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Bastler aus Neu-Anspach: Aus Alltagsautos macht Jürgen Dessau Rennwagen

Gisela und Jürgen Dessau haben ihr Leben mit einem MG-Roadster geteilt. 1964 hat er ihn in Oberursel gekauft und fährt ihn immer noch.
Hier kennt er jede Schraube: Jürgen Dessau mit seinem 105 PS starken MGB GT von 1968 mit festem Dach und Weber-Vergaser. Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Hier kennt er jede Schraube: Jürgen Dessau mit seinem 105 PS starken MGB GT von 1968 mit festem Dach und Weber-Vergaser.
Neu-Anspach. 

Vom Bewahren des Ursprünglichen, dem Beharren auf Originalzustand soll im Folgenden keine Rede sein. Vielmehr bewegt sich alles im Fluss des Lebens, ist Entwicklung und Veränderung. Gisela und Jürgen Dessau haben ihre beiden Oldtimer ins tägliche Dasein integriert – einer davon begleitet das Ehepaar seit sage und schreibe 53 Jahren.

Eine heute nicht mehr vorhandene Tankstelle an der Frankfurter Landstraße in Oberursel ist Ausgangspunkt einer großartigen Geschichte. Es ist 1964, und der gebürtige Oberurseler Dessau erblickt im Vorbeigehen einen zum Verkauf angebotenen Wagen. „Der hat mir gleich gefallen.“ Das englische Roadster-Fabrikat ist ein MG TD, 1951 gebaut und mit 54 Pferdestärken unter der langgestreckten Haube ausgerüstet. Zum Dessau’schen Haushalt gehört das „Morris Garages“-Produkt nach wie vor – jedoch in denkbar anderem Zuschnitt, mit deutlich gewandeltem Aussehen.

Das Motto des britischen Autoherstellers: Statt „Safety first“ geht es hier um „Safety fast“ – also Sicherheit und Schnelligkeit. Bild-Zoom Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.)
Das Motto des britischen Autoherstellers: Statt „Safety first“ geht es hier um „Safety fast“ – also Sicherheit und Schnelligkeit.

Mit seinen Luftschlitzen, frei stehenden Lampen und der klappbaren Windschutzscheibe hat der TD die Anmutung eines Vorkriegsautos – und passt so gar nicht in die bundesrepublikanische Wirtschaftswunderszenerie. Ein Umfeld, in dem „der Oldtimer-Gedanke nicht ausgeprägt ist“. Auch Jürgen Dessau, ein flotter Fahrer, denkt eher voraus und praktisch. Schon nach wenigen Jahren ist ihm der rollende Gefährte zu langsam – auf der „Hausstrecke“ zwischen Hohemark und dem Großen Feldberg lässt er sich nur äußerst ungern überholen.

Gelernter Dreher

Dass der „anglophil angehauchte“ Meister fast jeden Handgriff bei Um- und Anbau selbst bewerkstelligen kann, ist seinen beruflichen Anfängen als Dreher geschuldet. Den Maschinenbau hat er zudem studiert, danach beim Oberurseler Automobilzulieferer Max Kammerer gearbeitet. „Dort konnte ich nach Feierabend die Werkstatt benutzen.“ Kein Wunder also, dass aus dem braven MG-Modell ein anderes Kraftfahrzeug wird.

„Nur Chassis und Karosserie haben sich erhalten“, sagt Dessau, der mit Ehefrau Gisela den aktuell 800 Mitglieder starken MG Car Club Deutschland mitbegründet und ein Jahrzehnt lang geleitet hat. Umgerüstet auf die jüngere MGA-Technik, entsteht ein von 108 PS dominiertes Rennmobil, dem die ausschwingenden Kotflügel ebenso genommen werden wie die alte Brems- und Antriebsanlage.

Erinnerungsstück aus seiner aktiven Zeit: Jürgen Dessau ist stolzer Besitzer eines feuerfesten Rennoveralls aus dem Jahr 1971. Bild-Zoom Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.)
Erinnerungsstück aus seiner aktiven Zeit: Jürgen Dessau ist stolzer Besitzer eines feuerfesten Rennoveralls aus dem Jahr 1971.

Die Farbe ändert sich in rasantes Schwarz, andere Sitze und ein selbst angefertigtes Armaturenbrett mit mehr Infotechnik halten Einzug. Weil sich die verschiedenen MG-Elemente aufgrund von Baukasten-Passgenauigkeit ordentlich integrieren lassen, ist die Aufgabe keine unlösbare. Das Alltagsauto des mittlerweile in Neu-Anspach wohnenden Paares – „wir haben damit alles gefahren“ – wird renntauglich. „Auch im Winter sind wir ohne Seitenscheiben auf die Strecke gegangen – da waren wir abgehärtet.“

Oldtimer-Renngeschäft

Abgehärtet genug, um sogleich ins Oldtimer-Renngeschäft einzusteigen. Gisela Dessau, die als Lehrerin tätig war und damals mit dem eigenen MGA zur Bad Homburger Arbeitsstätte gelangt ist: „Mit unserem Rennauto sind wir zu den Wettbewerben gefahren und haben bei Wind und Wetter an der Strecke campiert.“ Von den zahlreichen Erfolgen bei Rallye und Racing künden die Pokale in der mit Hebebühne bestückten Werkstatt.

Inzwischen Produktion in China

Von der britischen Traditionsmarke ist nicht mehr viel übriggeblieben. Bis 2005 war die Automarke im Besitz der MG Rover Group, danach übernahm die chinesische Nanjing Automobile Group die Markenrechte,

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Besonders in Erinnerung sind die frühen Teilnahmen und Siege bei der „Nürburgring-Show“ zu Beginn der 70er. Aus der Veranstaltung wurde dann der berühmte „Oldtimer-Grand-Prix“ – „heute nur noch eine Schickimicki-Angelegenheit“. Geerdeter ging es zumindest während der „Butzbach Rallye“ zu, als der Gewinner sogar einen Sack Kartoffeln mit nach Hause nehmen durfte. Dass Jürgen Dessau einst schneller als Walter Röhrl war und von Franz Josef Strauß den Rennanzug signiert bekam, sind Geschichten, für die der Platz hier nicht ausreicht.

Heute gilt die Hingabe des 75-Jährigen noch einem weiteren Fahrzeug aus der legendären Abingdon-Fertigungshalle. In „Dragon Green“ blitzt ein 1968 gefertigter und auf 105 PS gebrachter MGB GT mit festem Dach und Weber-Vergaser. Verwandelt ist auch dieses Modell, bestückt mit Originalteilen, nach denen nicht lange gesucht werden musste. „Der englische MG-Fanclub hat sogar die Werkspresse vor dem Verschrotten gerettet.“

Zahnpasta-Werbung

Längst hat sich Materialbestand auch in Anspach angesammelt. Zollwerkzeuge sind vorhanden, ganze Schubfächer voller Muttern, Sprengringe, die Reparaturanleitungen für alle MG-Baureihen. Selbstverständlich herrscht Übersichtlichkeit, ist jeder Gegenstand griffbereit. Wie auch jenes Zahncreme-Werbeplakat, auf dem der Dessau’sche Roadster in Bezug zu „Strahler 75“ gesetzt wurde – wer erinnert sich nicht an die Melodie „Strahlerküsse schmecken besser, Strahlerküsse schmecken gut“?

Wer stattdessen lieber den Wind küssen möchte, muss mit dem TD ins Gelände. Das halbe Jahrhundert hat seine Spuren hinterlassen, abgegriffen ist das großformatige „Bluemel’s Brooklands“-Lenkrad. Noch aber ächzen Eschenholzrahmung und angenageltes Karosserieblech nicht, noch brüllt der Sportwagen beim Hochdrehen wie ein Löwe. 160 Kilometer pro Stunde sind trotz hohen Luftwiderstands drin – werden derzeit auf den Kreisstraßen im wildromantischen Usinger Land jedoch nicht in Szene gesetzt.

„Das Fahren ist hier noch Arbeit: keine Servolenkung, keine Servobremse“, sagt Jürgen Dessau, der schon quer durch Europa gesteuert ist, ungezählte Kilometer hinter sich gelassen hat. Seinen Gleichdruck-Vergaser stellt er nach wie vor mit Hilfe von Ohr und Schlauch ein. Jetzt betätigt er den Blinkerhebel, schaltet gangweise hoch, lässt den alten Kameraden laufen.

Geradeaus geht der Blick über die Motorhaube, die Landschaft kommt unmittelbar heran, wird spürbar. Und mit einem Male bist du nah dran am berühmten Hölderlin-Wort: „Komm! Ins Offene, Freund!“.

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