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Insektensterben nimmt zu: Ohne die Biene geht es nicht

Von Insekten sind für die Menschheit von existenzieller Bedeutung – doch es geht ihnen schlecht. Auch im Taunus hat sich die Zahl der vielen kleinen Nutztiere stark reduziert. Damit sich die Lage der Insekten bessert, sind Landwirte, Stadtplaner und Verbraucher gefordert. Aber auch im Vorgarten kann wertvolle Lebenshilfe geleistet werden.
Diese Wildbiene findet auf der Blüte eines Rainkohls ihre Nahrung. Die alte Nahrungs- und Heilpflanze wächst auch im Taunus. Foto: Pieren Diese Wildbiene findet auf der Blüte eines Rainkohls ihre Nahrung. Die alte Nahrungs- und Heilpflanze wächst auch im Taunus.
Hochtaunus. 

Die Zahlen sind dramatisch. Mitte Oktober wurden die Ergebnisse einer Langzeitstudie bekannt gegeben, wonach die Zahl der Insekten in den vergangenen 27 Jahren in deutschen Naturschutzgebieten um mehr als 75 Prozent abgenommen hat. „Auch hier bei uns hat das Insektensterben bedenkliche Ausmaße angenommen“, teilt dazu Claudia Berg vom BUND Hochtaunus besorgt mit. Es sei noch flächendeckender und umfassender, als bislang angenommen.

Schnell standen die Landwirte in der Öffentlichkeit als Hauptschuldige am Pranger. „Die heimische Landwirtschaft steht in der Kritik, das ist bei den Bauern natürlich angekommen. Wegen der ungerechtfertigten Vorwürfe sind viele verärgert und ziehen sich zurück“, beschreibt der Generalsekretär des in Friedrichsdorf ansässigen Hessischen Bauernverbandes (HBV), Peter Voss-Fels, die Stimmung. Hintergrund ist der Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels „Glyphosat“, das seit Jahrzehnten weltweit in der Landwirtschaft verwendet wird – natürlich auch auf Feldern im Hochtaunuskreis. Aktuell steht das Herbizid wegen möglicher Krebsgefahren vor dem Aus.

Siedlungsbau als Problem

Das Insektensterben ist freilich eine Problematik, die mehrere Ursachen hat. Der Bauernverband etwa verweist darauf, dass unentwegt landwirtschaftlich genutzte Fläche für Wohnbau, Industriegebiete und Straßen unwiederbringlich versiegelt werde. „Was das für uns Landwirte heißt, wird nicht hinterfragt. Darüber hinaus geht dabei auch Lebensraum für Insekten verloren“, sagt der in Wehrheim lebende Voss-Fels.

Auch der BUND Hochtaunus wirbt für eine differenzierte Betrachtung. „Sicher ist die konventionelle Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und die schlechte Pflege der Ackerraine mitverantwortlich für das Insektensterben“, sagt Claudia Berg. „Doch auch Hausgärten werden immer Insekten-unfreundlicher. Jeder Bürger ist gefordert und muss umdenken.“ Rollrasen zerstöre die Lebensgrundlage der Insekten ebenso wie das Ausbringen von Geovlies oder große Pflasterflächen. Ein Blick in die Neubaugebiete im Taunus zeigt: Tatsächlich werden in zahlreichen Vorgärten und Gärten die Blumen und blühenden Sträucher von pflegeleichten Kies- oder Schotterflächen sowie gepflasterten Stellplätzen für die Autos verdrängt.

Blühflächen angelegt

Die traurige Folge: Wenn der Lebensraum eingeschränkt wird, verschwinden auch die Insekten. Die Usinger Landwirtin Miriam Preiß hat deshalb – wie viele andere Berufskollegen auch – einige Flächen aus der Produktion genommen und dort sogenannte Blühflächen angelegt. „Wild- und Honigbienen sind die wichtigsten Bestäubungsinsekten für Kultur- und Wildpflanzen. Rund 80 Prozent davon sind auf die Bestäubung von Bienen angewiesen“, begründet die Ortslandwirtin die Maßnahme. „Deshalb zählen Bienen neben Rind und Schwein zu den wichtigsten Nutztieren der Landwirtschaft. Ohne deren Bestäubung gibt es keine Samenbildung, die Grundlage für den Fortbestand der Pflanzen ist.“

Nach Angaben des Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes, dem Ober-Erlenbacher Landwirt Georg Kopp, haben die Landwirte im Hochtaunuskreis deshalb von insgesamt 12 236 ha bewirtschafteter Ackerfläche 230 ha aus der Produktion genommen und Wildblumen sowie Kräuter eingesät. Hinzu kommen noch 80 Hektar Blühflächen und Streuobstwiesen. „Umso wichtiger ist es, dass auch die Bürger ihren Anteil dazu beitragen“, appelliert BUND-Mitglied Berg. „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwunden ist, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Das sollte allen zu denken geben.“

Viele wollen es billig

Das Verschwinden der Insekten geht mit einem Wandel der Gesellschaft einher, von dem auch die Landwirtschaft betroffen ist. „Ein Großteil der Bürger will möglichst billig Lebensmittel einkaufen“, sagt Peter Voss-Fels. Hinzu komme die enorme Konkurrenz durch kostengünstigere landwirtschaftliche Produkte aus anderen Ländern Europas und der Welt. Das zwinge auch die heimischen Bauern zu immer effizienterem Ackerbau und Wirtschaften und habe auf den Höfen viel verändert.

Wo gibt es heute beispielsweise noch die früher typischen Misthaufen? Wegen des Gestanks waren sie in der Nachbarschaft zunehmend umstritten. Sie waren aber ein Eldorado für Insekten – wie einst auch die Kuhfladen auf der Weide. Doch um kostengünstig Milch zu produzieren, stehen die meisten Kühe heute im Stall. Der Hausener Landwirt Ernst Bach hatte in den 1990er Jahren ein einschneidendes Erlebnis. „Ich bin damals zum Spritzen aufs Feld gefahren. Plötzlich ist eine Fasanenhenne mit neun Küken aufgesprungen. Ich wollte sie vertreiben, sie sind aber immer wieder in die Deckung der Felder zurück“, berichtet der gerade bei Kindern beliebte „Bauer Bach“. Nach einer Stunde Suche habe er die Geduld verloren und habe weiter die Felder gespritzt. Am Tag darauf habe er geschaut, ob er die Fasanenfamilie findet. Doch es war nur noch die Henne am Leben. „Das war der Moment, an dem ich umgedacht habe und meine Ackerwirtschaft komplett auf Grün- und Weidewirtschaft umgestellt habe.“

Heute betrachtet er mit Freude das Summen und Brummen rund um die Hecken am Rande seiner Felder. Auch die Kopfweiden auf seinem Grundstück bieten in der kalten Jahreszeit idealen Unterschlupf für Schwebfliegen, Wildbienen und Ohrenschlitze. „Ohne Insekten keine Bestäubung und keine Vögel“, sagt Bach. „Es muss ein Umdenken stattfinden.“

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