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Mit Peter Gwiasdan auf Sammel-Tour durch den Wald: Experte erklärt die wichtigsten Tipps und Tricks beim Pilzsammeln

Wer einen Erdschieber sehen möchte, einen Knoblauchpilz riechen und einen Maronenröhrling ernten, der braucht nur durch den Wald zu streifen. Unsere Reporterin Christiane Paiement-Gensrich war mit einem Experten unterwegs.
Pilz-Spezialist Peter Gwiasda aus Wehrheim hat die geernteten Pilze auf einem Tisch ausgebreitet. Pilz-Spezialist Peter Gwiasda aus Wehrheim hat die geernteten Pilze auf einem Tisch ausgebreitet.
Hochtaunus. 

Viele von ihnen tragen einen Hut auf dem dicken oder dünnen Stiel, einige sind essbar, andere ungenießbar oder gar giftig. Aber wem gehören die Pilze? „Dem Eigentümer des Waldes“, antwortet Peter Gwiasda. Mit dem 74 Jahre alten Wehrheimer habe ich mich zum Pilzesuchen verabredet, denn er kennt sich bestens aus. Ich dagegen weiß nur, wie Fliegenpilze aussehen (rote Kappe mit weißen Tupfen, wie die Kunstpilze von der Adventskranz-Deko) und erkenne Champignons, wenn sie im Supermarkt in einem beschrifteten Schälchen liegen.

Ein halbiertes Hexenei. Aus diesen runden Pilzen entwickeln sich später Stinkmorcheln.

Aber jetzt wird es ernst. Der Pilz-Spezialist packt den Korb ins Auto und fährt mit mir zu einem Stück Wehrheimer Gemeindewald. „Eigentlich müsste ich den Bürgermeister um Erlaubnis fragen“, sagt Gwiasda. Aber der habe Wichtigeres zu tun. Daher gelte: Für den Eigenbedarf Pilze sammeln sei in Ordnung. Doch: „Wir sind Gäste im Wald. Die Ruhezonen für das Wild und die Schonungen sind für Pilzsammler tabu, auch wenn darin der schönste Steinpilz steht.“

Die Fungi, so ihr lateinische Name, bilden, neben Tieren und Pflanzen, eine eigene Klasse, erklärt der Spezialist weiter. Und: „Pilze können, im Gegensatz zu Pflanzen, keine Photosynthese betreiben. Daher leben sie in Symbiose zu Bäumen, von denen sie Zucker und Stärke bekommen. Die Pilze liefern den Bäumen Mineralstoffe und erleichtern ihnen den Zugang zum Wasser.“ Es gebe aber auch Angreifer-Pilze, die Pflanzen schadeten und Verwerter, die abgestorbene Blätter, Äste und Stämme zersetzten. Soviel zur Theorie.

Vorsicht, sehr giftig: Der grüne Knollenblätterpilz riecht nach Kartoffeln.

Wir lassen das Auto stehen und spazieren in den Wald. Ich hefte die Augen an den Boden und sehe – keinen Pilz weit und breit. „Es lohnt sich immer, in den Wald zu gehen“, tröstet mich Gwiasda. „Man bewegt sich und atmet sauerstoffreiche Luft und die Duftstoffe, die die Bäume abgeben, ein. Und nach zwei Stunden im Wald ist man glücklicher und fröhlicher als vorher.“ „Gibt es überhaupt schon Pilze?“, frage ich. Mein Begleiter lacht. „Sie stehen gerade auf mindestens hundert verschiedenen“, sagt er. Eineinhalb Millionen Pilzarten gebe es auf der Welt, eine Viertelmillion davon sei mit Namen versehen, 5000 bis 8000 seien Großpilze. Korrekterweise müsste man Fruchtkörper sagen, wenn man die malerischen Gebilde meint, die wir suchen. Der eigentliche Pilz ist das Myzel, das Pilzfäden-Geflecht unter der Erde, aus dem die Fruchtkörper sprießen. „Pilze gibt es immer, sogar im Winter“, verrät Gwiasda. Die meisten aber findet man im Sommer und im Herbst.“

Staubender Bovist

Endlich sehen wir die ersten kleine Pilzlein am Wegrand. „Das sind Faserlinge oder Zärtlinge“, sagt Gwiasda und nimmt ein paar mit. „Die werde ich nicht essen, sondern zu Hause bestimmen.“ Vorsicht ist beim Pilzesammeln das Wichtigste. Nur wer sich sicher ist, einen Pilz zu kennen, sollte ihn auch essen. Und selbst dann gilt: „Pilze muss man hinreichend kochen oder braten und immer gut kauen.“ Sonst könne man sogar von essbaren Pilzen Verdauungsprobleme bekommen. Wir lassen einen alten hellgelben Täubling links liegen und verlassen den Weg. Große Ameisen huschen über das Laub, und unter unseren Schuhsohlen knirschen trockene Zweige. – Da steht er in voller Schönheit: Der stattliche Parasol-Pilz, auch Schirmling genannt. So groß wie zwei Handteller ist sein heller Hut mit der braunen Spitze und den kleinen braunen Noppen. Gwiasda schneidet ein kleines Stück ab, reicht es mir und sagt: „Probieren Sie mal.“ Es duftet und schmeckt mild. Bald finden wir zwei weitere und nehmen nur ihre Hüte mit. Die dünnen Stiele sind zu zäh. Jetzt sehe ich überall Pilze. Einen Birnen-Stäubling, auch Bovist genannt, lassen wir stehen. Er ist jung essbar, aber es gibt bessere. Ältere Boviste färben sich bläulich oder grün. Und wenn man auf sie tritt, machen sie ihrem Namen Ehre und stauben kräftig. „Das finden vor allem Kinder lustig.“

Ein junger Schirmling wächst unter einem abgestorbenen Ast hervor.

Am Fuß eines Baums entdecken wir einen kompakten Schieber-Pilz. Er heißt hat Waldboden-Krümel auf dem Hut. Gwiasda gibt mir ein kleines Stückchen von der hellen Kappe mit den weißen Lamellen. „Nur auf die Zungenspitze legen“, sagt er. Das reicht auch, lang behalte ich das scharfe bittere Teil nicht im Mund. „In Polen, Russland und der Ukraine wird der Pilz durch Silage und Salz genießbar gemacht“, erklärt mein Begleiter. Wir lassen das bleiben. Und Gwiasda löst ein Stück Rinde von einem toten Stamm ab. Darunter steckt ein netzartiges starres Gebilde. „Dieses Myzel könnte vom Hallimasch sein“, sagt er. „Bei Dunkelheit würde die Rinde dann leuchten.“

Lockmittel für Fliegen: Die übel riechende Flüssigkeit auf der Stinkmorchel.

Unten aus dem Laub schaut unterdessen ein kugelrundes weißes Etwas hervor. „Ein Hexenei ist das“, erklärt Gwiasda. „Daraus entwickelt sich ein phallusartiges Gebilde, das nach verwestem Fleisch riecht.“ Klarer Fall von Stinkmorchel. Trotzdem kann man das Hexenei essen, so lange es noch jung und rundlich ist. „Ich häute es, schneide es in Scheiben und brate es“, erklärt Gwiasda und schneidet das „Ei“ durch. Ein bisschen erinnert es jetzt an eine halbierte Zitrone. Und das Innere riecht nach Rettich. Dann zeigt er mir einen hübschen rotkappigen Speitäubling und ein hellbraunes verzweigtes Gebilde namens Bauchweh-Koralle, beide wie ihre Namen vermuten lassen, völlig ungenießbar. Wir verlassen den Laubwald, gehen unter Fichten weiter und Gwiasda nimmt einen hübschen zart grünen Pilz in die Hand. Der riecht nach Kartoffeln und ist sehr gefährlich: Der grüne Knollenblätterpilz sieht harmlos aus, fast wie ein Champignon, aber: „Einer reicht aus, um eine ganze Familie zu vergiften.“ Ganz wichtig: Seine Lamellen sind weiß, die von Champignons dagegen rosa oder braun.

Bitterer Gallenröhrling

Weiter hinten, neben einem Baumstamm, stehen ein großer und ein kleinerer Pilz mit dunkelbraunen Kappen wie Geschwister nebeneinander. Fast könnten es Steinpilze sein. Nur gut, dass Gwiasda sich auskennt. Der größere ist zwar ein leckerer Maronenröhrling. Der kleinere dagegen ist ein ungenießbarer Gallenröhrling. Das ist tückisch. „Der hat schon viele leckere Mahlzeiten verdorben.“ Gwiasda zeigt mir die Unterseiten der Hüte. Der Gallenröhling hat hautfarbene Röhren. Die Röhren der Marone dagegen sind gelb. Und sie werden blau, wenn man mit dem Messer daraufdrückt. Zwei weitere Pilzarten, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, entdecken wir auf einem abgestorbenen Ast: kleine dunkelgelbe essbare Stockschwämmchen und direkt daneben giftige Schwefelköpfchen.

Die Stockschwämmchen sind essbar. Aber Vorsicht: Sie sehen den Schwefelköpfchen sehr ähnlich, und die sind giftig.

Da fällt unser Blick auf sechs weiße Kappen, die nebeneinander stehen, als wären sie an einer Perlenschnur aufgereiht. Mein Pilz-Spezialist ist begeistert: „Das sind Anis-Champignons, sehr edle Speisepilze.“ Wo mehrere Pilze einer Sorte so beieinander stehen, kann es noch mehr geben, und zwar kreisförmig angeordnet – und tatsächlich. „Ein solcher Hexenring entsteht, wenn die Pilzfäden in alle Richtungen nach außen wachsen und dann fruchten.“

Eineinhalb Stunden sind vergangen und der Korb ist voll. Auf dem Rückweg pflückt Gwiasda noch ein kleines unscheinbares Pilzchen. „Riechen Sie mal, sagt er, und reibt den dünnen Stil.“ Wenn ich nicht sehen würde, dass das ein Pilz ist, würde ich schwören, das sei ei Knoblauchzehe. Gwiasda erklärt: „Das ist ein Knoblauch- oder Mousseron-Pilz, ein sogenannter Würzpilz. In Frankreich ist der besonders beliebt.“

Reiche Ernte: Die großen Kappen rechts gehören Schirmlingen, der umgedrehte Pilz links ist ein Maronenröhrling, das kugelige Gebilde vorn rechts ist ein Hexenei, links daneben liegt ein Champignon.

Später teilen wir die Ernte. „Bitte die Pilze nicht waschen, sondern nur abpinseln“, sagt er. „Der Wald ist sauber. Aber wenn Sie die Pilze nass machen, saugen sie sich voll Wasser.“ Die gesäuberten Pilze in Ei und Mehl wenden und in der Pfanne braten, empfiehlt er. Auch ein Hexenei gibt er mir mit und sagt: „Legen Sie das im Garten in einen Blumentopf und warten Sie ab.“

Und so ist die Geschichte ausgegangen: Fünf Tage lang – die anderen Pilze sind längst verspeist – hat sich das Hexenei nicht gerührt. Aber am Morgen des sechsten Tages, nach einem kräftigen Regenguss, steht sie plötzlich da, die Stinkmorchel. In der Tat ähnelt sie einem Phallus. Und ihr Hut ist von einer braunen übelriechenden Flüssigkeit überzogen und hat Fliegen angelockt. „Das ist der Trick zur Vermehrung. Die Fliegen tragen an ihren Beinchen die Sporen weiter“, hatte Gwiasda erklärt. Das stinkende Zeug tropft nach unten. Ich fotografiere das Wunderwerk der Natur und beende das Experiment dann zügig. Es tut mir zwar leid, aber ein Pilz, der so riecht, muss schnellstens in die Mülltonne.

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