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Ein Stolperstein in Papierform

Von „Juden in Königstein“, ein Standardwerk zur jüngeren Stadtgeschichte, ist wieder erhältlich. In der Stadtbibliothek wurde jetzt eine „umfassend erweiterte Neuauflage“ der Arbeit von Heinz Sturm-Godramstein vorgestellt.
Königstein,Buchvorstellung Juden in Königstein,Großmann-Hofmann,Petra Geis Bilder > Foto: Jochen Reichwein Königstein,Buchvorstellung Juden in Königstein,Großmann-Hofmann,Petra Geis
Königstein. 

Sie hießen Cahn, Henlein, Spinak oder auch Rothschild, waren Landwirte, Händler und Mediziner, Hausfrauen und manche sogar von Adel. Dass sie überdies jüdischen Glaubens waren, dürften die Leute in der Stadt gewusst haben. Ob es wirklich eine Rolle spielte?

Vermutlich für den dünnen Bodensatz der Verbohrten, der Missgünstigen, der Hasserfüllten, die es wohl überall dort gibt, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Für das Gros der Königsteiner jedoch dürften die Juden in der Kurstadt noch bis zu Beginn der 1930er Jahre aber vor allem eines gewesen sein: schlicht Nachbarn und Mitbürger.

Darauf zumindest deutet das hin, was der frühere Königsteiner Stadtarchivar Heinz Sturm-Godramstein vor mehr als 30 Jahren über das Leben der „Juden in Königstein“ herausgefunden und 1983 im gleichnamigen Buch zusammengefasst hat.

Hochgeachtet in der Stadt

So berichtet Sturm-Godramstein von dem „hochgeachteten Bürger Helmut Cahn, der die Freiwillige Feuerwehr mitbegründet hatte und dem Stadtparlament angehörte. Er skizziert bei einem imaginären Spaziergang durch die Kernstadt, welche jüdische Familie, wo lebte und welchem Gewerbe nachging.

Wenn die Einwohnerschaft damals überhaupt zu einigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde auf Distanz gegangenen sei, so der Eindruck des Autors, dann nicht ob der Religion, sondern schlicht aus dem Gefühl heraus, dass diese Juden zu den „besseren Leuten“ in der Kleinstadt gehörten.

Wie mit der Machtergreifung der Nazis auch in Königstein aus jüdischen Nachbarn Ausgegrenzte und Opfer von Gewalt und Terror werden konnten – Sturm-Godramstein versucht erst gar nicht, das Nichtnachvollziehbare verständlich zu machen.

Er ist der Chronist der Ereignisse nach 1933 – vermeidet Pathos. Eine vernünftige wie klare Linie, an der sich auch diejenigen orientieren konnten, die jetzt die Arbeit von Sturm-Godramstein fortgesetzt und erweitert haben.

Einzelschicksale im Blick

Nachdem das Buch zuletzt auch in der Zweitauflage aus dem Jahr 1998 vergriffen war, waren es die Mitglieder der Königsteiner Initiative „Stolpersteine“, die mit dem Wunsch nach einer Neuauflage an die Stadt herantraten und dort Unterstützung fanden. Statt allerdings „nur“ die Vorlage Sturm-Godramsteins ein weiteres Mal in den Druck zu geben, war es Hedwig Groß, Petra Geis, Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann und den anderen Mitstreitern in der Initiative ein Anliegen, die Ergebnisse ihrer jüngsten, eigenen Recherchen zu den Schicksalen jüdischer Bürger nach 1933 noch einfließen zu lassen.

Herausgekommen ist so eine „umfassend erweiterte Neuauflage“, die von 226 Seiten auf 280 Seiten angewachsen ist und am Dienstagabend in der Königsteiner Stadtbücherei vorgestellt wurde.

Er sei froh und dankbar, betonte Bürgermeister Leonhard Helm (CDU) bei der Präsentation, dass sich die „Initiative Stolpersteine“ bereit erklärt habe, mit ihrer Arbeit die Erinnerung an jene Königsteiner wachzuhalten, die ob ihres Glaubens verfolgt, vertrieben oder gar ermordet worden seien. Gerade die Tatsache, dass das Buch die Einzelschicksale in den Blick rücke, mache das Ausmaß, das Unfassbare der Tragödie besonders deutlich.

„Als Stolperstein in Papierform“ wollen Petra Geis und die anderen Autoren ihren umfangreichen Beitrag zur Neuauflage verstanden wissen. Wenn es überhaupt einer Ergänzung und kleiner Korrekturen bedurft habe, dann sei das, so Geis, in keiner Weise als Kritik an Heinz Sturm-Gondramstein zu verstehen. Im Gegenteil. Der im vergangenen Jahr verstorbene „Vater des Königsteiner Stadtarchivs“ habe entscheidende Kärrnerarbeit geleistet, auf die auch die Initiative „Stolpersteine“ immer wieder zurückgegriffen habe.

Neue Möglichkeiten

Letztlich seien die neuen Erkenntnisse, die jetzt in den erweiterten Textteil eingeflossen seien, oft auch den modernen Möglichkeiten des Quellenstudiums geschuldet, die Sturm-Gondramstein schlicht nicht zur Verfügung standen. Gerade die intensive Recherche im Internet sei da für die Initiative ein besonderer Vorteil gewesen.

Dass die Grundsatzarbeit ihres Amtsvorgängers vor über 30 Jahren nicht überall in der Kurstadt auf uneingeschränkten Rückhalt stieß, daran erinnerte Mitautorin und Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann. Aus Rücksichtnahme auf verschiedentlich geäußerte Befindlichkeiten seien in der Erstauflage des Buches verschiedene Namen geschwärzt worden.

„Und es waren nicht die Namen von Opfern“, deutete Großmann-Hofmann den Ursprung der Befindlichkeiten an, die auch Hermann Groß und Elisabeth Kurz noch unangenehm in Erinnerung geblieben sind.

„Wir waren damals beide im Stadtparlament gewesen, Frau Kurz für die SPD und ich für die CDU. Und wir haben beide die Diskussionen von damals nicht vergessen. Es war teilweise peinlich“, blickte Groß, der ebenso wie Elisabeth Kurz bei der Präsentation am Dienstagabend anwesend war, auf die Ursprünge des Buchs „Juden in Königstein“ zurück.

Nachdem die geschwärzten Namen schon in der Zweitauflage von 1998 wieder kenntlich gemacht worden waren, sind sie jetzt auch in der dritten Auflage lesbar.

Was in der neuen Ausgabe fehle, so Großmann-Hofmann, sei leider eine Seite. Dafür sei eine andere Seite doppelt vorhanden. Allerdings sei das keiner Zensur, sondern einem Druckfehler geschuldet. Großmann-Hofmann: „Wir haben bei der Druckerei darauf hingewirkt, dass die fehlende Seite nachgedruckt wird, so dass wir sie beilegen können.“

Erhältlich ist das Buch „Juden in Königstein“ zum Preis von 12 Euro unter anderem beim Festakt zur Kogon-Preisverleihung am Freitagabend sowie von kommender Woche an bei der Kur- und Stadtinformation sowie bei der Millennium-Buchhandlung.

Die sehenswerte Ausstellung „Schicksale von Königsteiner Juden“, die den Rahmen der Buch-Präsentation bildete und in Verbindung zur Verlegung von 24 weiteren Stolpersteinen in der Kurstadt steht, ist noch bis Ostern in der Stadtbücherei zu sehen.

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