Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Hochtaunus-Kliniken: Der tägliche Kampf gegen die Keime

Tausende von medizinischen Instrumenten aus den Operationssälen und den verschiedenen Klinikabteilungen durchlaufen pro Tag die Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte (AEMP) in den Hochtaunus-Kliniken. Früher Zentralsterilisation genannt, werden hier unter anderem benutzte OP-Bestecke gereinigt, desinfiziert und sterilisiert und so für den nächsten Einsatz keimfrei wiederaufbereitet.
In großen Sammelbehältern kommen die Utensilien bei Mitarbeiter Maurizio Pirastru an. Bilder > Foto: Matthias Reichwein In großen Sammelbehältern kommen die Utensilien bei Mitarbeiter Maurizio Pirastru an.

Kampf den Keimen – so könnte man, kurz und bündig, die Arbeit in der Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte (kurz: AEMP) im Kellerbereich der Homburger Kliniken beschreiben. Früher wurde diese Abteilung „Zentralsterilisation“ genannt. Das macht eher deutlich, worum es geht: Operationssiebe mit benutzten Instrumenten wie Zangen, Scheren und Klemmen aber auch Atemschläuche und -masken, Kabel, das Instrumentarium für minimalinvasive Eingriffe und weitere Werkzeuge aus dem Klinikbetrieb werden hier gereinigt, desinfiziert und, wenn es die Materialien erlauben, sterilisiert und so für eine neue Nutzung in den Instrumentenkreislauf zurückgeführt. Skalpelle sind übrigens nicht dabei. Die werden heutzutage nur einmal benutzt und dann entsorgt.

Bei den mehrfach verwendbaren Instrumenten muss sichergestellt sein, dass beim nächsten Einsatz weder den Patienten noch den Ärzten und Schwestern gesundheitliche Gefahren durch Mikroorganismen wie Keimen und Bakterien drohen. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn eine Infektion aufgrund von verunreinigten Instrumenten wäre für jede Klinik der Super-GAU.

OPs notfalls verschieben

Das weiß auch Janet Kosanke. Die gelernte Kinderkrankenschwester mit Leitungserfahrung auf verschiedenen Stationen ist seit Jahren die Chefin der AEMP. Sie sagt: „Wenn hier bei uns nichts mehr geht, dann steht das ganze Haus“. So etwas kann passieren, wenn es beispielsweise mit der Wasserversorgung mal ein Problem gibt. Denn wo kein Wasser, da kein Dampf und wo kein Dampf, da keine Sterilisierung. Deshalb gibt es für solche und ähnliche Störfälle Notfallpläne und Operationen werden notfalls verschoben. Gegebenenfalls übernehmen andere Kliniken kurzfristig die Reinigung.

Wir befinden uns auf der „unreinen Seite“, die baulich abgetrennt von den anderen Bereichen der AEMP ist. Das ist wichtig, denn auch so wird eine Keimverschleppung verhindert. Dort kommen in großen, stählernen Rollwagen rechteckige Metallcontainer voller benutzter OP-Siebe und medizinischer Instrumenten an.

Einer der elf Mitarbeiter, die alle fachkundig sind, ist Maurizio Pirastru. Er schaut nach groben Verschmutzungen, die er mit unterm Wasserstrahl abspült. „Wenn ich starke Verkrustungen bemerke oder dunkelrote, angetrocknete Blutanhaftungen, dann gebe ich die Instrumente ins Ultraschallbecken.“ Dafür nimmt er einen Metalldeckel von einer mit Wasser gefüllten Wanne. Ein Knopfdruck und es fängt an zu sirren. Das Wasser macht kleine Wellen, die Reinigung läuft. Einige Minuten lang und bei geschlossenem Deckel werden so festsitzende Schmutzpartikel gelöst.

Wie große Geschirrspüler

Einige der Instrumente müssen erst noch auseinander gebaut werden, bevor sie zusammen mit den übrigen medizinischen Werkzeugen samt Transportgestell in eines der neun Reinigungs- und Desinfektionsgeräte (kurz: RDG) geschoben werden. Jedes erinnert an den Geschirrspüler in der heimischen Küche. Sie sind allerdings größer und haben vorne und hinten durchsichtige Glasscheiben.

Man sieht Wasser spitzen, Schaumbläschen des speziellen Reinigungs- und Desinfektionsmittels laufen die Scheiben runter. Die intensive Reinigung bei 93 Grad dauert durchschnittlich eine Stunde. Hoher Wasserdruck müsse dabei unbedingt sein, sagt Kosanke: „Damit wird sichergestellt, dass auch die aufgesteckten Instrumente mit Hohlräumen gut durchgespült werden.“ Je nachdem, welche medizinischen Instrumente drin sind, laufen unterschiedliche Programme.

Pro Tag haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die 5800 einzelne medizinische Instrumente unter ihren professionellen Fittichen, sortiert in durchschnittlich 115 sogenannte Sterilguteinheiten, also Metallcontainer mit genormten Maßen.

Damit nichts verloren geht oder verwechselt wird und jedes Stück wieder am richtigen Platz landet, hat der komplette Prozess etliche Kontrollpunkte eingebaut und ist EDV-gestützt: Mit Scanner werden die Barcodes abgelesen. Über einen Flachbildschirm kann verfolgt werden, welche Operationen fertig sind, welche laufen oder noch kommen. Das ist für die Planung in der AEMP wichtig, die von Montag bis Samstag von 6 Uhr bis kurz vor 22 Uhr arbeitet. Am Sonntag gibt es eine Rufbereitschaft.

Reinigungstechnik und EDV stecken überall in allen Ecken der AEMP, sind aber nicht alles. Die ständige Kontrolle durch die Mitarbeiter ist auch im Jahr 2017 unabdingbar. Dabei müssen sie auch auf ihren eignen Schutz achten und beim Vorsortieren auf Spitzen oder scharfe Kanten aufpassen.

„Vorsicht ist geboten, damit sich die Mitarbeiter keine Verletzungen zufügen und sich nicht infizieren“, betont die AEMP-Leiterin. Besondere Schutzkleidung wie extralange Handschuhe, Mundschutz und Schutzbrillen komplettieren deshalb die Klinikbekleidung mit Kitteln und Hosen.

Die sind in der AEMP entweder blau oder grün, je nachdem, ob die Mitarbeiter auf der „unreinen“ oder „reinen Seite“ arbeiten. „Grün heißt bei uns drin, also auf der reinen Seite. Blau heißt draußen“, erklärt Kosanke. Um eine Keimübertragung zu vermeiden, ist beim Seitenwechsel immer auch ein Kleidungstausch inklusive der Schuhe absolut notwendig. Das gründliche Desinfizieren der Hände versteht sich von selbst. Auf die „reine Seite“ gelangen die Instrumente auf ihrer dreistündigen Säuberungsreise nach der Behandlung in den RDG, aus denen sie hier entnommen werden.

Hilfe vom Computer

An einem der Packtische schaut sich Mitarbeiterin Nalan Civelek durch eine starke Lupe die Instrumente an. Findet sie dabei Roststellen oder Blut- und Gewebereste, dann ist für diese Gerätschaften die Reise zu Ende. Entweder kommen sie zurück in die Reinigung oder sie werden aussortiert, um repariert oder endgültig entsorgt zu werden. Gerade hat die Mitarbeiterin eine Sprühdose in die Hand genommen. „Da ist ein spezielles Pflegeöl drin, mit dem ich diese Schere behandele, damit im OP nichts klemmt“, erklärt sie. Auch das Zusammensetzen der zuvor auseinander gebauten Instrumente geschieht hier. Dabei und bei der richtigen Bestückung der OP-Siebe hilft ein Computer über dessen Bildschirm ganze Packlisten und die passenden Infos zu den Instrumenten sogar mit Foto abgerufen werden können. Nach 20 Jahren in der Abteilung braucht Nalan Civelek diese Hilfe kaum noch. Bei ihr sitzen die Handgriffe aus dem Effeff. Ist ein OP-Sieb vollständig, kommt es in einen Aluminium-Container und wird dort in ein blaues Vlies eingeschlagen. Der Deckel der Metallkiste hat spezielle Filter, die wie eine Barriere wirken und keine Keime hinein-, den Dampf im schrankähnlichen Sterilisator aber durchlassen. Dort hinein wandern die Container samt ihrer Ladung und weiterer einzeln in dampfdurchlässige Tüten verpackter Instrumente. Jetzt geht es auch den letzten Keimen an den Kragen, denn im Sterilisator wird mit viel Dampf bei einer Temperatur von 134 Grad Celsius gearbeitet. Nach dieser Prozedur, die wie alle Prozessabschnitte nach festgelegten Vorgaben und Normen abläuft und regelmäßig überprüft wird, folgt eine genaue Endkontrolle und schließlich die persönliche Freigabe durch einen der Mitarbeiter. Jetzt sind die Instrumente für ihren nächsten Einsatz bereit und werden auf ihre Stationen und zu den OP-Sälen zurück gebracht.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse