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Rundgang: Feierfreudiges Völkchen aus dem Pferdedorf Bommersheim

Von Über Bauprojekte und Verkehrsprobleme wird häufig gesprochen – was aber macht das Leben und den Charakter der Oberurseler Stadtteile aus? Das wollte diese Zeitung wissen und hat die Ortschefs zum Rundgang gebeten. Heute sind wir mit Winfried Schmidt (SPD) in Bommersheim unterwegs.
Im Hofladen von Franziska Weitzel hält Winfried Schmidt gern mal ein Schwätzchen. Hier probiert er gerade den selbst gekelterten Wein. Im Laden treffen sich vor allem die älteren Bommersheimer, um Gemüse, Obst oder auch einen guten Tropfen einzukaufen. Im Hofladen von Franziska Weitzel hält Winfried Schmidt gern mal ein Schwätzchen. Hier probiert er gerade den selbst gekelterten Wein. Im Laden treffen sich vor allem die älteren Bommersheimer, um Gemüse, Obst oder auch einen guten Tropfen einzukaufen.
Bommersheim. 

Bommersheim kann beides: urig-gemütlich und modern-urban. Und beides passt zueinander, wie unser Dorfrundgang mit Winfried Schmidt zeigt. Schmidt wäre in den anderen Oberurseler Ortsteilen Ortsvorsteher. Da Bommersheim kein offizieller Stadtteil ist, nennt sich Schmidt, seines Zeichens SPD-Mitglied im Magistrat, Beiratsvorsitzender. Und wer mit ihm in Bommersheim zu Fuß unterwegs ist, der spürt schnell, wie verwachsen er mit seinem Geburtsort ist.

„Das Schöne ist, dass es hier noch so viele Ur-Bommersheimer gibt“, sagt er, wohlwissend, dass er selbst einer ist. Hektik gebe es im Ort kaum, und es sei immer noch möglich, ein Pferd durch die Stadt zum Reitplatz zu führen, ohne dass gleich gehupt wird. Bommersheim sei eben noch das alte Pferdedorf, nur etwas moderner halt. Schmidt weist beim Dorfrundgang, der beim Feuerwehrdepot beginnt, auf die Anlage des Reit- und Fahrvereins St. Georg mit den beiden Reithallen hin: „Wir haben den größten Reitverein Hessens.“

Gute Jugendarbeit

Stolz könne Bommersheim aber auch auf das Vereinsleben insgesamt sein. Der Sportverein sei breit und modern aufgestellt und leiste eine tolle Jugendarbeit. Schon als Bub habe er auf dem Platz gekickt, der sei damals zwar noch nicht so groß und gut gewesen wie heute, Rundenspiele seien aber trotzdem möglich gewesen. Dass Schmidt so gern dem runden Leder nachjagte, missfiel seinem Senior damals sehr: „Mein Vater wollte, dass ich turne, er hatte einfach etwas gegen Fußball.“ Das unterschied ihn von Jean Wehrheim, dem damaligen Wirt vom „Grünen Baum“. Der liebte Fußball und die Fußballer, bei ihm konnten sie nach dem Spiel sogar duschen. Allerdings nur aus dem Eimer. „Immerhin war das Wasser warm“, erinnert sich Schmidt.

Dass in der Traditionsgaststätte jetzt schon wieder die Lichter aus-gegangen sind, bedrückt den Beiratschef. Der „Grüne Baum“ sei früher der Mittelpunkt der Bommersheimer Gastronomie gewesen. Natürlich gebe es einige Gasthäuser, in denen man auch gut essen könne, im „Schützenhof“ zum Beispiel oder in der „Alten Schmiede“. Die Bommersheimer seien schließlich ein feierfreudiges Völkchen. Schmidt könnte sich vorstellen, dass der eine oder andere Innenhof der vielen landwirtschaftlichen, meist mustergültig sanierten Gehöfte im Ortskern gastronomisch genutzt werden könnte, „wenigstens im Sommer“.

Ehrliche Menschen

Auf dem Weg in den alten Ortskern kommt man am alten Kiosk in der Lange Straße vorbei. Hans Kitz habe ihn über viele Jahre betrieben und die Bommersheimer mit Zeitschriften, Süßigkeiten und sicher auch dem einen oder anderen Flachmann (samt hochprozentigem Inhalt) versorgt. Als Kinder hätten sie dort oft Teile ihres Taschengeldes gelassen, erinnert sich Schmidt. Zum Schluss sei Dinges fast blind gewesen: „Er hat das Geld mit den Fingern ertastet – ganz selten, dass er da übers Ohr gehauen wurde.“

Das heißt: Die Bommersheimer waren auch ein ehrliches Völkchen und sind es heute noch: Vor dem Hof Hetterich in der Burgstraße steht ein alter Leiterwagen, darauf Kürbisse und jede Menge selbstgekochte Marmelade. Was die Sachen kosten, steht auf einem Schild, das Geld muss nur passend in den Schlitz der Kassenbox geworfen werden.

Eigener Wein

Offenbar sind die Bommersheimer auch großzügig, wie sich bei der Stippvisite im Hofladen von Franziska Weitzel, geborene Klein, zeigt. Nicht nur, dass Schmidt fürs Foto einen Rotwein probieren durfte. Im Hofladen sind dicke Kartoffeln billiger als dünne, das habe mit den EU-Regeln zu tun. Dabei gab es 2017 sehr viel dicke Kartoffeln, sagt die junge Frau. Ihr Großvater hatte aus Rheinhessen kommend nach Bommersheim eingeheiratet und gleich einen ganzen Weinberg mitgebracht, der heute noch von der Familie bewirtschaftet wird: „Früher haben wir die Trauben sogar zum Keltern hergeholt. Das machen wir heute nicht mehr, der Wein wird in Laubenheim gekeltert, ausgebaut und abgefüllt – aber es ist immer noch unser Wein“, lacht Weitzel und verkauft einer Stammkundin einen Wirsing.

In Bommersheim lasse es sich zwar prima leben, resümiert Schmidt. Aber: „Mit unserem Einzelhandel steht es nicht gerade zum Besten, wenn man bedenkt, dass wir früher hier drei Metzger und vier Bäcker hatten.“ Der alte Lebensmittelmarkt HL habe sich irgendwann auch nicht mehr gelohnt, „weil die Leute dort nur das eingekauft haben, was sie in den großen Supermärkten vergessen haben.“

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