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Soziale Netzwerke: Kopftuch-Diskussion: Shitstorm gegen Schulleiterin

Von Die Schulordnung der Steinbacher Grundschule gibt vor, dass im Unterricht keine Kopfbedeckungen getragen werden – also auch keine Kopftücher. Nachdem in einem Elternbrief daran erinnert worden war, ist es zu einem Shitstorm gekommen. Gegen die Schule und die Politik.
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)
Steinbach. 

Wer gestern Vormittag an der Geschwister-Scholl-Schule, der Steinbacher Grundschule, vorbeiging, konnte den Eindruck bekommen, alles sei so wie immer. Kinder im Unterricht, Mädchen und Jungen auf dem Weg zum Schulgebäude. Tatsächlich aber ist die Schule Angriffen ausgesetzt – nicht physisch, sondern in den sogenannten sozialen Netzwerken.

Hintergrund ist die schon länger geltende Schulordnung, nach der das Tragen von Kopfbedeckungen im Unterricht nicht erlaubt ist. Das betrifft zum Beispiel Kappen, aber auch Kopftücher. Und dann wird rasch eine religiös motivierte Debatte draus. Vor den Osterferien hat die Schulleitung in einem Elternbrief an diese Regel erinnert. Das hat zu einem Shitstorm geführt, der sich in den vergangenen Tagen zugespitzt hat. Betroffen sind beziehungsweise waren die Schule und ihre Leiterin sowie die Facebook-Seiten von Bürgermeister Dr. Stefan Naas und seiner Partei, der FDP.

Auf diesen waren teils heftige Worte gewählt worden: Von demonstrierenden Muslimen vor einer „islamophoben Schule“ ist die Rede, und selbst das Wort Krieg wird platziert.

Teilweise sind die Posts nicht mehr öffentlich sichtbar, dieser Zeitung liegen sie aber vor. Da meldet sich zum Beispiel ein Darmstädter Arzt zu Wort, spricht von einer „islamophoben Grundstimmung“ und sagt, er habe der Schulleiterin einen Brief geschrieben in der Hoffnung, dass diese „zu Sinnen kommt und sich öffentlich für ihr Missverhalten entschuldigt“.

Ans Schulamt geschrieben

In dem Brief selbst heißt es, das Kopftuch gehöre zu den kulturellen Gewohnheiten und Verpflichtungen der Muslime. „Niemand hat das Recht, die Kinder der Erziehung der Eltern zu entreißen, indem ihnen unter dem Vorwand der ,Neutralität‘ eine Doktrin der uniformierten Schule aufgezwungen wird.“ Derselbe Absender hat sich auch an das für den Hochtaunuskreis zuständige Staatliche Schulamt in Friedberg gewandt. Dem Vernehmen nach war es nicht die einzige „Nachricht“, die die Behörde zu diesem Thema erreicht hat.

Weder die Schulleiterin und der Elternbeirat noch das Schulamt wollen sich zurzeit öffentlich zu dem Thema äußern. Die Kommunikation übernimmt das Kultusministerium: „Wir stehen hinter der Schulleiterin“, sagt Sprecher Philipp Bender auf Anfrage dieser Zeitung und nennt das Geschehen in Steinbach einen „sehr bedauerlichen Einzelfall“. Er erklärt jedoch auch, dass die Vorgaben der Schulordnung „nicht rechtlich bindend“ seien. Heißt übersetzt: Mädchen dürfen ein Kopftuch tragen, wenn die Eltern das wollen.

Der Polizei sind die Vorgänge in den vergangenen Tagen bekannt geworden, bestätigt der für den Hochtaunus zuständige Sprecher Volker Hammann. „Es wird geprüft, ob es sich um strafrechtlich relevante Inhalte handelt“, sagt Hammann – oder eben um Äußerungen, die durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind.
Der Polizeisprecher berichtet von „drei offenen Unmutsbekundungen“ von Personen, die einen Bezug zur Geschwister-Scholl-Schule haben. Ein weitaus größerer Teil derer, die sich zu Wort melden, habe keinen Bezug zur Schule. Der Hintergrund dazu: Seit in Nordrhein-Westfalen über ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren diskutiert wird, machen sich offensichtlich von interessierter Seite gesteuerte Internet-Aktionen breit – auch außerhalb von NRW.

Das ärgert Bürgermeister Naas, der sich entsetzt zeigt über den Shitstorm. „Ich habe kein Verständnis, wenn Auswärtige Steinbach zum Kampfgebiet erklären“, sagt der Rathauschef im Gespräch mit dieser Zeitung. Was er lesen musste, sei „teilweise unverschämt“ gewesen. Und er habe kein Verständnis, wenn die Schulleitung bedroht werde. Naas spricht gar von „Telefonterror“ gegenüber der Schulleiterin.

Sorge um sozialen Frieden

Naas betont zwar, dass er als Bürgermeister nicht zuständig sei für den rechtlichen Überbau und das pädagogische Konzept. Des Themas nimmt er sich aber insofern an, als er sich „um den sozialen Frieden in Steinbach“ sorge.
Mit sachlichen Hinweisen darauf, dass das Staatliche Schulamt und nicht die Stadt Ansprechpartner sei, hatten Naas und die FDP selbst auf Facebook-Nachrichten reagiert, die bei ihnen abgesetzt worden waren, sich ansonsten aber zurückgehalten.

Es ist nicht die erste Diskussion über Kopftücher an der Schule. Nachdem der Leiterin von einer jungen Frau Nazi-Methoden vorgeworfen worden waren, hatte sie Anzeige wegen Beleidigung erstattet. Im März wurde die junge Frau zu einer Geldstrafe verurteilt.

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