E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Homburg 15°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Handwerkergesellen: Drei Lehrjahre in fremden Ländern

Von Von Sizilien nach Usingen und dann erst mal einen Freund in der Nähe von Bruchsal besuchen: „Julian Fremder Schreiner frei reisender Begegnungsschacht“ – so nennt sich Schreiner Julian – ist auf der Walz und hat gerade ein Jahr hinter sich. Die große Freiheit seiner Wanderjahre hat es ihm angetan, auch wenn er derzeit durch den dünnen Joppen ordentlich friert.
Im Gallusviertel gibt es die Herberge der Wandergesellen am Sportplatz der SG 28, wo die Gesellen auch ein Bier bekommen. Bilder > Foto: rr Im Gallusviertel gibt es die Herberge der Wandergesellen am Sportplatz der SG 28, wo die Gesellen auch ein Bier bekommen.
Hochtaunus. 

Laut tockt der Wanderstock mehrmals auf den Boden, damit auch das ganze Rathaus weiß: Julian ist in Usingen angekommen. Der 26-Jährige sagt sein Sprüchlein auf – und der Rathauschef reagiert, wie er in diesen Fällen immer reagiert: Aus dem Geldbeutel von Steffen Wernard wandert ein Schein zum Wandergesellen, der sich mit noch einem Gedicht verabschiedet. Verstanden hat es keiner so richtig, dafür waren dem Schreiner wohl die Lippen noch zu sehr eingefroren, aber das kräftige Klopfen zeigt an, dass es nun weiter geht. Vorher muss er sich noch das Stadtsiegel in sein Wanderbuch stempeln lassen, das gehört zum Brauch.

Julian ist gerade mal ein gutes Jahr unterwegs in ganz Europa – also hat er noch zwei Jahre und einen Tag vor sich. Denn genau drei Jahre und ein Tag müssen es sein, gerne mehr, damit die Walz auch offiziell anerkannt ist. Sein nächstes Ziel ist Bruchsal, wo ein Freund wohnt. Dort hat er Winterklamotten zwischengelagert – nach Hause darf er nicht. Die Regeln der Walz schreiben vor, dass er um seine Heimat einen Bannkreis von 50 Kilometern nicht betreten darf.

Die Regeln der Walz haben es überhaupt in sich, Wanderschaft ist kein Urlaub. Schon im Spätmittelalter war diese Wanderzeit eine Voraussetzung für die Meisterprüfung. Die Gesellen des jeweiligen Berufs waren so gezwungen, neue Arbeitsweisen in anderen Ländern zu lernen und ihre Lebenserfahrung zu verbessern. So waren viele Gesellen in Holzberufen in Italien, da dort gerade dieses Handwerk weit mehr Feinheiten vorwies.

Blüte in den 20er Jahren

In den 20er Jahren erlebte die Walz ihre Hochzeit, ab 1960, in den Wirtschaftswunderjahren, sank die Zahl reisender Gesellen rapide. Erst ab etwa 1990 waren die Wanderer wieder vermehrt auf den Straßen anzutreffen, das Traditionsbewusstsein wuchs und wächst noch. Die Fortbewegung des Wanderers unterliegt strengen Maßgaben. Geld ausgeben für seine Reisen darf er nicht. Trampen ist angesagt, selbst öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt. Will er ins entfernte Ausland, wäre fliegen erlaubt, gerngesehen ist aber, dass der Geselle sich seine Überfahrt auf einem Schiff verdient.

Angekommen an seinem Zielort, sucht sich der Geselle je nach Beruf einen Job. Die meisten Betriebe sind den Reisenden gegenüber sehr aufgeschlossen, und gibt’s keine Arbeit, dann auf jeden Fall eine Mahlzeit und ein paar Euro. Einen Schlafplatz suchen ist nicht immer einfach. Hat der Arbeitgeber kein Bett frei, muss er sich privat eine Unterkunft suchen – kostenfrei, versteht sich. Julian etwa weiß nur zu gut, wie es im Freien ist, wenn der Hagel durch die Äste seiner Notunterkunft schlägt. Deshalb ist die erste Pflicht der Gesellen auch, freundlich und ehrlich zu sein. Denn nur so können sie sicherstellen, dass ein Herbergsvater auch dem nächsten Gesellen ein Dach über dem Kopf bietet.

Jede Zunft regelte im Allgemeinen die Bedingungen der Wanderschaft im Artikelbuch. Darin sind alle wichtigen Vereinbarungen wie Lohn oder Krankenversicherung festgehalten. Nach der Wiedervereinigung waren vor allem viele ostdeutsche Gesellen wieder auf der Walz, steigende Arbeitslosigkeit war mit ein Grund.

Auch Frauen unterwegs

Früher mussten die Reisenden in „Schächten“ Mitglied sein, inzwischen ist auch das Freireisen erlaubt. Drei Jahre und ein Tag müssen es sein, etwa bei den Schächten wie die „Rechtschaffenen Fremden“, „Rolandsbrüder“, „Fremden Freiheitsschacht“, „Axt und Kelle“ oder der „Freie Begegnungsschacht“. Die „Freien Vogtländer Deutschlands“ schreiben nur zwei Jahre und einen Tag vor. Mit der Wiederbelebung der Tradition durften auch Frauen auf Reisen gehen, aber derzeit erlauben nur der „Freie Begegnungsschacht“, „Axt und Kelle“ sowie die „Freireisenden“ die Erwanderung von Frauen.

2005 sollen etwa 800 Gesellen unterwegs gewesen sein. 2010 zählte man in Deutschland noch wenig mehr als 450 Wandergesellen, der Frauenanteil liegt bei etwa zehn Prozent. Nicht jeder Geselle darf auf Wanderschaft gehen. Gesellenprüfung ist Voraussetzung, ledig muss man sein, kinderlos, schuldenfrei und unter 30 Jahre alt – oft ist ein polizeiliches Führungszeugnis nötig. Die meisten Schächte haben eine Altersbegrenzung. Manchmal ist auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft erforderlich. Ein eventuell bereits erlangter Meistertitel muss während der Wanderschaft ruhen. Die Nationalität oder die Religionszugehörigkeit spielen keine Rolle.

Ganz wichtig: Der Wanderer muss in der Öffentlichkeit immer seine Kluft tragen und sich „immer ehrbar und zünftig“ verhalten. Seinen Besitz wie Werkzeug, Unterwäsche oder Schlafsack trägt der Geselle in einem „Charlottenburger“ (Charlie) oder in einem Felleisen, einem historischen Tornister der Schweizer Armee. Traditionell wird das Gepäck ausschließlich mit der linken Schulter getragen.

Am auffälligsten sind der sogenannte Stenz, also der Wanderstab, und die Bekleidung: Schwarzer Hut mit breiter Krempe, Zylinder, Schlapphut oder Melone und eine Kluft mit weiten Schlaghosen aus meist grobem Cord oder Deutschleder, Weste (acht Knöpfe), Jackett (sechs Knöpfe) und weißes Hemd (Staude). Die auf der Kluft und den Hemden getragenen Knöpfe sind traditionell aus Perlmutt oder zumindest einem Naturmaterial. Die Kluftfarben stehen für das Handwerk: Holzgewerke tragen Schwarz, Metallgewerke Blau, Steinhandgewerke Grau oder Beige, Lebensmittelgewerke das Pepita-Muster, farbgebende Gewerke Rot und naturbezogene Gewerke Grün.

In der Öffentlichkeit fallen meist die Zimmerleute als Wanderer auf. Sie haben die Tradition bisher am längsten erhalten. Aber auch andere Handwerker sind unterwegs, wie Tischler, Maurer, Betonbauer, Bootsbauer, Keramiker, Schmiede und viele mehr. Völlig verpönt ist der Abbruch der Wanderschaft. Sie darf nur mit wirklich zwingenden Gründen und in Absprache mit dem zuständigen Schacht unterbrochen werden, alles andere gilt als unehrbar.

Was der Wandergeselle immer mit sich trägt, ist das sogenannte Wanderbuch. Das absolut unersetzliche Dokument beweist die Wanderschaft – und darf nicht veröffentlicht werden. In ihm sind Arbeitszeugnisse und die Städtesiegel der besuchten Ortschaften eingetragen, nachdem bei deren Bürgermeistern mit dem traditionellen Handwerksgruß „zünftig um das Siegel vorgesprochen“ wurde. Generell machen Wandergesellen keine eigenen Eintragungen in ihr Wanderbuch, und dieses wird auch erst mit dem Ende ihrer Wanderschaft offiziell ihr Eigentum.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen