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Krankenhaus: Die Nöte der Notaufnahmen

Von Das Modell der Notaufnahme muss deutschlandweit modernisiert werden – das hat sich der Bundesgesundheitsminister auf seine Fahne geschrieben. Die Schwächen im System zeigen sich täglich auch an den Hochtaunus-Kliniken, wo das Personal immer wieder Aufgaben übernehmen muss, für die eigentlich andere zuständig sind.
Zu volle Notaufnahmen sind nur eines von vielen Problemen im Gesundheitssystem. Foto: Federico Gambarini Zu volle Notaufnahmen sind nur eines von vielen Problemen im Gesundheitssystem.
Hochtaunus. 

Das Plakat an der Wand sagt mehr, als die Worte darauf. „Nur für Notfälle“ steht in dicken Buchstaben auf dem gerahmten Papier. Und darunter: „Für die reguläre, alltägliche Behandlung sind Sie hier hingegen falsch.“ Der Grund, warum der Aushang an einem prominenten Platz im Wartebereich prangt, ist schnell erklärt: So mancher Patient weiß schlicht und ergreifend nicht, dass er hier an der falschen Adresse ist. Wie in viele Krankenhäuser in ganz Deutschland kommen auch zahlreiche Menschen in die Notaufnahme der Hochtaunus-Kliniken, deren Beschwerden nicht bedrohlich sind und die deswegen eigentlich zu einem niedergelassenen Mediziner gehen müssten – eigentlich.

„Das Problem sind die langen Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt“, sagt Dr. Cornelius Gurlitt. Der Leiter der Notfallaufnahme am Bad Homburger Krankenhaus hält auch die neugeschaffenen Terminservicestellen, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) betrieben werden und innerhalb von vier Wochen in zumutbarer Entfernung einen Termin beim Facharzt vermitteln sollen, für gescheitert. Die Patienten akzeptierten es schlichtweg nicht, wenn sie Beschwerden haben und erst in ein paar Wochen einen Termin bekommen. Das habe etwas mit Anspruchsdenken zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass viele Menschen sich im Internet informieren und dann zum Beispiel bei Rückenschmerzen erfahren: Es könnte auch ein Bandscheibenvorfall sein . . .

Kooperation mit Praxen

Das Problem einer überfüllten und in vielen Fällen nicht zuständigen Notaufnahme hat sich zuletzt ganz massiv in den Weihnachtsferien gezeigt, als das Gros der Arztpraxen im Taunus geschlossen hatte. „In den Sommerferien haben wir das Problem nicht“, sagt Gurlitt. Traditionell gebe es in dieser Zeit weniger Patienten in der Notfallaufnahme der Hochtaunus-Kliniken, und auch die niedergelassenen Ärzte im Taunus seien aktuell gut aufgestellt. Die Frage nach gesundheitlichen Folgen der heißen Temperaturen sieht der Mediziner eher gelassen: „Ein schöner Sommertag ist potenziell nichts Gefährliches.“

Dieses Plakat hängt im Wartebereich der Klinik. Bild-Zoom Foto: Jochen Reichwein
Dieses Plakat hängt im Wartebereich der Klinik.

Was bleibt, sind die Schwächen im System – und dazu zählt vor allem die strikte Trennung zwischen der medizinischen Versorgung durch niedergelassene und durch Klinik-Ärzte. Verwirrend ist das für viele Patienten im Taunus nicht zuletzt deshalb, weil in Zeiten, in denen die Arztpraxen geschlossen haben, der Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) deren Versorgungsauftrag übernehmen muss – und der hat seinen Sitz ebenfalls im Homburger Krankenhaus. Die Notaufnahme schickt Patienten, die sich dort melden, aber nicht ernsthaft erkrankt sind, in den Randzeiten dann einen Eingang weiter. „80 Prozent kommen aber wieder vom ÄBD zurück“, sagt Gurlitt, der sich angesichts der hohen Zahl von rund 30 000 Patienten im Jahr mehr Entlastung erhofft.

Tagsüber läuft es meist besser. Das Klinikum ist auf Initiative der KV eine Partnerschaft mit niedergelassenen Ärzten eingegangen und arbeitet mit sogenannten Kooperations-Praxen zusammen, die kurzfristig Patienten übernehmen und versorgen. „Das hat sich bewährt“, sagt Gurlitt. Allerdings würden sich zurzeit noch zu wenige Fachärzte an dem Modell beteiligen.

Pilotprojekt in Usingen?

In den vergangenen Wochen wurden nun auf verschiedenen Ebenen Stimmen laut, die nach einer grundlegende Reform für die Notfallversorgung verlangen. Immer wieder taucht dabei die Forderung auf, dass es eine zentrale Anlaufstelle in den Kliniken geben soll, wo sich Patienten mit den unterschiedlichsten Erkrankungen melden können. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dazu sogenannte „Integrierte Notfallzentren“ schaffen. Die Versorgung solle an einem gemeinsamen Tresen organisiert werden, wo entschieden wird, ob die weitere Behandlung durch einen niedergelassenen Arzt oder einen Klinikmediziner erfolgt.

Das Klinikum Höchst hat ein solches Modell bereits eingeführt und laut Gurlitt die Notaufnahme des Krankenhauses auf diese Art um 30 Prozent entlastet. Geht es nach ihm, dann könnte eine vergleichbare Vernetzung beispielsweise als Pilotprojekt am Usinger Krankenhaus eingeführt werden – nur etwas besser. „Die Verwaltung muss elektronisch erfolgen“, sagt Gurlitt und verweist darauf, dass man sich in Höchst aus Datenschutzgründen noch mit Papier behilft.

Der Datenschutz ist auch eines der zentralen Probleme, warum es trotz jahrzehntelanger Überlegungen bis heute keinen gemeinsamen Tresen an den Hochtaunus-Kliniken gibt. Aber das hält Gurlitt mit Blick auf das angedachte Pilotprojekt für lösbar. Im August jedenfalls soll es einen Termin mit der KV geben, um die Möglichkeiten einer Verzahnung mit niedergelassenen Ärzten auszuloten. „Wenn es schon klare Qualitätskriterien gäbe, wäre vieles leichter“, sagt der Notfall-Mediziner. Neben den Fragen, welches Personal eingesetzt wird und welche Ausstattung notwendig ist, müsste auch geklärt werden, nach welchen Standards die Patienten zugeteilt und behandelt werden.

Die Achillesferse

Den Standort Usingen hält Gurlitt auch deshalb für geeignet, weil dort möglicherweise ohnehin nachgebessert werden muss. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), in dem Vertreter der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen sitzen, hat sich im April dafür ausgesprochen, die Zahl der Notaufnahmen deutschlandweit zu reduzieren. Vor allem kleinere Kliniken werden davon betroffen sein, weil viele von ihnen die neuen geforderten Standards nicht erfüllen können. Eine der Forderungen lautet zum Beispiel, dass binnen 30 Minuten ein Facharzt verfügbar sein muss. „Das ist die Achillesferse“, sagt Gurlitt und ist der Überzeugung, dass die Hürden für viele kleinere Häuser nicht zu meistern sind.

„Ich sehe den GBA-Beschluss trotzdem positiv, weil er Druck auf das System erzeugt – sowohl auf den Bereich der niedergelassenen Ärzte als auch der Kliniken“, sagt Dr. Cornelius Gurlitt. Die angekündigte Reform sei eine Chance, die ambulante und stationäre Versorgung stärker zu verzahnen und damit die Notfallaufnahme zu stärken und zu entlasten.

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