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Schlosserei Haag wird privates Mehrfamilienhaus: Wohnen mit Industriehallen-Charme

Von Zurzeit sorgen in der Kernstadt gleich mehrere Gebäude aus der Zeit um 1920 für Aufsehen. Eines wurde schon abgerissen, andere werden saniert, umgebaut oder umgenutzt. Die Rede ist vom Postgebäude, dem ehemaligen Industriebau Haag, dem inzwischen verschwundenen Gebäude der Fahrschule Paul – jeweils in der Bahnhofstraße – sowie vom Amtsgerichtsgebäude, das gerade von der Polizei bezogen wurde. Die genannten Bauwerke schaut sich die Taunus Zeitung der Reihe nach einmal genauer an. Heute blicken wir in Vergangenheit und Zukunft der ehemaligen Schlosserei Haag. Christiane und Peter Maeßen erwarben das Anwesen Haag in der Bahnhofstraße. Inzwischen gehen die Handwerker ein und aus und verleihen dem alten Prachtbau neuen Glanz.
Oft auf der Baustelle und dann immer bei der Arbeit: Peter Maeßen öffnet sein Industriedenkmal am Tag des offenen Denkmals für Besucher. Bilder > Foto: Frank Saltenberger Oft auf der Baustelle und dann immer bei der Arbeit: Peter Maeßen öffnet sein Industriedenkmal am Tag des offenen Denkmals für Besucher.
Usingen. 

Nach dem Tod der letzten Bewohnerin aus der Schlosserfamilie versank das Anwesen Haag in der Bahnhofstraße in einen Dornröschenschlaf. Bauunterhaltung und Grundstückspflege wurden immer weniger, ein Schild „Zu verkaufen!“ wurde aufgestellt. Statt Rosen breiteten sich jedoch Disteln aus, der Zaun verfiel, und auch die Tage des alten Gebäudes schienen gezählt.

Aber der Denkmalschutz hielt seine schützende Hand über das Bauwerk, denn es gilt als herausragendes Industriedenkmal seiner Zeit in Usingen. Unbeachtet blieb das Haus daher nicht, der eine oder andere Interessent meldete sich, aber ein Verkauf kam lange nicht zustande.

Denkmäler geöffnet

Jährlich am zweiten Sonntag im September findet in Usingen der Laurentiusmarkt mit der Kerb statt. Aber dieser zweite Septembersonntag ist auch stets Tag des offenen Denkmals.

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„Zwei Häuser sind mir beim Vorbeifahren immer ins Auge gefallen“, sagt Peter Maeßen aus Eschbach. Das eine steht in Ober-Mörlen, das andere war das Haus Bahnhofstraße 20. Aber schon seit über einem Jahr juckt ihn das Ober-Mörlener Haus nicht mehr so, denn an dem in Usingen braucht er nicht mehr vorbeizufahren. Es gehört inzwischen ihm und seiner Frau.

Ein tragfähiges Konzept brauchte er schon, um Banken, Denkmalpflege und nicht zuletzt seine Familie zu überzeugen. Zu letzteren gehören drei Kinder im Alter des Flüggewerdens, aber die waren schnell für das Projekt „Mehrgenerationenhaus“ gewonnen. „Ach, ich hätte gerne die Wohnung, und ich die . . .“, gibt Maeßen Einblick in die familiäre Konversation. Gott sei Dank gibt es genug Platz, Räume und Wohnungen, aber es sollen auch Mietwohnungen entstehen, die nicht der Familie vorbehalten bleiben, das sieht die Finanzierung so vor.

Fast 100 Jahre alt: Die Fliesen im Hausgang sind noch gut erhalten.
Rührmaschinen für Salben und Cremes

Das Wohnhaus und Werkstattgebäude Bahnhofstraße 20 wird gerade aufwendigst saniert. Ein Flügel mit Garagen wurde bereits abgerissen und versetzt dazu mit dem Neubau neuer Garagen begonnen.

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Um genug Wohnungen zu schaffen, mussten die große Werkstatthalle sowie der rückwärtige Bau, ebenfalls mit Halle unten und mit der ehemaligen Schneiderwerkstatt oben, neu geplant werden. In der Unternehmervilla, dem stattlichen Wohnbau, der in die Industriehalle übergeht, waren so gut wie keine Veränderungen möglich, weil dort der Denkmalschutz oberste Priorität besitzt. Der Grundriss darf nicht verändert, alte Fenster und Türen müssen erhalten werden.

„Wir haben alle alten Fenster mit den alten Scheiben neu verglast, innen kommen neue Vorsatzfenster dazu“, erklärt der Bauherr, der gerne auch selbst Hand anlegt. Ein altes Zeichenbrettgestell hat er zum Bearbeiten der Flügel umfunktioniert: „Hier kann man sie drauflegen, hoch- und runterfahren und kippen, wie man es gerade braucht.“ Wenn nur alles so einfach ginge.

Hier und da waren die Statiker herausgefordert, so um im Dachgeschoss die nötige Kopffreiheit zu erreichen, ohne zu sehr in die tragende Konstruktion eingreifen zu müssen. „Das gibt ein Schlafzimmer“, sagt Maeßen in einem der schönsten Räume, nämlich dem hinter dem Giebel des Werkstattbaus zur Straße, wo Bundbalken versetzt werden mussten. Einer geht zwar mitten durch den Raum, liegt aber hoch genug.

Die Stahlstützen in der großen Halle konnten nicht alle freistehend und sichtbar bleiben. Doch bei einer in der Halle zum Hof klappt das vielleicht, aber auch da ist Architekt Stefan Dreier noch am Tüfteln. Stahlträger müssen eingebaut werden, um eine zweite Ebene einzuziehen. Zu den riesigen eisernen Hallentoren erklärt Maeßen schwärmerisch: „Das wird alles verglast, hier gibt es viel Licht!“

Und schwärmerisch wird er auch, wenn die Rede auf das Dach kommt: „Die Dachlandsschaft aus Naturschiefer hat mich von Anfang an fasziniert. Als der Dachdecker am Arbeiten war, bin ich oft hoch und habe mir das angeschaut, auch Aufnahmen mit einer Drohne wurden gemacht.“

Mit Lehmputz wurden die Decken der Villa aufwendig überzogen, darunter eine Deckenheizung, „Fußbodenheizung ging dort nicht.“ In einigen Räumen mussten Bauherr und Architekt unkonventionelle Lösungen finden, aber mit einer kooperativen Denkmalpflege gelang dies.

Der gesamte Gebäudekomplex ist ziemlich verwinkelt, und die vielen Räume, in welche die beiden Werkstatthallen – „was glauben Sie, wie viel Schornsteine es hier gab?“ – unterteilt sind, lassen das Innere wie ein Labyrinth erscheinen. Nicht anders ist es im Obergeschoss. Im Nordflügel befand sich noch bis in die 60er Jahre eine Uniformschneiderei. Die Bauleute fanden noch Zeugnisse dieser Zeit: „In den Ritzen, wo es durchzog, hatte man Stoffreste reingedrückt.“

Vieles bleibt erhalten, aber dennoch entstehen hochmoderne Wohnungen teils mit Loftcharakter, teils mit dem Flair des Unternehmergeistes, mit dem die Geschäftspartner Pittroff & Haag nach dem Ersten Weltkrieg eine ambitionierte Firma mit Unternehmervilla errichteten (Lesen Sie auch den Text über die Baugeschichte).

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