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Ingrid Oppermann blickt mit Sorge auf die Türkei: Gebürtige Istanbulerin hofft auf die Jugend

Unter den Nazis musste Ingrid Oppermanns Vater, der Physiker und Astronom Wolfgang Gleissberg, in die Türkei emigrieren. Sie selbst ist dort geboren und aufgewachsen, dann aber mit ihrer Familie nach Oberstedten gekommen. Bei einem Zeitzeugengespräch hat sie Schülern des Gymnasiums Oberursel von der Migrationserfahrung ihrer Familie berichtet und Stellung zur aktuellen Situation in der Türkei bezogen.
Ingrid Oppermann (78) erzählt den Gymnasiasten die Geschichte ihrer Familie. Ihr Vater fand in der Türkei Schutz vor den Nationalsozialisten, kam später mit Frau und Tochter nach Oberstedten. Foto: Jochen Reichwein Ingrid Oppermann (78) erzählt den Gymnasiasten die Geschichte ihrer Familie. Ihr Vater fand in der Türkei Schutz vor den Nationalsozialisten, kam später mit Frau und Tochter nach Oberstedten.
Oberursel. 

„Deutschland ist verpflichtet, jetzt den Wissenschaftlern, Lehrern und Journalisten beizustehen, die wegen ihrer Überzeugungen in der Türkei entlassen werden.“ Diese Haltung, die Ingrid Oppermann (78) gestern gleich am Beginn ihres Vortrags vor Schülern des Gymnasiums Oberursel einnahm, kommt nicht von ungefähr.

Als Tochter des deutschen Physikers und Astronomen Wolfgang Gleissberg wurde sie 1938 in Istanbul geboren, wohin Gleissberg kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte. Sein jüdischer Großvater war für die Nazis Grund genug, über den renommierten Breslauer Wissenschafter ein sofortiges Berufsverbot zu verhängen.

Über die damals in der Schweiz aktive „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler“ konnte er in die Türkei einwandern, als Professor für Astronomie in Istanbul arbeiten und auch seine Verlobte nachholen und heiraten. „Der Präsident und Gründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, wollte die Universität nach westlichem Vorbild reformieren“, sagte Oppermann. Dafür holte er viele ausländische Wissenschaftler ins Land.

Geboren und aufgewachsen „mitten im alten Istanbul“, in einer international geprägten und offenen Atmosphäre, ging sie erst mit 20 Jahren zurück nach Deutschland, wo ihre Eltern sich in Oberstedten ansiedelten und ihr Vater Leiter des Astronomischen Instituts wurde.

„Mensch ist Mensch“

Sie selbst studierte Musik in Hamburg und wurde Musiklehrerin. Die Zeit in der Türkei aber habe sie nachhaltig geprägt: „Bis heute macht es für mich keinen Unterschied, zu welcher Kirche jemand geht oder welche Sprache er spricht. Ein Mensch ist ein Mensch“, und auf dieser Basis müsse man einander begegnen, appelliert Oppermann, die fließend Türkisch spricht.

Das Zeitzeugengespräch am Oberurseler Gymnasium war Teil einer Reihe, die von der Landeszentrale für politische Bildung zusammen mit dem „Projekt jüdisches Leben in Frankfurt“ organisiert wird, dessen Gründerin Angelika Rieber ebenfalls anwesend war. Für sie wie für die Geschichtslehrerinnen Yvonne Pickmann und Jutta Niesel-Heinrichs haben solche Gespräche einen ganz besonderen Stellenwert: „Die persönliche Begegnung macht Geschichte lebendig und greifbar.“ Gerade die Biografie von Ingrid Oppermann gebe die Möglichkeit, die Türkei unter Atatürk in Bezug zu der heutigen Türkei zu setzen.

In der sich anschließenden offenen Fragerunde hat Oppermann auf Nachfragen aus der Schülerschaft dazu konkret Stellung bezogen. Es sei zunächst einmal nichts Schlimmes, dass in der heutigen Türkei der Islam wieder stärker im öffentlichen Leben betont werde. Äußerst bedenklich sei aber, dass unter dem amtierenden Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, den sie persönlich für „ungebildet und unfähig“ hält, die Meinungsfreiheit extrem beschnitten werde und „Menschen wegen ihrer Überzeugung entlassen und ohne Beweise inhaftiert werden“.

Ihre Hoffnung ruhe jetzt auf der türkischen Jugend. „Es ist an den jungen Leuten, dafür zu sorgen, dass sich etwas ändert.“ Bis dahin sei Deutschland aufgerufen, Verfolgte aufzunehmen und ihnen – wie es in den 1930er Jahren die Türkei getan hat – Schutz zu gewähren.

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