E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Homburg 26°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Puppen: Carolin Pietscher-Bücker hilft mit ungewöhnlicher Therapie-Methode

Handpuppen helfen nicht nur bei der persönlichen Entwicklung, sondern auch dabei, Konflikte zu lösen. Wie genau das funktioniert, erklärt Therapeutin Carolin Pietscher-Bücker.
Carolin Pietscher-Bücker lässt den bösen Zombie der Prinzessin den Schatz klauen. Das ist nur ein Teil ihres Konzepts des therapeutischen Puppenspiels. Foto: Jochen Reichwein Carolin Pietscher-Bücker lässt den bösen Zombie der Prinzessin den Schatz klauen. Das ist nur ein Teil ihres Konzepts des therapeutischen Puppenspiels.
Friedrichsdorf. 

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hielte die Puppenspielerin ein verknittertes Stück Packpapier in den Händen. Wer genauer hinschaut, erkennt aber: Das Ding hat ein Gesicht. Und wenn Carolin Pietscher-Bücker ihre Finger bewegt, ist es, als erwache die Handpuppe zum Leben. Die 53 Jahre alte Köppernerin tritt allerdings nicht an einer Theaterbühne auf – sie ist Ergotherapeutin und Diakonin. Das Puppenspiel hat sie erlernt, um damit Kinder therapieren zu können. Heute arbeitet sie vor allem mit Grundschülern aus der Region.

Die Packpapier-Puppe ist erst vor kurzem bei einem Workshop entstanden. Ebenso ein zehn Zentimeter großer Alufolien-Mann. „Puppen kann man aus fast jedem Material herstellen“, sagt Pietscher-Bücker. Beim Objekttheater würden sogar Gegenstände zu Figuren – eine Suppenkelle oder ein Apfel zum Beispiel. Erst der Spieler gebe der Puppe einen Charakter. „Das ist intensive Arbeit mit dem Selbst. Die Handpuppe wird zum Stellvertreter und zur Projektionsfläche. Ich spiele das, was in mir drin ist, so wird es für den anderen sichtbar“, sagt sie.

Handpuppen warten im Koffer auf ihren Einsatz. Bild-Zoom Foto: Jochen Reichwein
Handpuppen warten im Koffer auf ihren Einsatz.

Kinder, aber auch Erwachsene lernten beim gemeinsamen Puppenspiel sich selbst und die anderen besser kennen. „Das ist ganz wichtige Beziehungsarbeit“, sagt Pietscher-Bücker, die selbst Mutter von drei Kindern ist. Sie betont aber auch: „Das sind keine Bühnenpuppen. Dafür müssten die Gesichter grotesk überzeichnet sein. Diese Puppen dagegen sind ganz nah an uns dran.“

Hilfe zum Selbstbauen

Wenn sie eine Schulklasse besucht, hat Pietscher-Bücker einen Koffer voll mit faustgroßen Styrodur-Stücken dabei – eigentlich ist das Material für die Dach-Dämmung gedacht, aber es eignet sich auch hervorragend, um Puppenköpfe herzustellen. Die Stücke hat sie schon grob in Kopfform gebracht. Mit Modelliermasse formen die Kinder Nase, Mund, Augen und Ohren. Wolle oder Kunstfell eignen sich prima als Haar für Prinzessinnen, Prinzen und andere Gestalten. Am fertigen Kopf wird ein 15 Zentimeter langer Stock für den Puppenspieler befestigt, oder ein großer Fingerhut. Ärmel von abgelegten Blusen und Pullis werden zu Kleidern, mit Schlitzen für Daumen und Mittelfinger des Puppenspielers. Und im Schatzkästchen finden die Kinder Krone und Schmuck für ihre Figur. „Das bedeutet Wertschätzung. Die Puppe wird wertvoll gemacht“, sagt die Puppenspielerin. Das Schatzkästchen sei auch später als Requisite besonders wichtig. „Manchmal streiten sich die Kinder darum, deshalb habe ich immer mehrere dabei. Denn der Schatz steht für das Kind selbst.“

Bevor es aber losgeht muss der Tisch noch zum Schloss werden: Ein hellrotes Glitzertuch wird zum prunkvollen Gemach, ein grasgrünes Tuch zum Garten und ein blaues Seidentuch zum Teich. Dann können die Handpuppen einziehen, etwas vom Plastikobst probieren, im Schlossgarten spielen und schlafen – bis der böse Zombie kommt und den Schatz klaut.

Pietscher-Bücker erklärt: „Auch böse Figuren drücken einen Teil von uns aus. Aggression hat auch Kraft. Und sie gibt die Gelegenheit, zu fragen: Warum bist du wütend?“ Um den Schatz zurückzuerobern seien auch Waffen erlaubt, ein kleines Spielzeugschwert zum Beispiel – aber nur für die Puppen.

Keine Zeit zum Spielen

Deren Geschichten erfinden die Kinder beim Spielen. Pietscher-Bücker sagt, viele Eltern könnten heute gar nicht mehr spielen, vor lauter Arbeit und Stress. Und für die Kinder heiße es allzu oft nur lernen, lernen, lernen. „Aber beim Spielen entwickelt sich auch Lernkompetenz“, so ihre These.

Therapeutisches Puppenspiel könne Kindern mit ADHS helfen, werde aber auch bei Schulverweigerung und bei der Bewältigung von Traumata und Missbrauchserfahrungen eingesetzt. Sogar eine „Deutsche Gesellschaft für Therapeutisches Puppenspiel“ (DGTP) gibt es. Pietscher-Bücker ist die stellvertretende Vorsitzende.

Das Alu-Männchen sei von einer Therapeutin geschaffen worden, die mit jugendlichen Straftätern arbeite, erklärt sie. „Da sind Scheren, Messer und Stecknadeln verboten.“ Auch Therapeuten, die chronisch kranke Kindern im Krankenhaus mit Hilfe von Puppen aufmuntern, müssen mit bestimmten Materialien zurechtkommen. „Dort sind nur sterile Dinge erlaubt.“ Für Kinder mit lebensbedrohliche Krankheiten werde die Puppe zum Begleiter. „Und oft können mit ihrer Hilfe Eltern und Kinder wieder zueinander finden.“

Sie kenne Therapeuten, die zerstrittene Schulklassen dazu gebracht haben, wieder miteinander zu reden, sagt Pietscher-Bücker. Aber auch Manager würden mittels Puppenspiel gecoacht und ein Konflikt in einem Kirchenvorstand habe ebenfalls gelöst werden können. Für die Arbeit mit Flüchtlingskindern seien Puppen gut geeignet, gerade wenn sie noch nicht gut Deutsch könnten. „Die brauchen dann zum Spielen oft alle Puppen, die ich dabeihabe, weil sie aus Großfamilien kommen.“

Zwei Lieblingspuppen hat Pietscher-Bücker selbst. Die eine ist Dodi, eine 50 Jahre alte blonde und etwas abgeliebte Schlenkerpuppe. „Die habe ich im Alter von drei Jahren geschenkt bekommen“, verrät die Puppenmutter. Die andere ist ein neu modelliertes Kamel, aus einem alten Pullunder. „Das Kamel ist ein wertvolles Tier. Es steht für Stärke, Ausdauer und dafür, auch unter schwierigen Bedingungen durchzuhalten“, sagt die Puppenspielerin.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen