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Christine Kalus: Bühne frei für Bodybuilder

Christine Kalus betreibt einen Sport, der vielleicht wie kaum ein anderer von Vorurteilen geprägt ist: Bodybuilding. Gerade Frauen müssen sich oft anhören, dass Muskeln unweiblich seien. Man braucht aber nicht nur einen ausdefinierten Körper, sondern auch ein dickes Fell und viel, viel Disziplin, um erfolgreich zu sein. Wir haben Christine Kalus bei den Vorbereitungen für den Großen Preis von Hessen am Samstag in der Oberurseler Stadthalle begleitet.
Kurz vor dem Auftritt: Vanessa Stork (rechts) kümmert sich um Haare und Make-up von Christine Kalus. Foto: Jochen Reichwein Kurz vor dem Auftritt: Vanessa Stork (rechts) kümmert sich um Haare und Make-up von Christine Kalus.
Oberursel. 

Vier Spots leuchten die Bühne aus. Weißes, hartes Licht fällt auf den Körper von Christine Kalus, die dort oben in einem türkisen Badeanzug posiert. Jeder Muskel ihres Körpers ist angespannt – sie lächelt. Nachdem der Moderator die nächste Pose „Front-Ansicht“ angekündigt hat, dreht sie sich zum Publikum und schaut direkt in den gut gefüllten Saal. Die 38-Jährige steckt mitten im Wettkampf, der da heißt: Internationaler Großer Preis von Hessen im Bodybuilding in der Klasse Fitness-Figur. Wenn die Richter sie heute unter die Top 2 wählen, hat sie sich automatisch für die Internationale Deutsche Meisterschaft am 25. November in Bochum qualifiziert.

Wettkampf in unterschiedlichen Kategorien

Oberursel war am Samstag Schauplatz des Internationalen Großen Preises von Hessen 2017. In diesem Wettkampf konnten sich Sportlerinnen und Sportler für die Internationale Deutsche Meisterschaft qualifizieren, die am 25.

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Das wäre der Höhepunkt ihres Tages, der heute schon ganz früh begonnen hat. Es ist gerade mal 10 Uhr, da bespricht die Hockenheimerin mit ihrer Trainerin Monika Becht die ersten Details. „Am besten ich mache bei dir jetzt Farbe“, sagt Monika Becht – und zückt eine dieser Walzen und eine Farbwanne, wie man sie aus dem Baumarkt kennt. Erst gestern war Christine Kalus beim Tanning, also zum Bräunen, aber der Ton ihrer Haut ist immer noch zu hell. „Man muss sich vorstellen, dass dieses Scheinwerferlicht einen komplett weiß aussehen lässt, daher muss man übertreiben“, erklärt Monika Becht, die in Grünstadt ein Fitnessstudio nur für Frauen betreibt. „Sonst könnte man gar nichts erkennen.“

Farbe hält tagelang

Als Monika Becht die Bühnenfarbe gleichmäßig aufgetragen und auch Christine Kalus’ Zehen dabei nicht ausgespart hat – schließlich müssen die Sportlerinnen in offenen Stöckelschuhen posen – geht es auch schon zum Wiegen. Der durchtrainierte Körper von Christine Kalus ist jetzt schokobraun. Die Farbe, das hat sie noch im Treppenhaus auf dem Weg zur Bühne verraten, geht auch mit Wasser nicht wieder runter und wird sich erst im Verlauf der nächsten Woche abschwächen. Vielen Frauen wäre es wahrscheinlich unangenehm, mit einer, sagen wir mal, ungewöhnlichen Gesichtsfarbe zum Einkaufen oder Arbeiten zu gehen, aber Christine Kalus „steht da drüber“. Genauso wie Maren Butzke, Maren Senner, Theresa Wirth und Silas Krieger, dem einzigen Mann in Monika Bechts Team.

Im Studio fing alles an

Mit ihrer Starterlizenz und dem Ausweis werden die Frauen nach Klassen aufgerufen. Christine Kalus startet in der Kategorie Fitness-Figur. Damit liegt sie genau zwischen der Wellness-Klasse, in der die Frauen einen wohlgeformten Körper mit etwas Muskulatur haben, und der Physique-Klasse, wo es schon größere Muskelpakete zu bestaunen gibt. Die 38-Jährige hat nicht nur muskulöse Oberarme, an denen sich kleine Adern abzeichnen, und eine ebensolche Rückenpartie. Um ihre Bauchmuskeln würde sie mancher Mann beneiden. Ja, sie findet ihren Körper schön, sagt sie. Allerdings hat nicht die Natur ihn so geformt, sondern sie selbst.

Vor fünf Jahren hat alles begonnen. „Mein Mann und ich haben uns damals entschieden, ins Fitness-Studio zu gehen und ein wenig abzuspecken. Die 1,65 Meter große Brünette wog damals circa 70 Kilo. „Zuerst habe ich Kurse gemacht wie Bauch-Beine-Po und auch gut abgenommen. Aber wohl gefühlt habe ich mich trotzdem nicht“, erinnert sie sich. Dann habe sie ein Jahr lang ein Cardio-Training absolviert, erzählt sie weiter. Die Mädels aus ihrem Team kichern. Monika Becht, die den fragenden Blick der Reporterin, auffängt, grinst und sagt: „Das ist ein Insider. Cardio ist was für Pussys.“ Christine Kalus erzählt weiter. „Ich wog damals 52 Kilo, war also ganz dünn, und entsprechend sah ich auch aus. Das hat mir einfach nicht gefallen, und so habe ich mit Krafttraining angefangen.“ Schon nach kurzer Zeit habe sie Erfolge gesehen, gemerkt, wie sich ihr Körper verändert. „Das hat mich angespornt.“

Heute mag Christines Körper hart wie Stahl sein, mental ist sie es schon lange. Ein Schokoriegel, ein Softdrink oder ein Wiener Schnitzel mit Pommes – das ist als Athletin nicht drin. „Mein Mann und meine 16-jährige Tochter essen ganz normal, und ich koche täglich für sie. Da ist es manchmal schwer, nicht schwach zu werden“, gibt sie zu. Ihr Mann geht zwar nach wie vor regelmäßig ins Fitness-Studio, hat aber nicht den sportlichen Weg seiner Frau eingeschlagen. „Dafür isst er einfach zu gern“, sagt Christine Kalus.

Seit Februar hat sie sich auf den heutigen Tag vorbereitetet und seitdem einen strengen Diätplan eingehalten. Morgens gibt es ein Omelette aus drei Eiern und zwei extra Eiweißen. Über den Tag verteilt isst sie 1 Kilo Putenfleisch, das im Ofen geschmort wurde, mit Reis und gedünstetem Gemüse als Beilage. Danach macht sie eine Stunde Cardio-Training, mittags eineinhalb Stunden Krafttraining im Fitness-Studio und abends noch eine halbe Stunde Cardio. Doch es ist nicht so, dass Christine Kalus den ganzen Tag nichts anderes macht, als sich um ihren Körper zu kümmern. „Ich arbeite als Versicherungskauffrau“, erzählt sie. In ihrer Firma gebe es keinen Dresscode, und sie wähle ihre Kleidung nicht danach aus, ob man etwas von ihrem durchtrainierten Körper sieht oder nicht. Mit dem Ergebnis, dass sie von einer Kollegin vor einiger Zeit am Kaffeeautomat angesprochen wurde. „Sie hat mir deutlich gesagt, dass sie meine Figur nicht schön findet“, berichtet Kalus. „Einfach so. Früher hätte mich das getroffen, heute nicht mehr. Aber respektlos ist es allemal. Man kommentiert schließlich auch nicht die Figur dicker Menschen.“

Reiswaffel und Honig

Nach dem Wiegen geht es wieder runter in die Umkleidekabine. Die Frauen werden geschminkt. Lidschatten und Lippenstift müssen auffällig sein, damit man es auf der Bühne überhaupt erkennen kann. Danach ist die Frisur dran. Christine Kalus hat sich entschieden, ihr langes Haar offen zu tragen. Auch glitzernden Schmuck in Form von Ohrringen und Armbändern legt sie an, schließlich ist Bodybuilding ein Präsentationssport. Danach legt sie sich auf ihre Iso-Matte und legt die Beine hoch. Dazu gibt es noch ein paar Reiswaffeln mit Honig drauf als Nervennahrung. In dieser bequemen Position versucht sie noch ein wenig Ruhe zu bekommen, bevor sie raus auf die Bühne muss.

Nach etwa einer halben Stunde geht es los. Fetzige Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Mit Christine Kalus stehen noch zwei weitere Athletinnen ihrer Klasse im Rampenlicht. Die Hockenheimerin hat die Startnummer 46. Jetzt muss alles leicht aussehen, auch wenn sie ihre Muskeln anspannt. Die Frauen drehen sich auf Ansage im Uhrzeigersinn. Insgesamt vier Posen müssen sie zeigen. Jeweils zwei Seitenansichten sowie Rücken und Front. Fünf Minuten dauert etwa dieser Auftritt. Ob sich das monatelange harte Training ausgezahlt hat, entscheiden heute die Kampfrichter.

Nicht der Pokal zählt

„Sie achten auf den Gesamteindruck, die Symmetrie und Proportion des Körpers, gar nicht so auf die extreme Ausprägung von Muskeln“, wie Monika Becht erklärt, die selbst als Bodybuilderin aktiv und erfolgreich war und vier Deutsche Meistertitel in der Figur-Klasse sowie einen als Deutsche Meisterin im Bodybuilding hat. „So ein Pokal ist am Ende gar nicht wichtig, auch wenn es eine tolle Auszeichnung ist. Was Bodybuilding ausmacht, ist der Weg zu so einer Präsentation, das Durchhalten und Weitermachen. Immerhin trainieren über 9 Millionen Menschen in deutschen Fitness-Studios. Davon schaffen es nicht mal 1000 auf so eine Veranstaltung“, so die 40-Jährige.

Schon kurze Zeit später werden die Frauen wieder auf die Bühne gerufen, die Platzierungen werden verkündet. Christine Kalus erhält den zweiten Platz. Sie strahlt. Monika Becht kommt auf die Bühne und umarmt ihren Schützling. Es ist der zweite offizielle Wettkampf von Christine Kalus. Ihr Mann sitzt im Publikum und klatscht. Gleich werden sie zusammen feiern, und auch mit den Mädels aus ihrem Team wird sie noch anstoßen. Dazu gibt es zur Feier des Tages ein Stück selbst gebackene Torte von Silas Krieger. Und ab morgen ist wieder Disziplin gefragt, denn nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf.

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