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Zeitzeugin Ingrid Oppermann: Eine Kindheit in Istanbul

Von „Von Breslau nach Istanbul – und zurück nach Oberstedten“. Ingrid Oppermann, die Tochter des Astronomieprofessors Wolfgang Gleißberg, berichtete als Zeitzeugin über die Emigration ihres jüdischen Vaters nach Istanbul. Sie verlebte eine schöne Kindheit in der Türkei.
Im Gotischen Haus erzählte Ingrid Oppermann (rechts) aus ihrer bewegten Familiengeschichte. Foto: Sven-Sebastian Sajak Im Gotischen Haus erzählte Ingrid Oppermann (rechts) aus ihrer bewegten Familiengeschichte.

Am 7. April 1933 hatten die Nationalsozialisten das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erlassen. Wolfgang Gleißberg, seinerzeit an der Sternwarte in Breslau tätig, entsprach wegen seines jüdischen Großvaters den „arischen“ Vorstellungen nicht und erhielt die Kündigung, später ein Dienststrafverfahren, damit der Staat nicht einmal mehr für sein Ruhegeld aufkommen musste.

Der Vortrag seiner Tochter Ingrid Oppermann, die über Angelika Rieber von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und den Geschichts- und Kulturkreis Oberstedten eingeladen wurde, vermittelt am Mittwochabend im Gartensaal des Gotischen Hauses etwa dreißig zumeist älteren Zuhörern ein lebendiges Bild von Istanbul.

Auch vor Schulklassen

„Die Türkei war in den Dreißiger Jahren ein wunderbarer Zufluchtsort für sehr viele Menschen aus Deutschland“, sagt sie. Hier wurde sie 1938 geboren, nachdem ihre Mutter Charlotte als Verlobte dem Vater in die Türkei gefolgt war und die beiden geheiratet hatten. Ingrid Oppermann erzählt diese seltene Geschichte als Zeitzeugin auch vor Schulklassen. Etwa tausend deutsche Juden fanden während der Nazizeit Zuflucht in diesem Land.

Atatürk hatte zur Reformierung seines Landes die Universität Istanbul neu gegründet und warb auch um Schweizer Pädagogen. Über einen Kontakt gelang es aber, an ihrer Stelle von den Nazis bedrängte Wissenschaftler dorthin zu vermitteln, unter ihnen Wolfgang Gleißberg. Sie fanden Asyl in einem „von der westlichen Pest unberührtem Land.“ 1933 stammten 30 von 87 Professoren der Universität aus Deutschland, allein acht aus Frankfurt. Atatürks Maßgabe: „Zeigen Sie unserer Jugend den Weg in die Freiheit.“

Wolfgang Gleißberg wurde 1903 als Sohn eines Zigarrenfabrikanten geboren und im protestantischen Glauben erzogen. Sein Großvater war zwar Jude gewesen, aber das Jüdische spielte in dieser Familie keine Rolle mehr. Er interessierte sich früh für Astronomie, ein Foto zeigt ihn mit dem Fernrohr. Er studierte das Fach, aber auch Mathematik und Physik und fand eine Anstellung als Astronom in der Sternwarte im damals deutschen Breslau. Im Brief Hitlers an ihn stand: „Wegen minderwertiger Abstammung nicht würdig, deutsche Studenten zu unterrichten“.

Freundlich empfangen

Am 31. Dezember 1933 reist Wolfgang Gleißberg nach Ankara und wird dort freundlich empfangen. 1935 wurde eine Sternwarte dort errichtet, eigens ein Fernrohr von Zeiss-Jena angeschafft und nach seinen Plänen eine Sternwarte errichtet, die im Kern heute noch wiederzuerkennen ist, wie Ingrid Oppermann schildert.

Auch die zahlreichen anderen aus Deutschland geflüchteten Wissenschaftler konnten in ihren Berufen arbeiten. Später verlieh man ihm die Ehrendoktorwürde.

Gleißberg lernt eilends die Sprache und hält schon zehn Monate danach Vorlesungen in einfachem Türkisch. Der Aufbau folgt klaren Regeln. Die Buchstaben – Atatürk hatte ein türkisches Alphabet schaffen lassen – sprachen sich so aus, wie sie geschrieben wurden. Dem Wissenschaftler kam dies zupass.

Die deutsch-türkische Geschichte hat auch im Taunus viele Berührungspunkte. Der Geiger Liko Amar etwa stammte aus einer jüdischen Familie türkischer Staatsangehörigkeit. Er spielte in einem Quartett mit Paul Hindemith und lebte in Friedrichsdorf und Oberursel. 1935 wurde er als Professor ans Konservatorium in Ankara berufen. In Bad Homburg gab es das Kaffeegeschäft der „Witwe Hassan“, einer Homburgerin, die einen osmanischen Großgrundbesitzer geheiratet hatte. Ingrid Oppermann wuchs zweisprachig auf, besuchte eine türkische Schule und begegnete nirgendwo Misstrauen gegenüber Deutschen. Noch heute existieren die musealen „Gleißberg-Räume“ in der Sternwarte, noch heute werden seine Lehrbücher benutzt. Als „Wiedergutmachung“ bot die Bundesregierung Gleißberg eine Stelle an der Universität Frankfurt an. 1958 kehrte er zurück und leitete das Astronomische Institut. Im Eichwäldchen, damals noch freies Feld, baute er ein Haus und war auch im Gemeinderat in Oberstedten aktiv. Im Mitteilungsblatt der Gemeinde erschien unter dem Titel „Unter Halbmond und Stern“ ein Auszug seiner Erinnerungen. 1986 starb Gleißberg. Ein Zuhörer erinnert sich lebhaft an den stattlichen Mann und seine zurückgezogen lebende Ehefrau. Er sagt: „Morgens ging er immer mit seinen schweren Aktentaschen zur Bahn.“

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