Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Antike Kunst: Der Pferdekopf kommt auf die Saalburg

Von Sein Fund elektrisierte die Fachwelt: 2009 wurde bei Ausgrabungen bei Waldgirmes der Pferdekopf einer Reiterstatue aus der Römerzeit gefunden. Dass er künftig auf der Saalburg gezeigt werden soll, steht jetzt fest, nur das Wann noch nicht.
Restauratorin Angelika Ulbrich betupft in der Archäologischen Restaurierungswerkstatt im Schloss Biebrich in Wiesbaden den bronzenen, römischen Pferdekopf. Die Aufnahme entstand im März 2010. Foto: Arne Dedert (dpa) Restauratorin Angelika Ulbrich betupft in der Archäologischen Restaurierungswerkstatt im Schloss Biebrich in Wiesbaden den bronzenen, römischen Pferdekopf. Die Aufnahme entstand im März 2010.
Hochtaunus. 

Als er 2009 entdeckt wurde, war dies eine wissenschaftliche Sensation: der Pferdekopf von Waldgirmes. Nicht wenige stellen den Fund auf eine Stufe mit dem Keltenfürsten vom Glauberg und der Himmelsscheibe von Nebra. Archäologen hatten den Pferdekopf eines Reiterstandbilds – vermutlich des Kaisers Augustus – bei Ausgrabungen nahe der mittelhessischen Gemeinde in elf Metern Tiefe in einem Brunnen unter schweren Mühlsteinen entdeckt. Seitdem wird um den zukünftigen Verbleib des 2000 Jahre alten Kopfes gestritten. Jetzt steht fest, dass das Römermuseum Saalburg das Rennen macht.

Saalburgdirektor Dr. Carsten Amrhein will das jedoch noch nicht bestätigen und verweist auf die Zuständigkeit des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Allerdings sagt er auch, dass sich über „so ein Ausstellungsobjekt natürlich jeder Museumsleiter freuen“ würde. Jetzt kann sich Amrhein auch offiziell freuen, denn auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigte das Ministerium: „Ja, der Pferdekopf wird künftig im Römerkastell Saalburg präsentiert.“ Allerdings stehe noch nicht fest, wann das geschehe.

Warten aufs Urteil

Denn derzeit wartet man noch auf ein Gerichtsurteil des Landgerichts Limburg, das noch im Laufe des ersten Quartals gefällt werden soll. Hier streiten das Land Hessen und der Bauer, dem das Grundstück gehörte, auf dem der Kopf gefunden wurde, um die zu zahlende Entschädigungssumme. Dem Landwirt steht – nach der bis vor einigen Jahren geltenden Rechtsprechung – eigentlich die Hälfte des Werts des Sensationsfunds zu. Während er 1,8 Millionen Euro fordert, hatte das Land zunächst 48 000 Euro als Angebot unterbreitet. Ein Kompromissvorschlag des Gerichts über 500 000 Euro wurde vom Land akzeptiert, von der Gegenseite aber erneut abgelehnt. Ein unabhängiges Gutachten kam zu dem Urteil, dass das antike Stück 1,64 Millionen Euro wert sei. Doch selbst wenn das Urteil bis Ende März gesprochen wird, bedeutet das möglicherweise nicht das Ende des juristischen Tauziehens, denn es kann Rechtsmittel dagegen eingelegt werden. „Aber: „Der Ausgang des Verfahrens hat keinen Einfluss auf den Ausstellungsort“, bekräftigt eine Sprecherin des Ministeriums.

Doch was macht den Pferdekopf so außergewöhnlich? Zunächst ist die 14 Kilo schwere Bronze äußerst kunstfertig gearbeitet. Reste weisen darauf hin, dass das Reiterstandbild des Kaisers vergoldet war. Die Art der Gestaltung lässt vermuten, dass es in Italien gefertigt wurde. Allein das gefundene Objekt wäre schon bemerkenswert, überraschend ist jedoch der Fundort. Denn das heutige Waldgirmes liegt außerhalb der Grenzen des damaligen Römischen Reiches. Dort hätte ein Augustus-Standbild eigentlich nichts zu suchen. Überraschend auch das Fundumfeld, denn offenbar befand sich hier einst eine römische Zivilsiedlung.

Aufgrund dieser Ergebnisse sehen viele Historiker die lange gehegte Ansicht, die Römer hätten erst unter Statthalter Varus mit der Organisation Germaniens als Provinz begonnen, als überholt an. Varus hatte dieses Amt erst 7 n. Chr. übernommen. Ein Jahr später hatte Kaiser Augustus das Gebiet jenseits des Rheins in einer symbolischen Geste ins Imperium integriert. Doch militärisch konnten die Römer diesen Anspruch nicht durchsetzen.

Die Anlage von Waldgirmes stärkt dagegen die These, dass Augustus bereits früher die Ausdehnung des Imperiums anstrebte. Diese Expansionspläne fanden freilich mit der verheerenden Niederlage der Römer in der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ein jähes Ende. Auch die Siedlung bei Waldgirmes, wohl um 5 v. Chr. angelegt, scheint bald darauf aufgegeben worden zu sein. Fortan stand die Absicherung der Grenze nach Germanien im Mittelpunkt der römischen Politik, in deren Zuge später der Limesbau erfolgte.

Der Bau einer dauerhaften zivilen Siedlung, wie sie die Grabung bei Waldgirmes nahelegt, spricht auch dafür, dass Augustus die Eroberung dieses Teiles Germaniens nicht nur militärisch verfolgte. Das deckt sich mit dem, was der Geschichtsschreiber Cassius Dio um 205 n. Chr. berichtet. Er spricht davon, dass die Römer seinerzeit einzelne Landesteile in Besitz genommen hatten, nicht aber zusammenhängende Gebiete. In diesen Bereichen habe man auch an strategisch wichtigen Punkten Städte angelegt. Waldgirmes war offenbar eine davon. Möglicherweise sollte die Siedlung die Funktion eines Kolonisierungszentrums für die neue Provinz übernehmen sollte. Der Pferdekopf ist somit ein Dokument eines grundsätzlichen Wandels der römischen Politik. Zunächst Ausdruck römischen Expansionsstrebens, dann aber auch ein Symbol des Scheiterns. Das macht die Bronze so einzigartig und eröffnet einen neuen Einblick in ein bislang wenig bekanntes Kapitel der römischen Geschichte in unserem Raum.

Warum die Statue schließlich in einem Brunnen landete, weiß man derzeit noch nicht. Möglicherweise haben sie die Römer zerschlagen und im Brunnen versenkt, damit sie nach ihrem Rückzug nicht den Germanen in die Hände fiel. Vielleicht war es eine Opfergabe der Germanen, nachdem sie die römische Siedlung in Besitz genommen hatten. Hier ist man auf weitere Forschungen angewiesen.

„Idealer Ort“

Dass nun die Entscheidung für die Saalburg als Ausstellungsort des Pferdekopfs gefallen ist, kommt nicht gänzlich unerwartet. Denn das Land Hessen verfolgt die Strategie eines dezentralen Landesarchivs. Sie sieht vor, dass es gleich mehrere Museen gibt, die sich verschiedenen historischen Epochen widmen. Und so wie das Museum am Glauberg für die keltische Epoche zuständig ist, ist die Saalburg eben für die provinzialrömische Archäologie in Hessen zuständig. Die Saalburg ist zudem Standort des Informationszentrums für die Unesco-Welterbestätte Limes und widmet sich als einziges Museum in Hessen ausschließlich der Römerzeit. Fazit des Wiesbadener Ministeriums: „Aufgrund dieser ausgezeichneten Gegebenheiten ist die Saalburg für den Pferdekopf der ideale Ausstellungsort.“ Damit sind die zarten Hoffnungen im Lahn-Dill-Kreis auf ein eigenes Museum für den Pferdekopf dahin.

Das Exponat stellt das Saalburgmuseum vor eine Herausforderung. Denn der Pferdekopf stammt aus der Regierungszeit des Kaisers Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.), das Römerkastell Saalburg selbst wurde aber – wie bereits erwähnt – im Zuge der Limesbefestigung erst knapp 200 Jahre später errichtet. Entsprechend stammen die meisten hier gezeigten Funde aus einer anderen Epoche. Für die Präsentation des Pferdekopfs müsste also eine neue Räumlichkeit geschaffen werden, in der das Exponat aufgrund seiner zeitlichen Sonderstellung gezeigt werden kann. Doch sind das sicherlich Probleme, die Amrhein und sein Team gern lösen werden. Mit der Entscheidung pro Saalburg hat man sich sogar gegen den Pariser Louvre durchgesetzt. Das berühmte Museum fragte, so wird kolportiert, an, ob es den Pferdekopf im Rahmen einer Augustus-Ausstellung zeigen dürfe – und erhielt eine Absage.

Wo sich der Pferdekopf bis zu seiner Präsentation auf der Saalburg befindet, ist geheim. Aus versicherungstechnischen Gründen könne der aktuelle Aufenthaltsort nicht mitgeteilt werden, so das Ministerium.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse