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Literatur: Der, der nicht Häuptling sein wollte

Von Fragen um „Das deutsche Krokodil“, um Identität und Klasse: Literaturwissenschaftler und Philosoph Ijoma Mangold hatte großes Publikum bei seiner Lesung in der Stadtbibliothek. Warum?
Autor Ijoma Mangold las in Bad Homburg aus seinem autobiographischen Werk über seine Kindheit. Foto: Jochen Reichwein Autor Ijoma Mangold las in Bad Homburg aus seinem autobiographischen Werk über seine Kindheit.
Bad Homburg. 

1971 wurde er geboren, seit 2013 arbeitet er als Literaturchef der Zeitung „Die Zeit“, dazwischen: Die Kindheit in Heidelberg, Schule, Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie und viele, viele Erlebnisse und Erfahrungen. „Es verblüfft oft, wie wenig man sich selbst kennt“, sagt Ijoma Mangold trotzdem. Im Sabbatical in den USA hatte der Journalist Zeit, seine Schreiblust einmal nicht beruflich abzuarbeiten und suchte nach einem Thema.

Oft dachte er an die noch nicht lange verstorbene Mutter, an seine Kindheit und Jugend. Sein Vater bekam einst als Häuptlingssohn von seinem Dorf in Nigeria in den 1960er Jahren ein Medizinstudium in Deutschland finanziert. In den patriarchalen Strukturen seiner Heimat ist es selbstverständlich, seinen Pflichten nachzukommen, den Gewinn des Studiums zur Verfügung zu stellen und die Erbfolge anzutreten. Ebenso selbstverständlich war es für die Mutter – Schlesierin, Psychotherapeutin und sehr unkonventionell – in Deutschland zu bleiben. Eine spannende Kombination für eine Kindheit.

Dieses Thema musste doch einmal bearbeitet werden. Eine Autobiografie jedoch sollte es nicht werden, eher ein biografischer Text, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben würde. Das erste Kapitel sollte die zehn Jahre der Kindheit umfassen. Mit Humor erzählt Ijoma Mangold. Er hatte schnell gemerkt, dass dieses freie Schreiben ganz anderer Vorüberlegungen bedurfte als die Rezensionen, die er für „Die Zeit“ schrieb. Als Ich-Erzähler wollte er zum Beispiel nicht in Erscheinung treten. Aus der Perspektive des Kindes sollten die Erinnerungen kommen, in der dritten Person also, über ihn, den Jungen. Damit hatte er eine literarische Figur geschaffen, die es auch ihm, dem Schreiber, leichter machen würde. „Wenn der Junge das Telefon abnimmt, meldet er sich mit seinem vollen Namen. […] neun Silben. Sie haben nicht nur Klang, sondern auch Rhythmus. […] Aber das ist nicht der Grund, warum er den Mund so voll nimmt; es ist der Versuch, sein Schicksal abzuschwächen. Sein zweiter Vorname, das ist seine Hoffnung, soll die Exotik seines ersten Vornamens mildern: Ijoma Alexander Mangold.“ Die Mutter brachte ihn oft in peinliche Situationen. Der Junge jedoch hatte ein starkes Bedürfnis nach Normalität und dem stand einiges entgegen – es gab keinen Fernseher, kein Auto, auch keinen Vater.

Krokodil am Fenster

Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer stand dafür ein Krokodil aus schwarzem Ebenholz, das der Junge nicht gern auf diesem Platz sah. Was sollten die Freunde denken, wenn sie zu Besuch kamen. Die Verbindung mit Afrika lag nahe und die wollte er gerade ausblenden.

Mangold liest von seiner Stempelsammlung, die ihm eine eigene Welt darstellte. Er berichtet von der Freundin seiner Mutter, die einzige Schwarze, die er kannte, mit der er alle paar Jahre, wenn sie zu Besuch kam, so etwas wie Normalität erleben konnte. Das Gymnasium ist ein Thema, altsprachlich aus Freundschaft und elitäre Kaderschmiede; die 6er-Gruppe, in der er spontan landet, rettet ihn vor Ausgrenzung. Und dann der Vater, der nach 22 Jahren kommt und einen männlichen Nachfolger braucht. Das weiße Häuptlingsgewand hat er gleich mitgebracht.

Eine lebhafte Aussprache schloss sich der kurzweiligen Lesung an, bei der Ijoma Mangold sehr offen und mit viel Humor auch die merkwürdigsten Fragen seiner gut 120 Zuhörer beantwortete.

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