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Saalburgpreis-Trägerin Angelika Rieber: Geschichte erlebbar machen

Ein neues Projekt zeichnet Lebenswege jüdischer Familien nach. Es erzählt von Verfolgung, Exil und Tod, aber auch vom Leben und von den Leistungen von Menschen, deren Wurzeln in unserer Region liegen.
Hochtaunus. 
Angelika Rieber Bild-Zoom
Angelika Rieber

Der Astronom Wolfgang Gleissberg hat die Sonnenflecken erforscht. In den 1960er und 1970er Jahren leitete er das Astronomische Institut der Universität Frankfurt. Einen Teil seines Lebens aber musste der Wissenschaftler, der 1986 in Oberstedten starb, im Exil in Istanbul verbringen, wo er das Astronomische Institut der dortigen Universität mitgründete. Die Nazis hatten seinen jüdischen Großvater zum Anlass genommen, um den 1903 in Breslau geborenen Protestanten 1933 seiner Stelle an der Sternwarte der Universität Breslau zu berauben.

Der Lebensweg Wolfgang Gleissbergs ist nachzulesen auf der neuen Website des Projektes „Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“ (www.juedisches-leben-frankfurt.de), das jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dort finden sich die Namen von 28 Familien aus Frankfurt – unter ihnen 13, deren Lebenswege auch über Bad Homburg, Oberursel oder andere Taunusorte führten. Alle diese Menschen haben Bekanntschaft mit dem Terror der Nazis gemacht und wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Jede der Familien hat auch Angehörige zu beklagen, die von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurden. Zahlreiche Beispiele belegen, dass auch christliche Familien mit jüdischen Wurzeln von der Verfolgung nicht verschont blieben.

Die Website will die Erinnerung an das jüdische Leben in Frankfurt in authentischen Schilderungen wachhalten, da die Zeitzeugen des Versuchs der Nazis, dieses auszulöschen, immer weniger werden. Sie richtet sich „an alle Schulen und andere Bildungseinrichtungen, an Historiker und Lokalforscher, an frühere Nachbarn oder Klassenkameraden und an die interessierte Öffentlichkeit“, erläuterte die Historikerin und Saalburgpreis-Trägerin Angelika Rieber bei der Präsentation.

Die Lebensbeschreibungen sind vor allem das Ergebnis von vielen Begegnungen im Rahmen eines Besuchsprogramms, mit dem die Stadt Frankfurt ihre ehemaligen Bürger, die Verfolgung und Flucht überlebt haben, in ihre Heimatstadt einlädt. Dabei werden die Gäste von den ehrenamtlichen Aktiven des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“ begleitet. Die Ergebnisse der Gespräche werden dokumentiert und archiviert. So warten noch Hunderte Lebensläufe darauf, für die Internetseite erschlossen zu werden, erzählt Angelika Rieber.

Die vorgestellten Biografien beschäftigen sich nicht nur mit der NS-Zeit. Sie reichen über mehrere Generationen vom 19. Jahrhundert und weiter zurück bis zum Leben nach dem Holocaust und in der Emigration. Entsprechend einer Empfehlung des Leo-Baeck-Instituts geht es darum, Juden „nicht nur als Objekte, Verfolgte und Opfer“ zu beschreiben, sondern auch ihr Handeln als „Subjekte, aktive Bürger und als kreative Mitgestalter von Geschichte, Kultur und Wirtschaft Mitteleuropas“ darzustellen.

Zum Einsatz im Schulunterricht findet sich auf der Website ein eigenes Themenfeld – „Pädagogische Angebote“. Dort erhalten die Schulen „Handreichungen für Zeitzeugengespräche“, „Tipps für die Spurensuche“ und eine Zeitleiste. Unterrichtsbeispiele dienen zusätzlich als Hilfe bei der schulischen Umsetzung.

Hilfe beim Erinnern

Das Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“ ist seit 2014 als gemeinnütziger Verein eingetragen. Vorsitzende ist die Historikerin Angelika Rieber – früher Geschichtslehrerin an einer Gymnasialen

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Praxistest bestanden

 

Erste Praxistests an vier Schulen hat das Internetportal bereits erfolgreich absolviert. Dabei haben sich Schüler und Lehrer in Unterrichtsprojekten anhand der dokumentierten Biografien mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich auseinandergesetzt.

„Viele von uns waren überrascht, wie sehr die Menschen noch mit Frankfurt verbunden sind“, hat Janine Ferreira da Costa (17) aus dem Geschichtsgrundkurs O 3 der Frankfurter Ziehenschule festgestellt. Im Gegensatz zum Studium von Geschichtsbüchern habe, so ihr gleichaltriger Mitschüler Bodo Bastian, die Beschäftigung „mit den konkreten Lebensläufen von Menschen, die im Viertel nebenan lebten“, das Thema emotional erlebbar gemacht. Auch und gerade für Schüler mit Migrationshintergrund sei das Thema daher von großem Interesse.

Dieser Erkenntnis stimmte den Schülern Katja Walter, Geschichtslehrerin an der Heinrich-Heine-Schule in Dreieich-Sprendlingen, zu. Ihr Fazit der Arbeit mit dem neuen Internetportal: „Das Interesse an Geschichte hat sich verzehnfacht.“

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