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Diskussion: Darf ein Roboter segnen?

Würde Martin Luther heute leben, er hätte wahrscheinlich einen Twitter-Account oder einen Youtube-Kanal. Was passiert, wenn Religion auf Digitalisierung prallt? Das wollte Pfarrer Fabian Vogt herausfinden und entwickelte einen Segensroboter. Und „BlessU-2“, wie er getauft wurde, polarisiert die Gläubigen.
PfarrerFabian Vogt Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) PfarrerFabian Vogt
Hochtaunus. 

„Kirche darf auch mal provokant sein“, findet Pfarrer Fabian Vogt. Eine Einstellung, die er offenbar mit seinem „Kollegen“ Martin Luther teilt. Dieser nagelte bekanntermaßen 1517 eine Thesensammlung an die Kirchentür zu Wittenberg – der Beginn der Reformation. Und zur Weltausstellung 500 Jahre Reformation in Wittenberg im vorigen Jahr hatte Fabian Vogt mit seinem Team den Segensroboter „BlessU-2“ für die Evangelische Kirche in Hessen Nassau (EKHN) entwickelt.

„Eigentlich hatte mein Sohn Moritz, damals 12 Jahre alt und gerade in seiner Star-Wars-Phase, die Idee dazu“, erinnert sich Vogt, der mit seiner Familie im Oberurseler Stadtteil Oberstedten lebt. Am Abendbrottisch habe er damals in die Runde gefragt, welche Aktion er zum Thema Segen auf die Beine stellen könnte.

„Ich fand die Idee super und habe gleich einen Freund, der als Ingenieur bei Siemens arbeitet angerufen“, erinnert sich der gebürtige Frankfurter. Im Mai 2016 startete das Projekt, das Teil der sogenannten Lichtkirche bei der Weltausstellung war. „Der Segensroboter war eine Station eines Parcours rund um die Kirche“, so Vogt, der sich besonders mit den Themen neue Gottesdienstformen und kreative Gemeindeentwicklung beschäftigt hat.

Auf Hessisch

„BlessU-2“ ist so groß wie ein Mensch, wiegt etwa 80 Kilo und spricht sechs Sprachen – und sogar Hessisch. Er hat einen Touchscreen, mit dessen Hilfe die Besucher der Ausstellung entscheiden konnten, ob sie von einer männlichen oder weiblichen Stimme gesegnet werden wollen. Nach der Sprachauswahl ist es auch möglich, sich für einen klassischen Segen, einen Reisesegen oder einen Segen zur Ermutigung oder Erneuerung zu entscheiden.

„Alle Segenssprüche wurden von Muttersprachlern gesprochen. Die männliche deutsche Stimme ist die von Fabian Vogt selbst. Für ihn eine leichte Übung, schließlich hat er als Sprecher der „Gottcasts“ im Hessischen Rundfunk (HR) unter dem Titel „Moment mal“ reichlich Erfahrung gesammelt. „Schwierig war es, jemanden zu finden der Italienisch spricht, da bin ich eines Tages eines zu meinem Pizzabäcker gefahren“, plaudert der 50-Jährige aus dem Nähkästchen.

Handflächen leuchten

Wenn der Roboter dann mit einem mechanischen Rasseln seine Arme erhebt, die Handflächen aufleuchten und er seinen Segen spricht, dann sieht das schon ein wenig befremdlich aus. Vielleicht auch deshalb, weil das Gesicht des Roboters bewusst nicht menschenähnlich gestaltet wurde. „Er soll wie eine Maschine aussehen, denn das ist er ja schließlich auch“, findet Fabian Vogt, der seit 2015 für die EKHN Kommunikations-Projekte entwickelt.

Der Segensroboter löste ein ungeahntes Medieninteresse aus. Rund 3,6 Milliarden Medienkontakte darunter diverse in- und ausländische Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen berichteten über „BlessU-2“. Kann ein Roboter segnen? Diese zentrale Frage wurde hitzig diskutiert.

„Wir haben zwei interessante Themen miteinander verknüpft, wie ich finde“, erläutert Fabian Vogt. „Spirituelle Handlungen und Digitalisierung. Was sollen Roboter können? Was dürfen sie und was nicht? Ich bin der Ansicht, die Kirche muss darüber nachdenken und wir brauchen eine Ethik in der Digitalisierung.“

Erstaunt sei er aber gewesen, dass es tatsächlich auch Menschen gegeben habe, die sich durch „BlessU-2“ in ihrer Spiritualität angegriffen gefühlt haben. „Der Roboter sollte ein Kunstwerk sein, eine Installation mit der Absicht, über das Thema Segen ins Gespräch zu kommen. Diesen Zweck hat er erfüllt“, stellt der Theologe und Autor mehrerer Bücher klar.

Doch zurück zu der Kernfrage. Kann ein Roboter segnen? „Ganz klar nein“, antwortet Vogt. „Aber auch ein Mensch kann es nicht, denn die Quelle des Segens ist Gott selbst. Der Mensch oder in diesem Fall der Roboter ist nur das Medium, das den Segen weitergibt.“ Doch –um mal im Bild zu bleiben: Es braucht nicht nur einen Sender, sondern auch einen Empfänger, um den Segen wirken zu lassen. Wenn unsere Seele also nicht auf „On“ geschaltet ist, ist die Verbindung unterbrochen, ganz gleich, wer oder was der Übermittler ist.

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