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Interview: Professor Siegfried Blasche: Philosophie ist nie mundgerecht

Die Philosophische Gesellschaft Bad Homburg gibt es seit Jahresbeginn nicht mehr – dabei ist das Interesse an philosophischen Fragen so hoch wie lange nicht, weiß der langjährige wissenschaftliche Direktor Prof. Siegfried Blasche. Doch Philosophie werde vermarktet; kaum jemand sei noch bereit, selbst zu denken. Im Interview mit TZ-Redakteurin Anke Hillebrecht spricht der 77-Jährige über Millionäre, Moral, Zuversicht und Bad Homburgs Verpflichtung in Sachen Hölderlin.
Anders als der namenlose Denker auf dem Gemälde im Hintergrund weiß Prof. Siegfried Blasche durchaus Wege in die Zuversicht. Das Bild malte ihm Dina Draeger zum 70. Geburtstag – „weil er so aussieht, wie ich mich oft fühle“. Anders als der namenlose Denker auf dem Gemälde im Hintergrund weiß Prof. Siegfried Blasche durchaus Wege in die Zuversicht. Das Bild malte ihm Dina Draeger zum 70. Geburtstag – „weil er so aussieht, wie ich mich oft fühle“.
Bad Homburg. 

Herr Prof. Blasche, es sieht fast so aus, als würden Sie der Philosophie den Rücken zukehren . . .

PROF. DR. SIEGFRIED BLASCHE: Es tut schon weh (schaut sinnierend auf die halbleeren Bücherregale). Die ersten Bände hier habe ich mir zu Beginn meines Studiums im Jahr 1958 zugelegt. Nun geht die ganze Bibliothek, an die 2000 Bände bis auf vielleicht 30, an die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar. Aber ich habe ja auch noch andere Interessen. Ich werde viel lesen: Zunächst endlich „Die Bauern“ von Wladyslaw Stanislaw Reymont, der 1924 den Literaturnobelpreis bekommen hat, und „Der Egoist“ von George Meredith. Beide Romane mit jeweils über 1000 Seiten schenkte mir vor 55 Jahren mein erster philosophischer Lehrer Wolfgang Cramer, dessen ich hier ein wenig gedenken möchte, der sie mir, sicher nicht ohne Grund, damals nachhaltig zur Lektüre empfahl; und seitdem warten sie. Und dann wartet noch Kafka, dessen „Urteil“ mich umtreibt.

Zur Person: Platon war schuld

Prof. Siegfried Blasche (77) siedelte 1957 aus der DDR in den Westen über. In einer Bahnhofsbuchhandlung kaufte er sich den „Phaidon“, die Schrift eines fiktiven Streitgesprächs von Platon über

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Warum hat sich die Philosophische Gesellschaft aufgelöst? Haben die Menschen aufgehört zu suchen?

BLASCHE: Im Gegenteil. Auf den ersten Blick ist das Interesse an philosophischen Fragen so hoch wie in den vergangenen Jahrzehnten nicht. Das sieht man an der Präsenz philosophischer Themen in den Medien – Diskussionsrunden im Fernsehen, Sendungen im Radio und auch im Netz. Gott sei Dank haben wir das Internet – da finden sich zu fast allen philosophischen Fragen erhellende und durchaus breit rezipierte Artikel und auch ein Großteil der klassischen philosophischen Schriften. Es gibt auch viele private Kreise in den Großstädten, die sich mit Philosophie beschäftigen, und an der Universität des Dritten Lebensalters etwa in Frankfurt wird vieles Relevante angeboten. In den Buchhandlungen sehe ich stapelweise Bücher, die sich mit Seinsfragen befassen.

Mit Richard David Precht kommt ja dieses Jahr auch ein Philosoph zum Poesie-Festival . . .

Info: Letzter Empfang

Zum Abschied von der Philosophischen Gesellschaft lädt die Stadt für Freitag, 10. Februar, 19.30 Uhr, zu einem Empfang in die Englische Kirche.

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BLASCHE: Ersparen Sie mir eine Stellungnahme zum Prechtschen Philosophieren. Und auf das Poesie-Festival bin ich auch nicht gut zu sprechen; es wurde in eine Zeit gelegt, in der jahrelang, von uns durchgeführt, die Bad Homburger Hölderlin-Tage lagen, die damit abgewürgt wurden. Heinz Bennent und sein Sohn etwa rezitierten den Hyperion und einen Text von Heiner Müller: Wir hatten auch lesende Stars! Aber es ging uns um Inhalte, um Hölderlins Werk. Wir waren nicht an einer Vermarktung von Poesie interessiert.

Sind Sie deshalb gram mit der Stadt?

BLASCHE: Ganz und gar nicht! Die Stadt hat die Philosophische Gesellschaft (PG) nach deren Gründung 1995 ungemein gefördert. Auch dieses Haus hier im Hindenburgring 44 wurde uns und der Freiwilligen Suchtkrankenhilfe zur Verfügung gestellt. Und am 10. Februar wird sie uns einen öffentlichen Empfang in der Englischen Kirche gewähren: zum Abschied.

Wie steht es mit Hölderlin und Homburg?

BLASCHE: Homburg war vielleicht die relevanteste Station in Hölderlins Leben, und es wäre sicher angezeigt, dass man ihn entsprechend würdigt, wie dies etwa die Stadt Lauffen am Neckar tut. Ich sehe aber nicht, dass es konzeptuelle Überlegungen in Bad Homburg zu diesem Thema gibt. Man spricht von der Einrichtung eines Hölderlinkabinetts – warum nicht -boudoirs? – in der Villa Wertheimber und von der Bereitstellung einer Wohnung für Literaturwissenschaftler. Es käme aber darauf an, erst einmal abzustimmen, was man eigentlich inhaltlich will, ehe man ein Equipment bereitstellt.

Aus welchen Gründen haben Sie die PG beerdigt?

BLASCHE: Es gibt eine Reihe von Gründen. Zum einen war die Gesellschaft überaltert, vor allem das Lehrpersonal. Wir haben keine adäquaten Nachfolger – damit meine ich, nicht zu alt und nicht zu jung, und ein Professorentitel wäre schon gut. Außerdem haben wir große Konkurrenz in Frankfurt durch die Universität des Dritten Lebensalters, die viele philosophische Vorlesungen und Seminare anbietet. Wir hatten den Anspruch, Philosophie auf akademischem Niveau anzubieten, und das war manchen zu schwierig. So hörten und sahen wir es auch an den Teilnehmerzahlen: Früher kamen jede Woche 25 bis 30 Seminarbesucher, zuletzt waren es nur noch 15 bis 20. Auch haben sich wohl die Interessenlagen von ganzen Alterskohorten verschoben. Wir sahen uns zunehmend einem immer älteren Publikum gegenüber. Nicht zuletzt gingen auch unsere finanziellen Rücklagen langsam zur Neige. Ich persönlich verspüre eine gewisse Müdigkeit. Es ist genug! Seit 1995 haben wir 192 Vortragsabende und dazu noch vierzehntäglich Philosophiekurse am Wochenende abgehalten.

Zurück zum Philosophie-Boom in den Medien – kann diese uralte Wissenschaft denn durch solche Angebote adäquat dargestellt werden?

BLASCHE: Letztlich und eigentlich nicht! Der Erfinder unserer Disziplin, Sokrates, hat für die Freilegung des philosophischen Gedankens den lebendigen Dialog zwischen zu ihm Bereiten und dazu Kundigen gefordert, sich selbst aber, folgen wir den Dialogen Platons, in denen er spricht, nicht unbedingt an diese Vorgabe gehalten. Erst recht war ihm die schriftliche Belehrung eine Verfehlung des dialogischen Prinzips. Vorträge mit anschließender Diskussion sind in ihrer Frontalität unausweichlich monologisch. Am ehesten, wenn auch hier unzureichend, ist uns in unseren sonntäglichen Lektürekursen eine Öffnung zu den Adressaten der Texte und Themen gelungen: durch deren direkte Beteiligung. Sie waren auch zum Ende fast besser besucht als die belehrenden Kursabende, in denen eigentlich nur Meinungen von Philosophen ergebnishaft in ihrer Vielfalt präsentiert wurden. Da gibt es diesen und dazu noch diese, und der hier äußert sich abweichend et cetera. Ich bin um eine Methode verlegen, wie philosophisches Denken vermittelt werden kann; ich weiß nicht einmal sicher, bitte ohne Eitelkeit, ob ich selbst philosophisch denke, nicht einmal, ob ich philosophisch denken können möchte. Vielleicht ein wenig kapriziös!

Im akademisch betriebenen Fach selbst ist der lebendige Dialog nach meiner Erfahrung erst recht kaum vorhanden. Die Diskussionen finden schon von alters her vor allem im schriftlichen Medium statt, und es sind uferlose Diskurse, die sich so entwickelt haben. Man schaue zur Exemplifizierung nur einmal auf die unüberschaubare Menge von Büchern und Aufsätzen der letzten Jahrzehnte zum Thema „Gerechtigkeit“ oder zu einem Autor wie Martin Heidegger.

Und was haben Sie dann an der von Ihnen so genannten „eventorientierten“ Philosophie auszusetzen?

BLASCHE: Sie verfällt dem gleichen Verdikt der Frontalität. Darüber hinaus aber vermittelt sie den Eindruck, dass man philosophisches Denken in mundgerechten Stücken verabreichen kann, als Wissensbestand, den man getrost nach Hause mitnehmen kann. Die Beschäftigung mit den großen Texten der Philosophie selbst, sie ist unumgänglich, kann nicht durch Verkürzung umgangen werden. Sie kostet Mühe und Lebenszeit. Ich selbst habe für mich die Erinnerung, dass ich erst seit dem Moment, nach der Habilitation, als ich selbst Vorlesungen zu halten hatte, sukzessive eine Ahnung davon bekam, worum es Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ ging und warum dies von höchster Relevanz ist. Und meine Habilitationsschrift, die ich gern zurückziehen würde, war einem Kapitel aus der „Kritik der reinen Vernunft“ gewidmet. Ohne den lebendigen Dialog geht es nicht, aber auch nicht ohne die Kenntnis der den Zugang zum Gedanken erschwerenden originären schriftlichen Tradition. Für denjenigen, der die „Anstrengung des Begriffs“ nicht auf sich nimmt, versackt, was er rezipiert, in einem „erinnerungslosen Wohlgefallen“, wie dies eine von mir geschätzte Kollegin jüngst nannte.

Wie würden Sie Ihren eigenen Zugang zu den philosophischen Themen charakterisieren?

BLASCHE: Seit dem vorigen Jahrhundert, es gibt einen Fortschritt innerhalb der Disziplin, ist Philosophie wesentlich Sprachphilosophie. Die Sprache ist das Rüstzeug, mit dem gearbeitet wird. Sie ermöglicht die Gedanken. Ein so einmal fixierter Gedanke aber schließt andere aus, und das kann zu Missverstand führen. So ist die Sprachphilosophie wesentlich Kritik der Sprache, fatalerweise aber mit sprachlichen Mitteln. So bleibt eigentlich nur die Möglichkeit und Ehrlichkeit eines „exzentrischen Philosophierens“, das stets misstraut. Ein Beispiel: Kant, der große Asperger der Moralphilosophie, hat die Barmherzigkeit als eine Beleidigung der Gerechtigkeit gefasst. Schopenhauers Einspruch fand keine Resonanz. Sie blieb weitgehend aus dem philosophischen Diskurs als Thema ausgeschlossen, der Religion überlassen. Sie ist als philosophisches Thema neu zu entdecken, erst einmal durch die Kritik der gerechtigkeitszentrierten Sprache.

Sind die Gedanken der Stoiker oder die der Philosophen der Aufklärung überhaupt noch übertragbar auf heute?

BLASCHE: Oh ja, Texte aus der philosophischen Tradition sind heute noch von großem Interesse. Philosophische Themen veralten nur in Grenzen. Man wird je nach Problemlage bei Aristoteles, bei Cicero, bei Montaigne, Voltaire, bei Mach oder Sloterdijk fündig. Wer Aufklärungskritik treibt, sollte an Herder nicht vorbeigehen.

Wenden wir uns doch mal einigen philosophischen Fragen zu. Woher können die Menschen in den heutigen, bewegten Zeiten Zuversicht nehmen?

BLASCHE: Das ist eigentlich keine Frage der Philosophie. Sie wendet sich vornehmlich dem zu, „was ist“. Zuversicht bekommt derjenige, der mit offenem (vielleicht kindlichem) Blick auf das Gesamt seines Lebens merkt. Hierfür gibt es aber kein Rezept, obwohl auch Pillen helfen mögen.

Gibt es keine moralischen Verbindlichkeiten?

BLASCHE: Sie findet jeder, mehr oder weniger, in sich selbst. Die Werte, denen jemand folgt, sind ihm durch die Kultur, in der er lebt, durch Erziehung und Gewöhnung ins psychische Sediment gelegt – oder auch nicht. Die Philosophie kommt für die Erzeugung eines moralischen Bewusstseins zu spät. Das meiste an moralischem Fehlverhalten kommt dadurch zustande, dass die Menschen die Bedingungen und Folgen ihrer Handlungen nicht bedenken. Deshalb gibt es noch Fleischkonsumenten und Raucher, ins Allgemeine gewendet: keinen Protest gegen die sich auftuende Schere zwischen Armut und Reichtum.

Was sagt die Philosophie zu der großen Eile, die uns heutige Menschen in Atem hält?

BLASCHE: Man kann sich ihr durchaus entziehen, indem man sein Leben ändert.

Welche Liebe macht den Menschen am glücklichsten?

BLASCHE: Wohl doch die sexuell erlebte, in der – wir müssen wohl Freud folgen – alle anderen Lieben fundieren.

Wären wir als Millionäre glücklicher?

BLASCHE (entschieden): Nein! Kein Geld zu haben steht heute aber dem Glück im Wege. Wer sein Leben ausschließlich an den Gelderwerb hängt, ist allemal verloren. Aber ich will mich nicht an den vielleicht vorhandenen Glücksvorstellungen des Herrn Winterkorn delektieren.

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