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Interview: Erich Honeckers letzte Brieffreundin

Die ehemalige Lehrerin Eva Ruppert hat ihren Schriftwechsel mit dem letzten Staats- und Parteichef der DDR als Buch veröffentlicht.
Steht auch heute noch zu Genosse Erich Honecker: die Bad Homburgerin Eva Ruppert. Bilder > Steht auch heute noch zu Genosse Erich Honecker: die Bad Homburgerin Eva Ruppert.
Bad Homburg. 

Als Erich Honecker im Juli 1992 von Moskau nach Berlin ausgeliefert wurde und in U-Haft in Moabit kam, rief das die Bad Homburgerin Dr. Eva Ruppert auf den Plan. Die heute 84-jährige ehemalige Lehrerin an der Humboldtschule schloss sich dem „Solidaritätskomitee zur Freilassung Honeckers“ an und besuchte ihn während seiner 169-tägigen Haft mehrmals. Ein reger Briefwechsel mit dem ehemaligen DDR-Staats- chef entstand, der nach seiner Freilassung und sogar nach seinem Tode 1994 mit seiner Frau Margot weitergeführt wurde. Ruppert hat diese Briefe nun als Buch veröffentlicht. Mitarbeiterin Stephanie Kreuzer sprach mit der kämpferischen alten Dame.

Haben Sie auch mit Ihren Schülern über Politik diskutiert?

EVA RUPPERT: Ich habe in Ethik, Religion, Latein und Italienisch immer „Unterricht zum Anfassen“ und viele durchaus politische Aktionen zu aktuellen Themen gemacht. Beispielsweise Ausstellungen oder Demonstrationen zum Antikriegstag am 1. September und gegen Ausländerfeindlichkeit, außerdem waren Zeitzeugen zu Gast. Aber es bestand kein Anlass, meinen persönlichen Kontakt zu Erich Honecker an der Schule zu thematisieren; das hätte sicherlich Aufsehen erregt.

Wie sah das in Ihrer Familie aus?

RUPPERT: Mein vor sieben Jahren verstorbener Mann und meine drei Kinder wussten natürlich davon, waren aber in Berlin nie mit dabei. Ansonsten habe ich das niemandem erzählt, denn das wäre bei vielen Leuten nicht gut angekommen. Daher hatte ich nun überlegt, was aus den Briefen werden soll, denn meine Kinder können damit ja nichts anfangen, und gerade ist auch der frühere DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler gestorben, mit dem ich befreundet war. Eigentlich wollte ich die Briefe nie hergeben, aber das sind doch Zeitzeugnisse, die veröffentlicht werden mussten. Auch wenn leider meine Schreiben an Honecker verschollen sind, von denen existieren nur zwei als Entwurf.

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Sie sprachen von der „DDR als dem besseren deutschen Staat, „spannend und sympathisch“, wie meinen Sie das?

RUPPERT: Schon lange hatte ich Interesse daran, aber erst 1987 die Gelegenheit dazu, in die DDR zu reisen. Ich lernte dort viel Kultur und großartige Leute kennen, die zu Freunden wurden. Da ich ja immer nur zu Besuch im Land war, kann ich nichts Konkretes zum Leben in der DDR sagen, aber ich habe eben auch nie jemanden getroffen, der Negatives erlebt hatte oder unzufrieden war.

Was hat Sie dazu gebracht, sich diesem „Solidaritätskomitee“ anzuschließen?

RUPPERT: Schon als er in Moskau war, schrieb ich Erich Honecker einen Brief, da ich mich als Saarländerin ihm verbunden fühlte. Als er dann nach Berlin ausgeliefert wurde, fand ich das so unglaublich und war empört, dass er nun wieder in demselben Gefängnis sitzt wie während der Nazizeit. Dann lernte ich zwei Genossen der „Deutschen Kommunistischen Partei“ kennen, die dieses Komitee gründeten. Ich war allerdings nie in einer Partei.

Wie kam es zu diesem ersten Treffen mit Erich Honecker 1992 in der JVA Moabit?

RUPPERT: Mit den Genossen vom Komitee durfte ich ihn an seinem 80. Geburtstag im Gefängnis besuchen. Das war natürlich sehr aufregend, und mich hat beeindruckt, wie staatsmännisch er da aufgetreten ist. Danach war ich noch fünf- oder sechsmal alleine dort, und so kam auch der Briefwechsel zustande. Ich habe mich natürlich gefreut, persönliche Briefe von ihm zu erhalten. Umgekehrt schickte ich ihm auch Musikkassetten mit den „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi oder dem Gefangenenchor aus Nabucco, denn diese Oper liebte er. Ein von mir gemaltes Kuba-Bild oder der „lesende Arbeiter“, den ich aus Ton gefertigt hatte, kamen nie bei ihm an.

Sie sagen, „seine Menschlichkeit, Persönlichkeit und politische Standhaftigkeit“ hätten Sie am meisten beeindruckt. Wie kommen Sie dieser Einschätzung?

RUPPERT: Er hat mich immer gefragt, wie die Fahrt war und ob ich schon gefrühstückt hätte, zeigte also großes menschliches Verständnis. Überhaupt hat er mir mehr Mut gemacht als ich ihm, denn ich war manchmal sehr deprimiert von der politischen Lage. Mir ging es ja bei den Besuchen im Gefängnis nicht darum, von ihm etwas über die DDR zu erfahren, sondern nur um das Unrecht, dass er als standhafter Antifaschist im Gefängnis saß. Das war ja auch kein Ruhmesblatt für die Bundesrepublik, die ihn zwei Jahre zuvor noch mit allen Ehren empfangen hatte. Sowieso muss auch mal gesagt werden, dass beispielsweise die DDR der einzige Staat war, der niemals Soldaten in ein fremdes Land geschickt hat – übrigens auch ein Vermächtnis von Heinz Keßler. Der Mauerbau wurde in der Sowjetunion beschlossen, um eine brenzlige Situation im kalten Krieg zu beruhigen. Einen Schießbefehl gab es nicht, und durch Schusswaffengebrauch starben mindestens genauso viele Ostgrenzer wie Flüchtlinge.

Haben Sie mit Honecker je über seine Rolle in diesem System gesprochen?

RUPPERT: Es gab keinen Anlass, mit ihm über solche Dinge zu reden. Vieles war eben auch nicht so, wie immer behauptet wurde. Gerade was die Rolle der Stasi betrifft, wurde oft übertrieben. Ich habe nie Leute kennengelernt, die mit der Stasi etwas zu tun hatten. Und Bürgern, denen es politisch nicht gefallen hat oder die mehr verdienen wollten, konnten einen Ausreiseantrag stellen, das war ja nicht verboten.

„Das Wichtigste ist, dass wir nicht umsonst gelebt haben“, schrieb Honecker Ende 1992. Was denken Sie – hat er sein Ziel erreicht?

RUPPERT: Damals hat er auch gesagt, dass der Kapitalismus nicht das letzte Wort der Geschichte ist und sich viele noch daran erinnern werden, was sie in der DDR hatten. Denn dort gab es keine Arbeits- oder Obdachlosigkeit, jeder bekam eine garantierte Rente und genoss soziale Sicherheit, und Staatsschutz gibt es letztlich in jedem Land. Legenden über Zwangsadoptionen kursieren, aber viele Leute haben eben ihre Kinder bei der Flucht zurückgelassen. Doch was ist aus den blühenden Landschaften geworden?

Wie haben Sie Margot Honecker erlebt?

RUPPERT: Ich habe sie nie persönlich kennengelernt oder mit ihr telefoniert, aber wir waren uns nicht fremd, sie hat mir ja dann auch nach dem Tod ihres Mannes sehr herzlich weiter geschrieben. Wegen meiner Flugangst bin ich allerdings nie zu ihr nach Chile geflogen. Auch Lotte Ulbricht hat noch bis 2002 in Berlin gelebt, aber auch sie zu treffen habe ich leider verpasst. Mit Irma Thälmann, der im Jahr 2000 gestorbenen Tochter des KPD-Politikers Ernst Thälmann, war ich allerdings befreundet und oft bei ihr zu Gast. Der Thälmann-Freundeskreis war ja auch ein Stück meiner politischen Tätigkeit. Dass seine Gedenkstätte in Ziegenhals abgerissen wurde, ist ein Skandal.

Zum Buch:
Das Buch von Eva Ruppert über ihren Briefwechsel mit Erich Honecker ist unter dem Titel „Liebe Eva – Erich Honeckers Gefängnisbriefe“ (176 Seiten, 9,99 Euro Verlag edition ost, ISBN 978-3-360-01883-0) erschienen.
Eine Präsentation des Buches mit Eva Ruppert gibt es am kommenden Mittwoch, 13. September, von 18 Uhr im Hugendubel, Louisenstraße 30, zu erleben.

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