Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Christian Bollin Armaturenfabrik: Armaturen aus Oberursel für die ganze Welt

Von Seit Sommer ist die von Sossenheim nach Oberursel umgesiedelte Armaturenfabrik in Betrieb – 30 Mitarbeiter stellen hochmoderne, weltweit vertriebene Mess- und Regeltechnik her.
Die Fertigungshalle ist, wie der Rest des Gebäudes, energieeffizient und hochmodern. Foto: Matthias Reichwein Die Fertigungshalle ist, wie der Rest des Gebäudes, energieeffizient und hochmodern.
Oberursel. 

Oberursel an einem ganz normalen Mittwoch Vormittag: Ein Anruf aus Moskau geht bei der Christian Bollin Armaturenfabrik ein – gemeldet wird ein Störfall im Leitungssystem eines Kraftwerks nahe der russischen Hauptstadt. Es fehlte an Absperrarmaturen. Niemand auf der Welt könne helfen, nur Bollin. Die Anschlussspezifikationen werden schnell geklärt. Geht? Geht nicht? Geht! Sonderfälle gibt es bei Bollin nicht, alles ist irgendwie normal, etwas anders vielleicht.

Innovativste Technik, umweltfreundlich und autark

Dagmar Bollin-Flade, Enkelin von Firmengründer Christian Bollin, und ihr Ehemann Bernd Flade haben beim Bau ihrer neuen Fabrik im Gewerbegebiet „An den drei Hasen“ nicht nur auf luftige

clearing

Donnerstag kam der Auftrag. Fünf Armaturen sollten es sein. Sie wurden aus einer 1,5 Tonnen schweren Edelstahlwelle herausgetrennt und in einer CNC-Maschine passend gemacht. Freitagmorgen war der Kurier aus Moskau in Frankfurt gelandet, um 11 Uhr stand er bei Bollin am Tresen, draußen wartete das Taxi. Die fünf Teile packte der Kurier in eine Plastiktüte. Er würde sie als Handgepäck mit in die Kabine nehmen. Um 15 Uhr saß der Mann schon wieder mit Ziel Moskau im Aeroflot-Jet.

Hersteller von Armaturen für die Mess- und Regeltechnik gibt es viele. Die 1924 von Christian Bollin in Frankfurt-Sossenheim in einer Garage gegründete Armaturenfabrik ist eine davon. Der erst 2016/17 nach Oberursel gekommene Betrieb wird heute in dritter Generation von Gründerenkelin Dagmar Bollin-Flade und Ehemann Bernd Flade, beide Dipl.-Ingenieure und geschäftsführende Gesellschafter, geleitet. Mit Wirtschaftsingenieur Constantin Flade ist bereits die vierte Generation am Start, die fünfte hat gerade das Laufen gelernt.

Branchenprimus

Was das mit nur rund 30 Mitarbeitern relativ kleine Unternehmen – Jahresumsatz derzeit fünf Millionen Euro – zum Weltmarktführer macht, ist seine Ausrichtung. Massenproduzenten von Armaturen für die Mess- und Regeltechnik gibt es viele. Bollin hat sich auf kleine und mittlere Serien spezialisiert, auch auf Einzelstücke, wenn es sein muss, und die sind, so Constantin Flade, „gar nicht mal so selten“. 80 Prozent der Aufträge liegen zwischen einem und zehn Stück, 90 Prozent unter 50.

Diese Flexibilität und die Fertigungstiefe – nur wenige Teile, zum Beispiel Handräder, werden zugekauft – machen Bollin zum Branchenprimus. Die Armaturen aus Oberursel, 150 000 im Jahr, kommen überall dort zum Einsatz, wo in Leitungssystemen eingebaute Mess- und Regelinstrumente abgesperrt werden, um bei einer Havarie einer Pipeline nicht das System drucklos machen zu müssen.

Bollin Armaturen gibt es in 350 000 verschiedenen Ausführungen mit 10 000 verschiedenen Anschlusskombinationen. „Damit haben wir weltweit das größte Armaturenangebot auf diesem Gebiet “, sagt Bernd Flade und seine Ehefrau ergänzt: „Unsere Armaturen sind auf bis zu 600 Grad Celsius Betriebstemperatur und Drucke bis zu 600 bar ausgelegt.“ Was das heißt, erläutert Bernd Flade plastisch: „Wer sich einmal mit dem Kärcher auf den Fuß gespritzt hat und weiß, wie weh das tun, hatte es mit gerade einmal 120 bar zu tun. Wenn es beim Reifenaufpumpen zischt, liegen 2,5 bar an.“

Wie das Beispiel des Kunden aus Russland zeugt, ist Bollin in der Lage, innerhalb weniger Tage die gewünschte Armatur in Kleinserie oder als Einzelstück zu fertigen. Bernd Flade selbst hat die Programme für die CNC-Maschinen geschrieben. Sie sind alle miteinander vernetzt und hängen an einem großen Datenspeicher, der doppelt und dreifach gegen Absturz gesichert ist. „Eine Maschine kann unter Zugriff auf die im Speicher hinterlegten Daten binnen kürzester Zeit auf einen plötzlich hereinkommenden Auftrag wie den aus Moskau umgerüstet werden“, sagt Flade. Die kurzen Umrüst- und Produktionszeiten machen Bollin zum weltweit gefragten „Troubleshooter“. Das Geschäft mit der Eiligkeit brummt, „die Auftragsbücher sind randvoll“, so Bernd Flade.

Die Christian Bollin Armaturenfabrik hat in Deutschland 1200 Kunden, weltweit sind es 2000. „Wir haben Niederlassungen bei 22 Unternehmen in 22 Ländern, alle mit eigenen Kundenstämmen“, sagt Bollin-Flade. Die hohe Zahl an Kunden ist eine Lebensversicherung für das Unternehmen. Bernd Flade: „Wir sind breit aufgestellt. Kein Kunde hat mehr als 4,5 Prozent am Gesamtgeschäft, das gibt uns wirtschaftliche Sicherheit.“

Gutes Betriebsklima

Zukunftssorgen treiben die Unternehmerfamilie nicht um. In der zurückliegenden, mehr als 80-jährigen Firmengeschichte habe man sich stets dem wandelnden Umfeld angepasst, sich auf neue Werkstoffe und neue Fertigungsmethoden eingestellt. Anfangs waren es nur vier Werkstoffe, heute sind es bereits 40. Bollin-Armaturen werden heute überall in der in der Chemie-, Raffinerie- und Kraftwerksindustrie eingesetzt. Selbst ein dramatischer Rückgang bei Pkw-Kraftstoffen dürfte Bollin kaum ausbremsen können. Flade glaubt ohnehin nicht so recht daran, dass in ein paar Jahrzehnten alle Welt elektrisch fährt: „Eine Brückentechnologie, ich glaube eher an die Zukunft des Wasserstoffantriebs, und da sind wir dabei.“

Auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern an der Willy-Brandt-Straße im Gewerbegebiet „An den drei Hasen“ hat die aus Frankfurt-Sossenheim in den Taunus gezogene Armaturenfabrik Christian Bollin einen neuen Standort für rund sechs Millionen Euro geschaffen und sich damit „verfünffacht“, so Dagmar Bollin-Flade. Alles ging sehr flott. Von der ersten Idee, den Firmensitz nach Oberursel zu verlegen, und der Aufnahme des Betriebs im Juni 2017 sind gerade einmal neun Monate vergangen.

Derzeit hat Bollin 30 Mitarbeiter, „alle Sossenheimer sind mitgekommen“, freut sich Bernd Flade über die Treue seiner Mitarbeiter. Er führt das gute Betriebsklima darauf zurück, dass alle Mitarbeiter ein hohes Maß an Verantwortung tragen und selbstständig arbeiten, aber auch auf die flache Führungshierarchie: Offene Türen, jeder hat Zeit für den anderen und die Chefs leeren auch schon mal selbst die Papierkörbe aus.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse