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Fluglärm in Bad Homburg: Am Himmel über Homburg

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Fluglärm? Gibt’s nicht in Bad Homburg. Zumindest nicht per Definition. Denn der Hochtaunuskreis liegt außerhalb jeglicher vom Gesetzgeber festgelegten Schutzzone. Und doch häufen sich in jüngster Zeit die Beschwerden über vermehrten Krach von oben. Nicht gänzlich unbegründet. Bilder > Foto: Maik Reuß (Maik Reuß) Fluglärm? Gibt’s nicht in Bad Homburg. Zumindest nicht per Definition. Denn der Hochtaunuskreis liegt außerhalb jeglicher vom Gesetzgeber festgelegten Schutzzone. Und doch häufen sich in jüngster Zeit die Beschwerden über vermehrten Krach von oben. Nicht gänzlich unbegründet.
Bad Homburg. 

Wer am Donnerstag, 4. August, im Kurpark unterwegs war, der dürfte öfter mal von einem Dröhnen über dem Kopf überrascht worden sein. Das zumindest belegen die vom Deutschen Fluglärmdienst (DFLD) täglich aufgezeichneten Messwerte der Flugbewegungen. Klickt man auf www.dfld.de, sieht man nämlich mehrere ausgeprägte Lärmspitzen, die sich zwischen 60 und 70 Dezibel bewegen. Das gilt auch für viele weitere der vergangenen Tage, etwa den Mittwoch, 13. Juli, den Mittwoch, 27. Juli, oder den Donnerstag, 28. Juli.

Nicht alle Lärmspitzen sind tatsächlich Flugereignisse – aber dennoch. Irgendwie hat sich der Krach gehäuft. Kein Wunder also, dass in den vergangenen Tagen viele besorgte Leser bei der TZ angerufen oder Mails an die Redaktion geschickt haben mit der Frage, was sich denn da so gerade am Himmel über dem Vordertaunus tut – und ob sich möglicherweise die Flugrouten geändert haben.

Gleich vorweg: „Das haben sie definitiv nicht“, wie Axel Raab, Pressesprecher der Deutschen Flugsicherung in Langen (DFS), die für die Flugverkehrskontrolle in Deutschland zuständig ist, betont. Er sagt, es sei seiner Erfahrung nach ein „Phänomen bestimmter Wetterlagen, dass mitunter Flugbewegungen stärker wahrgenommen werden“. Die Leute achteten plötzlich mehr darauf und hätten das subjektive Empfinden, dass mehr Flugzeuge über ihren Köpfen flögen als bislang.

Kreis aus der Kommission

Fakt ist: Strukturell hat sich durchaus etwas verändert. Der Hochtaunuskreis ist nämlich seit einem Jahr kein Mitglied mehr in der Fluglärmkommission Frankfurt, ein Gremium, das sowohl das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung als auch die Deutsche Flugsicherung und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung berät (TZ berichtete). Rausgeflogen ist der Kreis, weil er nicht die für eine Berufung erforderlichen Kriterien erfüllt.

Zum Thema: Flugrouten und Winde

Über Bad Homburg führt die Abflugroute „07 kurz“. Sie wird bei Ostwind genutzt. Ostwind gibt es bei etwa 30 Prozent der Wetterlagen. Genutzt wird die Route von kleineren oder mittleren Maschinen.

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Laut Luftverkehrsgesetz des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung richtet sich die Berufung bei den Kommunen nach ihrer Lage und danach, ob das Kreisgebiet tagesdurchschnittlich mindestens 100 Überflüge unterhalb von 6000 Fuß (1830 Meter) zu verzeichnen hat. Interessant ist das deswegen, weil in der 46 Mitglieder starken Kommission auch die 2014 gegründete Stabsstelle für Fluglärmschutz des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung vertreten ist, und zwar in Person deren Leiterin Regine Barth.

Die war vor ihrer Tätigkeit als Fluglärmschutzbeauftragte Leiterin des Bereichs Umweltrecht und Kontrolle beim Öko-Institut. In dieser Zeit hat sie ein vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenes Gutachten zur Prüfung von formell- und materiell-rechtlichen Vorgehensmöglichkeiten bei der Festlegung von Flugrouten erstellt, in dem sie als kritische Bereiche jene nannte, in denen „Überflugshöhen regelmäßig 10 000 Fuß über Grund überschreiten“. „Jetzt hat sie den Hut gewechselt, und schon sind die relevanten Fluglärmbereiche andere“, ärgert sich der Bad Homburger Dr. Berthold Fuld, der Vizepräsident der Bundesvereinigung gegen Fluglärm ist und als solcher in der Fluglärmkommission sitzt und die Sache durchaus bedenklich findet. Barth war telefonisch nicht zu erreichen.

Spielraum der Flugsicherung

Noch bedenklicher ist für Fuld allerdings, dass die Überflüge über Bad Homburg in den vergangenen Wochen und Monaten scheinbar wirklich immer mehr geworden sind. Laut Fuld, der das auch beobachtet hat, kommen da mehrere Faktoren zusammen, warum das so ist: „Ich habe das Gefühl, dass derzeit intensiver über Bad Homburg geflogen wird, weil unter anderem der Gegenanflug bei Westwind immer weiter nach Norden verlegt wird – über Bad Homburg.“ Zwar nicht formell, denn es gibt ja festgelegte Flugrouten für die landenden Maschinen. Aber, so Fuld, „eben doch innerhalb des Spielraums, den die Deutsche Flugsicherung vom offiziellen Verfahren hat“. Weswegen auch vermehrt über dem Kurpark Flugzeuge auftauchten.

Beobachtungen an die Beschwerdehotline

Natürlich ist der Fluglärm über Bad Homburg nicht zu vergleichen etwa mit dem über Flörsheim, Neu-Isenburg oder Raunheim, der dort bekanntlich um ein Vielfaches höher und mitunter wohl kaum zu ertragen ist.

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Auch beim Abflug ist Homburg laut Fuld immer öfter betroffen. „Wenn die reguläre Startbahn West überlastet ist, dann wird eben ein Bogen geflogen – und die Flieger tauchen am Himmel über Homburg auf –, auch bei Westwetterlage.“ „Eigentlich sollte das die Ausnahme sein, um Konflikte zu vermeiden, aber ich habe den Eindruck, dass diese Abweichroute immer öfter freigegeben wird“, sagt Fuld.

Bei 7000 Fuß ist Schluss

Die Tatsache, dass viele Flugzeuge auch besonders tief über die Kurstadt flögen, Fuld spricht von 6000 bis 7000 Fuß – und eigentlich ist bei 7000 Fuß Schluss über der Kurstadt –, trage ein Übriges zur Lärmbelastung bei. Dass die 7000-Fuß-Grenze auch wirklich immer eingehalten wird, glaubt TZ-Leser Marcus Hett jedenfalls nicht. „Ich habe am vergangenen Dienstag um 9.31 Uhr ein Flugzeug über mein Haus brettern hören, das mir ziemlich nahe klang.“ Weil er sich schon seit Wochen bei der Fraport AG über das steigende Flugaufkommen beschwert – bislang allerdings ohne Resonanz – und sich mit dem Thema auseinandersetzt, weiß er auch, dass man übers Internet auf einer speziellen Flugradar-Seite schauen kann, wo sich gerade welches Flugzeug befindet. „Und dort sah ich, dass es sich um eine 747 gehandelt hatte, die nach Angaben dieser Seite in nur 4700 Fuß über mich geflogen war.“

Das konnte DFS-Sprecher Raab allerdings nicht verifizieren. Zwischen 9 und 9.40 Uhr zeigten seine Radaraufzeichnungen am Dienstagmorgen eine Boeing 777 der Fluggesellschaft United, die sich in über 9000 Fuß Höhe über Bad Homburg befand, eine Boeing 767 der British Airways in ähnlicher Höhe und einen Airbus A 380 in über 10 000 Fuß Höhe.

Aber klar ist natürlich: Je tiefer die Maschinen, desto lauter. Deswegen setzt sich Fluglärmexperte Fuld auch vehement dafür ein, dass die Flugzeuge beim Abflug erst an Höhe und dann an Geschwindigkeit gewinnen und beim Anflug insgesamt langsamer fliegen. „Das vermeidet Lärm.“

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