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Rundgang mit dem Ortsvorsteher: Ein sorgenvoller Blick zur Linde

Von Über Bauprojekte und Verkehrsprobleme wird häufig gesprochen – was aber macht das Leben und den Charakter der Oberurseler Stadtteile aus? Das wollte diese Zeitung wissen und hat die Ortsvorsteher zum Rundgang gebeten. Zum Auftakt sind wir heute mit Ludwig Reuscher (CDU) in Stierstadt unterwegs.
Die Dorflinde macht Ludwig Reuscher Sorge. Denn sie weist schadhafte Stellen auf. Die Dorflinde macht Ludwig Reuscher Sorge. Denn sie weist schadhafte Stellen auf.
Oberursel. 

Wenn Ludwig Reuscher durch sein Stierstadt geht, kommt er nur langsam voran. Immer wieder halten Autos an, gleiten Fenster nach unten, gibt es kurze Gespräche, Fragen und Hinweise. „Ludwig“ und „du“ – der Nachnahme des Ortsvorstehers fällt an diesem Nachmittag kein einziges Mal.

Ludwig Reuscher ist längst in seinem Stadtteil angekommen und möchte auch in keinem anderen leben. Im Ortsbeirat sitzt er für die Christdemokraten an der Tete, wobei man mit ihm als Steuermann offenbar einen Mann gefunden hat, der Stierstadt nicht nur liebt, sondern auch lebt. Wie vielfältig dieses Leben ist, zeigt sich, wenn man ihn um eineinhalb Stunden Zeit bittet, um mit ihm durch die Gassen zu wandeln. Vorab sei verraten: Eineinhalb Stunden sind zu kurz. Nicht weil Reuscher auf die Frage nach dem besonderen Charme Stierstadts beim Erzählen kein Ende findet, nein, es gibt einfach zu viel zu erzählen.

Der „Dorfrundgang mit Ortsvorsteher“ beginnt natürlich am Alten Rathaus. Reuscher zeigt als Erstes den Billardraum. Der „Billardclub Stierstadt“, der 1993 ins Leben gerufen wurde und heute rund 40 Mitglieder hat, habe sich zu einer beliebten Anlaufstelle entwickelt. Bisweilen wird der Raum auch für Jugendgeburtstage zur Verfügung gestellt, gegen kleines Geld, das auch „eckig“ sein und 20 Flaschen enthalten kann. So manches Vereinsturnier sei hier ausgetragen worden, erinnert sich Ludwig Reuscher.

Großes Maskottchen

Vereine gebe es in Stierstadt zwar immer noch, ihnen fehle es aber zum Teil am Unterbau. Und so sei es eben, wie es eben so sei: Die Arbeit und die Verantwortung bleibt immer an denselben hängen.

Ein paar Schritte weiter steht Stierstadts Maskottchen: der Stier. Mitten auf dem nach dem letzten Bürgermeister des Ortes – Heinrich Geibel – benannten Platz. Bürger kümmern sich um ihn, sie pflegen auch den Brunnen und den ganzen Platz, der zu einem beliebten Treffpunkt geworden ist. So manches Fest hat hier schon stattgefunden.

Weiter geht’s durch die engen Gassen, in denen sich Verkehrsberuhigung fast von alleine ergibt. Es fällt auf, dass Stierstadt früher ein Ort der Bauern war. Überall finden sich große, zweiflüglige Hoftore. Zum Teil stehen sie offen und geben so den Blick frei auf die meist mit sehr viel Liebe und Geschmack zu kuscheligen Wohnquartieren umgestalteten Hofreiten. Die Eigentümer legten großen Wert auf ihre bäuerliche Herkunft und pflegten das Erbe ihrer Väter entsprechend.

Die Nahversorgung in Stierstadt ist, so Reuscher, eigentlich gut: „Arzt, Apotheke, Bäcker, Metzger – alles noch da. Und dann haben wir ja auch noch unseren Netto.“ Und trotzdem: Reuscher zeigt auf mehrere Häuser, in denen früher Geschäfte waren, die aber das Sterben der Tante-Emma-Läden eben nicht überlebt haben. Das treffe leider auch auf die Gastronomie zu. Viel sei davon nicht mehr übrig.

Schiefer Turm

Angesichts des zwischen zwei Häuserreihen auftauchenden Kirchturms legt man instinktiv den Kopf etwas auf die Seite. Die Stierstädter wissen das natürlich alle: Mit ihrem schiefen Kirchturm haben sie im weiten Umkreis ein Alleinstellungsmerkmal. Mit ihrer aus dem 30-jährigen Krieg stammenden Dorflinde auch. Allmählich beginne man sich Sorgen um den Baum zu machen, an einigen Stellen weise er bereits Schäden auf, die Fachleute im Blick behalten müssen, sagt Reuscher. Auch der Lindenplatz sei ein beliebter Treffpunkt, erzählt der Ortsvorsteher und weist auf die von Handwerkern gestiftete Rundbank, auf der man, vorausgesetzt, man hat einen Platz ergattert, im Sommer durchaus einen Landregen trocken überstehen kann.

Reuscher schwärmt von der Feierlaune seiner Stierstädter, die sich ihre Feste einfach nicht nehmen lassen: Die Zeltkerb am ersten Juli-Wochenende zum Beispiel oder die zwei Wochen später stattfindende Bachtaufe. Erst wer die heil über-standen habe, sei wahrhaft ein waschechter Stierstädter.

Der Rheinländer Reuscher gehört zu dem erlauchten Kreis. 2008, damals war er „Orscheler Fastnachtsprinz“, Ludwig I., musste er durch den Wetebrunnen tauchen, in voller Montur, versteht sich. Er muss immer daran denken, wenn er am Brunnen vorbeikommt. Bedauerlich findet Reuscher nur, dass es den „Schlappenweitwurf“ nicht mehr gibt. Das Finanzamt, berichtet er, habe damals zu viel vom Erlös abhaben wollen, „es hat sich dann einfach nicht mehr gelohnt, und das Fest, eine Riesengaudi, ist leider eingeschlafen“.

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