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TZ-Mitarbeiter probiert 22 Schoppen: Ein wahrhaft köstlicher Trunk

Von Für alles gibt es Meisterschaften – Teebeutelweitwurf, Wettsägen, Jodeln, Hirschröhren, Burgeressen. Und im Schoppepetzen. Die Taunus Zeitung hat für alles ihre Leute, die gerne mittendrin statt nur dabei sind, etwa beim Schoppepetzen: Ein 22-faches Prosit der Gemütlichkeit . . .
Ein prüfender Blick auf die Farbe, dann probiert TZ-Mitarbeiter Alexander Schneider den nächsten Schoppen. Bilder > Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Ein prüfender Blick auf die Farbe, dann probiert TZ-Mitarbeiter Alexander Schneider den nächsten Schoppen.
Oberursel. 

In Oberursel fand am Wochenende die siebte Hessische Apfelweinmeisterschaft statt, in der „Straußwirtschaft Alt-Orschel“ – gemütlicher und authentischer geht’s nicht. Organisator der Nabelschau im Ge-rippten war Joachim „Jockel“ Döringer, ein Experte für alles, was am Baum der Erkenntnis wächst und sich als Labsal der Seele verflüssigen oder aufs Brot schmieren lässt.

Ein Foto von fröhlichen Zechern, ein paar Zeilen und der Name des Siegers in der TZ – das wär’s gewesen. War’s aber nicht. Da kennen Sie unseren Chef schlecht, der wollte es wieder einmal genau wissen und fahndete in der Redaktion nach einem, der etwas von Apfelwein versteht. Warum er da ausgerechnet auf mich kam? Ich muss wohl mal erzählt haben, dass ich als Kind keine Muttermilch bekommen habe, sondern gleich Ebbelwei. „Schreib einfach wie’s war“, hat der Redaktionsleiter gesagt, und solche Aufträge lob’ ich mir – erst letzte Woche die Nummer mit dem selbst gedrechselten Schoppedeckel im Hessenpark, jetzt das. Mal sehen, was ihm sonst noch einfällt. Nur gut, dass die Spargelsaison rum ist . . .

Von 1 bis 5

Das Prinzip des Formats „OSDS“ – Orschel sucht den Superschoppen“ ist schnell erklärt: Die 22 Sieger von 22 regionalen Apfelweinwettbewerben stellten 22 Proben in 22 Korbflaschen zur Blindverkostung bereit. Aufgabe der Tester war es, alle zu probieren und mit 1 wie „geht gar nicht“ bis 5 wie „Lecker“ auf einem Kärtchen zu benoten. Welcher Kelterer sich hinter den Nummern 1 bis 22 verbarg, wusste nur einer: Jockel. Der hatte die Liste, damit bloß nichts verrutscht, sicherheitshalber gleich auf zwei Computern abgespeichert. Gestern Abend stand dann fest: Neuer Apfelwein-Hessenmeister und Besitzer des Siegerbembels mit Goldrand ist Rudi Maas aus Hausen-Arnsbach.

Da standen sie nun in Reih’ und Glied. 22 Korbflaschen, alle dick eingemummelt in klitschnasse Handtücher. Jockel versteht etwas von Physik und kommt gerade mit der Gießkanne ums Eck: „Weißt du, wegen der Verdunstungskälte, da bleibt er kühl“. Gute Idee. Das hat meine Mutter früher auch immer gesagt, wenn sie in der prallen Sonne in nasse Handtücher eingewickelte Limonaden – leider keine Ebbelwei-Flaschen – an die Wäscheleine klammerte. Rasch konnte ich beim Probier-Marathon aber feststellen, dass die Abkühlung teils vergebens war. Merke: Es ist nie gut, der Erste am Hahn zu sein. Der Schlauch, der unten heraus und frei in der schwülen Luft hängt, ist natürlich mit Stöffche gefüllt und nicht gekühlt.

Alles Geschmackssache

22 Flaschen, eine verlockender als die andere. Auf den ersten Schluck jedoch nur, denn als Tester zapft man die Katze im Sack. Wie alles, ist eben auch Schoppepetzen Geschmackssache. Während der eine dem güldenen Quell der Freude huldigend auf die Knie fällt, wendet sich der andere mit Kussmund entsetzt ab: „Der ist es bestimmt nicht“. Es war jedoch Jammern auf hohem Niveau. Immerhin hatten 22 Apfelweinkönige, darunter auch Koryphäen aus dem Hochtaunus, ihre Schoppen ausgestellt. Oft waren es Nuancen, die über Krönung oder Exil entschieden.

Experte ist, wem es gelingt, seine bei Blindverkostungen gemachten Eindrücke schlüssig zu erklären. Da war zum Beispiel mein alter Kumpel aus Kronberg, Bernd Girold. Er fachsimpelte mit seinen Skatbrüdern über den „13er“. Ich hatte ihn mit einer „3“ bewertet. Bernd, der alte Feinschmecker, meinte allen Ernstes, die „13“ habe einen Erdbeer-Ton. Und während wir Umstehende uns noch wunderten, ruderte Bernd auch schon wieder zurück. Vielleicht liege es ja auch am Leberkäse, den er vorher gegessen hat. Ob das jetzt eher dem „13er“ schmeichelt, dem Leberkäse oder gar den Erdbeeren – darüber wird heute sicher noch gerätselt.

In der Tat sind beim Blindverkosten die Geschmäcker verschieden. Die Pegel der „Rückschütt-Eimer“ dienen als Spiegel, variierten je nach Qualität. Bei denen unter den besten war am Ende noch der Boden zu sehen. Es wäre auch schade um jeden Tropfen gewesen.

Die „8“ ist am besten

Ich zum Beispiel habe mich in die „17“ verknallt, ein leichter Rosé-Ton, süffig, mild im Abgang – das könnte etwas werden zwischen uns beiden. Beim zweiten Durchgang war die „17“ aber schon wieder abgemeldet, die „8“ war’s jetzt, kräftig, fruchtiger Körper, man schmeckte die Sonne, in der die Äpfel förmlich badeten, aus denen dieser wahrhaft köstliche Trunk gepresst wurde. Die „8“ blieb mein Favorit.

Die Techniken der Tester waren unterschiedlich. Da gab es Grüppchen, die, die Schlucke fachmännisch kauend, leise ihre Eindrücke diskutierten. Es gab Serientrinker, die bei 1 anfingen und bei 22 erschöpft aufhörten. Dann gab es die, die eisern gegen das Vergessen antranken, also die, die hinten nicht mehr wussten, wie es vorne geschmeckt hatte und sich noch einmal anstellten. Ist aber auch schwer bei 22 Nummern.

Und dann waren da noch die Wandertrinker, die für jeden Schluck extra gingen, ihn beim Rückweg zum Platz prüfend in seinem gerippten Gefängnis gegen das Licht hielten, um sich Klarheit über die Klarheit zu verschaffen. Ich hatte meinen eigenen Rhythmus: Sechserpäckchen. Wandern. Nachfassen. Dazwischen fachsimpeln. Anfangs hatte ich den Fehler gemacht, die Proben gleich nach der Verkostung auf dem Kärtchen einzukringeln. Das war doof, da ließ sich dann beim zweiten Durchgang kaum noch etwas korrigieren.

Dann traf ich, zwischen Schluck 18 und 19, aber meinen neuen Freund Gerhard Knoblauch, sorry, aber der heißt wirklich so. Er schaute mir beim Kringeln über die Schulter und meinte: „Du machst das falsch. Leg’ dich nicht gleich fest, mach erst Punkte, probier’ später noch einmal und entscheide dich dann.“ Wow, der Mann hat Ahnung.

Man kommt so ins Gespräch, legt die Kärtchen nebeneinander, stellt eine gewisse Seelenverwandtschaft fest und kommt ins Plaudern. Er gibt vor, von Beruf „Genussmensch“ zu sein. Schon komisch, da muss man erst 63 Jahre alt werden, um festzustellen, dass man den falschen Beruf hat. Der Abend war gerettet.

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