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Cratzenbach wird zum ältesten Ortsteil Weilrods: Cratzenbach ist plötzlich 200 Jahre älter

Von 2012 wollten die Cratzenbacher ihr 600-Jähriges feiern. Das Fest kam nicht zustande, weil niemand die Organisation in die Hand nehmen wollte. Ob die Cratzenbacher damals schon ahnten, dass bald ein Dokument gefunden wird, dass beweist: Der Ort ist viel älter, als bisher angenommen.
Ein eher unscheinbares Blatt; vergilbt und eng beschrieben. Was für den Laien aussieht wie die Überreste einer ölverschmierten Bedienungsanleitung ist für Weilrod von unschätzbarem historischen Wert. Das erste Wort in der sechsten Zeile, „Crazzenbahc“ (im Text vergrößert eingeklinkt), stellt die älteste bislang bekannte Erwähnung des Dorfes da, datiert auf die Zeit um 1120. Bilder > Ein eher unscheinbares Blatt; vergilbt und eng beschrieben. Was für den Laien aussieht wie die Überreste einer ölverschmierten Bedienungsanleitung ist für Weilrod von unschätzbarem historischen Wert. Das erste Wort in der sechsten Zeile, „Crazzenbahc“ (im Text vergrößert eingeklinkt), stellt die älteste bislang bekannte Erwähnung des Dorfes da, datiert auf die Zeit um 1120.
Cratzenbach. 

Bisher galt Mauloff als ältestes Dorf von Weilrod. Gut 850 Jahre. Aber, wie das so ist mit der Geschichte, da taucht plötzlich ein Dokument auf, das alles in Frage stellt. Demnach ist Cratzenbach noch 50 Jahre älter. In einem Besitzverzeichnis des Mainzer Klosters wird es um 1150 als „Crazzebahc“ erwähnt. Darauf gestoßen ist der Hobby-Historiker Wolfgang Ettig bei seinen Recherchen zum Buch „Hinner de Hecke“. Und als Gregor Maier, Leiter des Fachbereichs Kultur und des Kreisarchivs des Hochtaunuskreises, den Eintrag sah, war seine Neugier geweckt. In einem Vortrag vor Geschichtsinteressierten berichtete er, wie schwierig es ist, genaue Daten festzulegen.

36 Posten enthält das Dokument und zwischen dem Gedicht über einen Mönch namens Stefan und dem Verzeichnis des Klosterschatzes stand also dort in einem Satz: „In Crazzebahc hoba I persolvens solidum I“. Also in Cratzenbach ein Hof, der einen Schilling abgibt. Datum – Fehlanzeige. Aber anhand des Schriftstiles könne man das Dokument auf Mitte des 12. Jahrhunderts datieren, sagte Maier. Nun gab es aber wohl zwei Schreiber, die an dieser Aufstellung gearbeitet hatten. Zwei Schreiber, zwei Schriftstile. Schon wieder ein Rätsel. Also musste Maier weitere Anhaltspunkte für die Datierung finden. Nächste Schwierigkeit: Das Kloster Altmünster, um dessen Besitzverhältnisse es ging, wurde 1781 aufgelöst und die Dokumente auch. Es handelte sich um ein Frauenkloster und in solchen wurde erfahrungsgemäß weniger aufgeschrieben als in Männerklöstern.

Nächste und wohl wichtigste Spur, die er verfolgte, war die Äbtissin Mechthild, in deren Amtszeit die genannte Besitzurkunde fällt. Sie starb am 21. Dezember. Das Jahr war den damaligen Protokollern jedoch unwichtig. In einer Äbtissinenliste aus dem 18. Jahrhundert fand Maier zwei Mechthilds, die passen könnten. Wie also einkreisen? Dabei half der Hinweis, dass ein gewisser Zeisolf der Äbtissin den Hof geschenkt hatte. Eine Mechthild lebte von 1038 bis 1068. Aber der Todestag war ein anderer. Wobei das nicht allzu viel zu sagen hatte. „Es wurde damals geflunkert und Lücken einfach phantasievoll gefüllt“, weiß der Dozent.

Nun gibt es aber noch eine Dissertation, in der eine Arithild (1094 - 1113) erwähnt wird. Handelte es sich vielleicht um einen Fehler bei einer der Abschriften und Arithild sollte Mechthild heißen? Maier konnte es nicht sagen. Nur soviel: Mechthilds als auch Arithild hatten Kontakte zu der Familie der Zeisolf-Wolframs, von der das großzügige Geschenk kam. „Die Schenkung muss also um 1120 gewesen sein. Aber es sind viele Wenns und Abers dabei“, sagte Maier.

Nun hatte der Historiker das Datum eingekreist. Weitere Anhaltspunkte fand er über die Siedlungsgeschichte. „Erste Siedlungen sind entlang alter Straßen entstanden“, wusste er. Solche Straßen dürfe man sich nicht als feste Wege sondern eher als Korridore vorstellen, die mehrere 100 Meter breit waren. Die Rennstraße ist eine solche und hatte im Mittelalter eine große Bedeutung. Sie führte aus der Mainebene über den Taunuskamm bis nach Limburg. „Sie war also der Vorgänger der B 8 oder A 3“, schmunzelte Maier. Die Rennstraße verläuft westlich von Cratzenbach. Etwas oberhalb des heutigen Dorfes und damit näher an der wichtigen Straße lag Alt-Cratzenbach, das auf 1100 datiert wird. Ein Schafhof am Standort des heutigen Dorfes hat die Einwohner wohl bewogen, dorthin abzuwandern. Mit dieser Erkenntnis erscheint auch der Eichelbacher Hof nun in einem neuen Licht. In dessen Nähe gibt es Reste einer kleinen Burg und die könnte zur Sicherung der Rennstraße gedient haben. „Bisher wusste man nie so recht, was der Eichelbacher Hof für eine Funktion haben sollte, mitten in der Wildnis.“

Das Ergebnis seiner Recherchen, die zwei bis drei Wochen in Anspruch genommen hatten, nannte der Heimatkundler ernüchternd. Es sei einfach kein Datum fest zu machen.

Aber er hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Denn es gibt noch Anknüpfungspunkte. Einer davon sind die Verwandtschaftsverhältnisse der Zeisolfe und ein weiterer ominöser Punkt: Im Besitzverzeichnis taucht ein „Starkerat“ auf, der einen Hof und eine Mühle stiftet. Das ist die einzige Eintragung die zeitlich zugewiesen werden kann. „Es gibt aber keinen Anhaltspunkt wo sich diese Mühle befunden hat. Starkerart ist praktisch unser Mister X.“ Wenn es ein Dokument gibt, in dem eine Mechthild, ein Zeisolf und ein Starkerat zusammen auftauchen, dann erst wäre man dem Datum auf der Spur.

Bis dahin nimmt er als vorsichtiger Mensch das Jahr 1120 als Geburtsstunde Cratzenbachs an. „Feiern Sie also ruhig 2020 900 Jahre“, rief er den Anwesenden zu.

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