Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Bad Homburg 8°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Spurensicherung: Kommissar erklärt, wie die Tatortgruppe arbeitet

Von Im Mordfall Johanna hat der Polizei letztlich ein auf einem Klebeband gesicherter Fingerabdruck den Durchbruch bei den Ermittlungen gebracht. Nach solchen Hinweisen zu suchen, ist Aufgabe der Spurensicherung. Unsere Zeitung konnte einen Blick hinter die Kulissen des Polizeipräsidiums Westhessen werfen und sich einen Einblick verschaffen, wie die „Spusi“ vorgeht.
In seinem Tatortfahrzeug hat Michael Mohr auch eine Rohrzange, um damit Spuren zu sichern. Bilder > In seinem Tatortfahrzeug hat Michael Mohr auch eine Rohrzange, um damit Spuren zu sichern.
Hochtaunus. 

„Wird hier ein Tatort gedreht?“, hatte ein junger Mann am frühen Abend des 19. Juli gefragt, als er die Polizeiabsperrung in der Königsteiner Georg-Pingler-Straße sah, erfuhr dann aber, dass es sich um einen „richtigen“ Tatort handelte. Gegen 16.30 Uhr war am Busbahnhof ein Mann im Streit erstochen worden. Von Sichtschutzzäunen abgeschirmt, widmete sich die Tatortgruppe vom Polizeipräsidium Westhessen unter Leitung von Kriminaloberkommissar Michael Mohr damals der Spurensicherung.

Mohr war an dem Abend mit seinem Team etliche Stunden im Einsatz. Obwohl vom Täter, der sich widerstandslos hatte festnehmen lassen, ein Geständnis vorlag, war es an Mohr, alle Spuren akribisch zu sichern, denn Geständnisse, vor allem wenn sie unter Alkoholeinfluss abgegeben werden, werden oft auf Anraten des Verteidigers widerrufen oder im Zuge der Ermittlungen nicht wiederholt. So wie in diesem Fall.

Ähnlich wie im Fernsehen

Was aber tut die „Spusi“, wie Mohrs Abteilung fast verniedlichend gern abgekürzt wird, eigentlich? Was hat diese Arbeit mit dem zu tun, was tagtäglich vom Fernsehen in unsere Wohnzimmer gesendet wird? Diese Zeitung hatte Gelegenheit, der „Spusi“ im Polizeipräsidium Westhessen über die Schulter zu schauen und war erstaunt: Manches ist ähnlich wie im Fernsehen, so richtig vergleichbar ist es aber nicht. So werden in Krimis oft die Umrisse bereits abgeholter Leichen mit Kreide auf dem Teppich markiert. Stimmt? „Um Gottes Willen nein, dadurch würden nur Spuren vernichtet. Die Nummerntafeln gibt es aber auch in echt, ebenso die weißen Anzüge – nur steht nicht immer Polizei hinten drauf“, lacht Mohr. Die in der US-Serie „CSI“ gezeigten Untersuchungsmethoden würden zwar auch in der Realität angewendet, die Arbeitsweise sei jedoch im echten Leben viel komplexer“.

Mohr arbeitet bereits seit 15 Jahren als Spurensicherer im Präsidium und liefert wichtige Grundlagen für seine Kollegen von den Ermittlungsteams, die Staatsanwaltschaft und die Gerichte. Dabei geht es häufig um Kapitalverbrechen – Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Entführung, schweren Raub.

Michael Mohr war auch mit einem der wohl grausigsten Leichenfunde der vergangenen Jahre im Rhein-Main-Gebiet befasst. In Schwalbach waren 2014 in einer Garage in einer Plastiktonne die verwesten Überreste einer weiblichen Leiche gefunden worden. Die Tochter eines damals verstorbenen Mannes war nach dessen Tod beim Aufräumen der Garage auf den Behälter gestoßen. Später stellte sich heraus, dass der Mann möglicherweise noch eine Reihe anderer Frauen getötet hat. So etwas bleibt auch bei einem erfahrenen Spurensicherer wie Michael Mohr ein Leben lang im Kopf.

Knochen einer Hand

Er zeigt uns den Raum im Keller des Präsidiums, in dem es seinem Team gelungen ist, die Identität der Frau zu klären. „Leichen-Daktyloskopie“ steht auf einem Schild an der Tür, das die Knochen einer skelettierten Hand zeigt. „Es gab kein verwertbares DNA-Material mehr an der Leiche. Wir hatten nur eine Hand. Es ist uns gelungen, die Finger mit einer Spezialsubstanz zu straffen und so die Fingerabdrücke wieder lesbar zu machen“, erzählt Mohr.

Zu seinen Aufgaben gehört auch, Fragen nachzugehen: Wie kommt das Haar dort hin, wem gehört es, welche Erkenntnisse über den Tathergang lassen sich aus Blutspuren gewinnen, hat ein Opfer gestanden, gesessen oder gelegen als es erschlagen wurde? Fragen über Fragen, die die „Spusi“ je nach Situation alle abarbeiten muss. „Wenn ich an einen Tatort komme, mache ich zuerst Fotos und mir auch ein persönliches Bild von den Gegebenheiten“, sagt Mohr. Sein Ziel ist, mit seiner über viele Jahre antrainierten Mischung aus Spürsinn, Forscherdrang und Erfahrung einen Tathergang genau zu rekonstruieren. So kann es bei der Aufklärung von größter Bedeutung sein, zu wissen, warum und von wem eine Kommode oder ein Sessel verschoben wurde. Nicht immer sind die Spuren klar erkennbar.

Mohr stehen aber technische Hilfsmittel zur Verfügung, etwa High-Tech-Lampen, die kleinste Unebenheiten und Faserabrieb, Fußabdrücke im Teppich, aber auch Spuren an Wänden und Decken sichtbar machen. Bei besonders spektakulären Tötungsdelikten steht den Spurensicherern ein 3-D-Laserscanner zur Verfügung, der einen Raum mit allen Möbeln und Gegenständen aufnimmt und millimetergenau vermisst, der aber auch so teuer ist, dass es beim LKA nur einen einzigen für ganz Hessen gibt.

Blut, auch wenn es zunächst nicht sichtbar sein sollte, kann mit einem Spezialgerät und einer Sprühsubstanz im abgedunkelten Raum sichtbar gemacht werden und leuchtet dann, wie im Krimi, blau. Unter anderem mit diesem Gerät ist es Mohr und seinem Team auch gelungen, nach dem Mord an einem Wiesbadener Millionär, der Opfer seines Bankberaters geworden war, zur Klärung der Bluttat entscheidend beizutragen: „Der Fall hat uns monatelang keine Ruhe gelassen, wir waren 30 Mal am Tatort, bis wir die entscheidenden Spuren gefunden hatten und das Lügengebäude des Verdächtigen zum Einsturz bringen konnten. Die Leiche fanden wird später verbrannt und vergraben im Wald.“

Spezialisten für DNA

In Mohrs Abteilung „ZKI – ZK 42 – Erkennungsdienst“ arbeiten acht Spurensicherer, sechs Kollegen sind auf Daktyloskopie spezialisiert, drei auf die Sicherung von DNA-Material. Eine Fotografin fotografiert Opferkleidung und Tatmittel.

Die am Tatort gesicherten Spurenträger werden in den Labors des Polizeipräsidiums chemisch untersucht, in Spezialschränken mit flüchtigem Sekundenkleber gesichert, dokumentiert und zur zentralen Auswertung an das Bundeskriminalamt überstellt. Sichergestellte DNA-Spuren werden beim Landes-, Fingerspuren beim Bundeskriminalamt bearbeitet. Die Spurenauswertung dauert wegen der Menge der Aufträge – es geht nicht nur um Kapitalverbrechen sondern auch um Ermittlungen nach Einbrüchen – einige Wochen. „Bei spektakulären Fällen arbeiten die Kollegen von LKA aber auch am Wochenende und über Nacht, um uns am nächsten Tag ein Ergebnis übermitteln zu können“, beschreibt Mohr die sehr aufwendige Arbeit der Spezialisten beim Landeskriminalamt.

Nicht immer seien Fingerspuren und DNA-Material sofort einer Person zuzuordnen. Schwierig werde es bei Mischspuren, in denen sich die DNA von mehreren Menschen findet. Bei Fingerabdrücken und DNA-Proben müssen für eine gerichtsfeste Identifizierung mehrere Parameter erfasst und mit dem Referenzmaterial verglichen werden.

Zum Schluss durften wir noch einen Blick in den Tatortwagen werfen. Mit dem war Mohr am 19. Juli auch nach Königstein gekommen. Jedes hessische Polizeipräsidium hat ein solches, allradgetriebenes und mit allerlei Werkzeug ausgestattetes Fahrzeug: Hammer, Säge, Zollstöcke, Maßbänder, Handlampen, Pumpenzange, Chemikalien, sterile Schutzanzüge – alles ist in Schubladen verstaut. Rechts hinten befinden sich zwei Kleiderschränke, in einem wird die Kleidung der Opfer aufbewahrt, im anderen die der mutmaßlichen Täter. „Für die spätere Beweissicherung ist es wichtig, dass es zu keiner Übertragung von Spuren kommt.“

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse