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Geschäftsaufgabe: Der letzte Pelz von Kürschnermeister und Pelz-Experte Andelko Pavlinec:

Von Er verarbeitete jahrzehntelang mit Leidenschaft Pelze zu Mänteln, Jacken, Stolas und mehr: Andelko Pavlinec gibt sein Pelzatelier an der Wicker-Klinik aus Altersgründen auf.
Den Umgang mit Pelz, Nadel und Faden hat Kürschnermeister Andelko Pavlinec von der Pike auf gelernt. Foto: Jochen Reichwein Den Umgang mit Pelz, Nadel und Faden hat Kürschnermeister Andelko Pavlinec von der Pike auf gelernt.
Bad Homburg. 

Der Steinmarder liegt auf einem Bänkchen an der verspiegelten Säule, vor der sich Hunderte Damen im Pelz prüfend hin- und hergewendet haben. Ein Winterbalg mit besonders dichter Unterwolle, das vieles hätte werden können: Kragen, Mantel oder Stola. Nun aber wird das Fell des Marders, den Andelko Pavlinec in Burgholzhausen geschossen hat, mit in den Ruhestand gehen. Nach dreißig Jahren schließt der Kürschnermeister sein Geschäft im Sockel der Wicker-Klinik zum Ende des Jahres.

Der Maestro wirkt gelassen. Seine 74 Jahre sieht man ihm nicht an. Er ist, umringt von ungezählten Pelzmänteln, die von kräftigen Lampen ins Licht gesetzt werden, heiter und ganz der Geschäftsmann in der üblichen Dienstkleidung, einem weißen Baumwollkittel. „Der besagt, dass es bei dieser Arbeit nicht schmutzig zugeht“, meint er und zieht sofort einen Persianer hervor, der so gar nichts mit den sackartigen schwarzen Großmutterpelzen von vor fünfzig Jahren zu tun hat. Tailliert mit Stehkragen und in warmen Brauntönen gefärbt kommt er als ein junger Mantel daher, der eine Frau schmückt.

Geschoren oder gerupft

„Die werden gekauft, weil ich schöne Schnitte gemacht habe“, sagt er. Nicht anders ist es mit den Breitschwänzen, Füchsen, Waschbären, Lammfellen oder der weißen Kaninjacke, die schwarz abgesetzt ist. Ein Jäckchen wie ein Kuscheltier. Felle werden heute geschoren oder gerupft und haben ihre mächtige Wirkung verloren.

Pavlinec, 1943 in Zagreb geboren, 1965 nach Deutschland gekommen, seit 1976 mit dem Meisterbrief, der an der einzigen freien Wand im Laden hängt, selbständig, weiß alles über Pelze. Er liebt sein Metier.

Die Türglocke surrt, eine Kundin kommt herein. Sie war vorhin schon einmal da. „Mein Mann meinte, treffen wir uns im Pelzgeschäft. Da kann man ja nicht Nein sagen.“ Die Pelzkappen haben es ihr angetan. „Woher kommen die Felle eigentlich?“, fragt die Frau. „Aus skandinavischen Ländern“, antwortet Pavlinec. Die Tiere würden von den Züchtern nach den Gesetzesvorgaben gehalten wie andere Nutztiere, Kühe oder Schweine. „Die Käfiggröße ist vorgegeben. Die Leute halten sich dran. Wem das widerstrebt, muss sich beim Gesetzgeber beschweren und nicht einfach die Tiere freilassen.“ Er kennt diese Frage und wirbt um Vertrauen.

Ersatzkauf im Internet

„Mit Ohrenklappen wie die russischen Soldaten oder ohne?“ Die Kundin probiert verschiedene Modelle, blickt immer wieder in den Spiegel, setzt eine Nerzkappe auf, die sich um ihren Kopf schmiegt – und gefällt sich sichtlich. Nun noch auf ihren Mann warten fürs Urteil. Pelze kauft man mit Bedacht. Dafür halten sie lang, wenn nicht ewig.

Der Kürschnermeister greift in eine Reihe modischer Stoffjacken mit ausladender pelzumrandeter Kapuze, wie sie jetzt die Straßen bevölkern. „Die hier können Sie zehnmal in die Waschmaschine stecken, die sehen aus wie neu, die aus dem Kaufhaus nach zweimal waschen wie ein Lappen“, sagt er. Dem Ruhestand sieht er gelassen entgegen. „Ich bin mit meinem Fachgeschäft einer der letzten Mohikaner in der Stadt. Einen Nachfolger habe ich nicht. Der müsste 40 000 Euro investieren, und das will niemand. Dabei musste ich damals auch dieses Risiko auf mich nehmen.“ Die Kürschnerzunft gehe langsam verloren.

Er sagt weiter: „Viele bedauern das. Aber viele haben sich auch von mir beraten lassen, um dann im Internet zu kaufen. Danach kamen sie, wenn der Mantel nicht saß, wieder hierher. Aber meine Ausbildung war zu teuer, als dass ich das mache.“

Auf dem Tisch liegt neben PC und Nadelkissen die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Hessenjäger“. Pavlinec: „Ich jage keine Löwen, sondern unser Rehwild, Schwarzwild und Rotwild. Wenn ich dann auf dem Ansitz bin und zurückschaue, denke ich, ich habe viel erreicht und bin kreativ gewesen.“ Der weiße Arbeitskittel darf mit in die Rente. Die Baumwolle ist ja noch gut. Er wird ihn beim Streichen wieder brauchen.

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