Kürzungen im Kindergartenbereich geben. Zugleich werden die Pläne der Landesregierung, sechs kostenfreie Kiga-Stunden zu bieten, richtig Geld kosten. Wie das zuständige Amt damit umgeht, darüber sprachen die Redakteure Anja Petter und Andreas Burger mit dem Amtsleiter Frank Vogel.
Amtsleiter Frank Vogel erklärt die Tarifklassen für die Kinderbetreuung. Eine Arbeitsgruppe diskutiert, ob neue Zeitmodule geschnürt werden. Amtsleiter Frank Vogel erklärt die Tarifklassen für die Kinderbetreuung. Eine Arbeitsgruppe diskutiert, ob neue Zeitmodule geschnürt werden.
Neu-Anspach. 

Für Ihren Bereich Kinderbetreuung kommt’s ja nun dicke. Zuerst setzt ihnen das Land mit der Kostenlos-Kindergartenregelung ein finanzielles Ei ins Nest, dann streicht die Politik auch noch im Kindergartenbereich. Wie gehen Sie nun damit um?

FRANK VOGEL: Professionell. Die Politik entscheidet, und wir versuchen, diese Vorgaben umzusetzen.

Beginnen wir doch mit der Kostenlos-Regel. Bürgermeister Thomas Pauli (SPD) sagte im Fernsehen, dass das Ganze für Neu-Anspach richtig teuer wird. Wie teuer?

VOGEL: Das ist eine recht einfache Rechnung. Derzeit betreuen wir in den Kindergärten 213 Kinder, Kleinkinder fallen nicht unter diese Regelung. Zurzeit kosten 5,5 Stunden 171 Euro – 6,5 Stunden 186 Euro pro Kind und Monat, vom Land werden uns aber nur 135,60 Euro gegeben, damit wir die kostenlose Betreuung für sechs Stunden anbieten. Also bleibt ein Defizit von 51 Euro pro Kind. Das müssen wir addieren, also kommt ein Minus bei den städtischen Einrichtungen von rund 140 000 Euro, freie Träger mit einbezogen rund 250 000 Euro, auf die Stadtkasse zu.

Außerdem nimmt die Politik den Erzieherinnen die sogenannte Vorbereitungszeit weg, sie sollen in dieser Zeit in der Gruppe arbeiten . . .

VOGEL: Das haben wir zum Teil damit aufgefangen, indem wir nun keine neuen Stellen mehr ausschreiben. Denn eigentlich hatten wir ein Defizit an Personal, mit der nun beschlossenen Regelung müssen noch rund 100 Stunden reduziert werden, also wird niemand eingestellt.

Aber diese Vorbereitungs- oder Nachbereitungszeit war doch wichtig für die Erzieher?

VOGEL: Das hat man politisch anders gesehen, wir im Amt setzen diese Vorgabe um. Eine Bewertung nehmen wir nicht vor.

Wie erleben Sie die Stimmung in den Einrichtungen? Es gab ja Proteste aus den Kindergärten.

VOGEL: Derzeit sehr angespannt bis schon fast unmotiviert. Die Mitarbeiter fühlen sich im Stich gelassen und in ihrer Arbeit falsch bewertet.

Wenn Sie die Lage beurteilen müssten, wie sähe dann das Ergebnis aus?

VOGEL: Ich werde keine politische Entscheidung kommentieren. Wir sind aber an das Kinder-Förderungsgesetz gebunden, und dort ist ein hoher Qualitätsanspruch enthalten. Ich denke, dass der neue Arbeitskreis aus Politik, Kindergärten, Stadtelternbeirat und Verwaltung sich dieser Frage genauer annehmen wird.

Nun haben andere Kommunen auch Kinderbetreuung im Angebot – und arbeiten unter den Anspacher Kosten. Wie kommt das?

VOGEL: Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. In Neu-Anspach etwa gibt es spezielle Kleinkindgruppen, das fehlt in anderen Städten, dort sind die Kleinkinder bei den größeren in altersgemischten Gruppen mit eingebunden. Die Frage bei einem Vergleich ist immer, was man vergleichen kann, und wo es hinkt. Kleinkindgruppen benötigen eine ganz andere Betreuung. Zudem hat Neu-Anspach noch eigene Hortgruppen . . .

. . .die ja richtig Geld kosten. Anderswo behilft man sich mit privaten Angeboten oder versucht, Schulen zu Ganztagsangeboten zu bewegen . . .

VOGEL: Was ein guter Weg ist. Ein Hort ist eine freiwillige Leistung einer Kommune. Unsere Horte für derzeit 66 Kinder kosten rund 250 000 Euro im Jahr. Damit wäre das zu erwartende Defizit durch die neue Landesregelung wieder ausgeglichen. Aber das benötigt Gespräche mit dem Kreis, Schulen und Vorbereitung – und den politischen Willen. Wir könnten auch die Betreuung (Schulbetreuung Am Hasenberg) des Kreises weiter ausbauen. Aber eine Gruppe kostet die Stadt einmalig 500 000 Euro, außerdem natürlich die laufenden Betriebskosten. Das wäre eine teure Lösung.

In Grävenwiesbach wurden die gemeindlichen Kindergärten an den VzF übergeben, die Gemeinde hat etwa 10 000 Euro weniger an Kosten. Ein Modell für Neu-Anspach?

VOGEL: Denkbar ist alles, aber für die Stadt mit doppelt so vielen Einwohnern sehe ich eine Art Privatisierung skeptisch. Wir hätten als Stadt schon gerne die gesetzlich vorgeschriebene Bedarfsplanung und die inhaltlichen Konzepte in der Hand. Aber auch hier gilt: Wenn der neue Arbeitskreis dies wünscht und die Politik es für gut befindet, müssen wir und die Eltern damit leben.

Sind von den Kürzungen eigentlich auch die kirchlichen Einrichtungen betroffen?

VOGEL: Derzeit noch nicht. Aber wenn das Land seine Regelung der kostenfreien Vormittagsbetreuung umsetzt, müssen wir auch hier an die Verträge ran.

Die Grünen hatten vor einem Jahr den Prüfauftrag an Ihre Abteilung vergeben, herauszufinden, inwieweit der Westerfelder Kindergarten noch benötigt wird und was eine Zusammenlegung mit Hausen bedeuten könnte. Was kam heraus?

VOGEL: Das ist nachzulesen. Benötigt wird der Kindergarten auf jeden Fall. Im Augenblick werden dort 15 Kinder betreut, im städtischen Haushalt werden dafür rund 135 000 Euro veranschlagt. Bei einer Verlegung würde der Umbau 103 000 Euro kosten, und die jährliche Ersparnis wären rund 25 000 Euro.

Und? Was passiert nun?

VOGEL: Das wissen wir nicht. Im Sitzungsprotokoll steht, dass die Parlamentarier die Antwort zur Kenntnis genommen haben.

Mit der neuen Regelung sind jetzt eine ganze Menge Änderungen in den Kindergärten zu erwarten. Was schlägt am meisten zu Buche?

VOGEL: Zukunftsdeutung ist ja nun nicht mein Metier. Aber wir erwarten eigentlich, dass die Ganztagesbetreuung zunimmt. Denn wenn Eltern nun sechs Stunden kostenfrei haben, dann sind nur noch dreieinhalb Stunden bis zur Ganztagsbetreuung zu zahlen. Das wäre dann allerdings auch mit einer Aufstockung des Personals und neuen Kosten verbunden.

Werden neue Zeitmodule geschnürt?

VOGEL: Auch dies wird die Arbeitsgruppe ausdiskutieren. Allerdings sind wir etwas in Zeitnot, denn bis Ende März muss die Planung stehen, damit die Eltern im neuen Kindergartenjahr die für sie passenden Module buchen können.

Besteht die Möglichkeit, dass sich auch in Ihrer Abteilung personelle Veränderungen ergeben?

VOGEL: Nach unten? Auf keinen Fall, wie auch. Alle derzeit diskutierten Sparmaßnahmen in der Politik betreffen zwar diese Abteilung, aber dies bedeutet nicht eine Entlastung der Verwaltungsarbeit.

Sie sind in der Arbeitsgruppe vertreten, die sich mit der Zukunft der Kindergärten befasst. Wie groß ist Ihr Einfluss?

VOGEL: Ich habe Stimmrecht. Ich denke aber, dass sich die Verwaltung mit eigenen Vorstellungen zurückhalten sollte. Ich wäre allerdings sehr dankbar, wenn das Fachwissen aus den Abteilungen einfließen würde. Unsere jahrelange Erfahrung könnte da manches Problem kleiner erscheinen lassen. Ja, das wäre mein Wunsch: Dass auch auf die Fachmitarbeiter und ihr Wissen zurückgegriffen wird. Mancher Beschluss wäre dann vielleicht weniger politisch geprägt.

Wenn man sich den neuen Haushalt der Stadt betrachtet, findet man einige Sollbruchstellen. Etwa, dass keine Erhöhung der Gehälter eingerechnet wurde, obwohl die Gewerkschaft schon in Lauerstellung ist.

VOGEL: Das ist ja nicht meine Aufgabe. Die Politik hat den Etat so beschlossen und geht von den nun festgeschriebenen Voraussetzungen aus.

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