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Taunus-Schrauber: Schon als Kind hat Gerhard Müller von Horex-Motorrädern geträumt

Eine vor einem halben Jahrhundert in Eigenregie gebaute Garage kann manchmal ein besonderer Ort sein. Ein Ort der Fülle und Bewahrung, einer, der Auskunft gibt zu handwerklichem Geschick und historischem Bewusstsein. In Friedrichsdorf steht ein solcher Nutzbau – funktional, aber mit funkelndem Innenleben.
Gerhard Müller hält hier einen Zylinder von einer Horex-Regina in Händen. In seiner Werkstatt finden sich eine Menge solcher Ersatzteile. Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Gerhard Müller hält hier einen Zylinder von einer Horex-Regina in Händen. In seiner Werkstatt finden sich eine Menge solcher Ersatzteile.
Friedrichsdorf. 

Noch ist von weißen Tüchern raumgreifend bedeckt, was Besitzer Gerhard Müller in wenigen Minuten offenbaren wird. Zunächst ist im hölzernen Anbau – in dem ein Heizlüfter wohltuende Dienste verrichtet – ein Rundumblick zu wagen. Auch hier: Werkstattgerätschaften dicht an dicht, ein Universum aus Schubladen, Ziehkästen, Regalfächern, Schrankwänden. Dort, überm Durchgang, wohlgeordnet das Dosensortiment aus Kälte-, Anti-Fog-, Color-, Schweiß- und Lack-sprays. Hier die Drahtscheiben, Rollböcke, Spezialutensilien. Abzieher in aller Vielfalt, allen Größen. „Ohne die kriegt man den Horex-Motor nicht auseinander“, sagt Gerhard Müller – und schon ist er beim Thema.

Es sind „Zwei- und Dreiräder“, denen sich der 72-Jährige mit Inbrunst und Herzblut – der Begriff „Hobby“ ist dafür wohl doch zu schwach – widmet. Seit 1985 haben sich zehn Maschinen angesammelt, darunter zwei Gespanne. Eine Marke triumphiert, ist auffallend deutlich präsent: Horex, die Sagenumwobene, Vielgeliebte. Mit einer 350-Kubik-Regina, Baujahr 1950, fing für den gelernten Autoschlosser alles an. „Auf der Buschwiese gekauft, in desolatem Zustand.“ Es erweist sich als großes Glück, dass ihm dabei Kurt Hahnstein über die Schulter sieht, dem jungen Naiven seine Hilfe anbietet. Hahnstein, der noch im alten, längst abgewickelten Horex-Werk repariert hat, ist der richtige Mann für die Müllersche Frühphase. „Er hat mir alles beigebracht.“

Müllers ganzer Stolz: eine Horex-Regina 350 (1950). Als er sie kaufte, war sie in einem desolaten Zustand. Bild-Zoom Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.)
Müllers ganzer Stolz: eine Horex-Regina 350 (1950). Als er sie kaufte, war sie in einem desolaten Zustand.

Schon mit Kinderaugen hat der Friedrichsdorfer Bub die vor dem unweit des Elternhauses angesiedelten Horex-Clublokal geparkten Motorräder bestaunt, dem von dannen ziehenden Nachbar auf seiner Homburger Maschine sehnsuchtsvoll nachgeblickt. Im Traditionshaus Milupa hat er später ein Vierteljahrhundert als Messedisponent gearbeitet, seine Freizeit aber im Sattel verbracht. Die mit einem Spitzmotor bestückte Regina hat ihn nach Norwegen gebracht, mehrfach an Italiens Gestade – und gilt dem Eigentümer als „alpenerprobt“. Obwohl zwischen dem Fahrverhalten damaliger und heutiger Maschinen „Welten liegen“, wird die zuverlässige Horex-Qualität gelobt.

Um auch die Ehefrau an den schönen Reiseeindrücken teilhaben zu lassen, darf schließlich ein Motorradgespann im Haushalt nicht fehlen. Da ist dem 400 Kubikzentimeter-Kraftpaket von 1956 ein elegant-schwarzer Steib-Seitenwagen vom Typ S 501 beigegeben. Wie für alle Modelle im überschaubaren Raum gilt auch in diesem Fall: „Alles fahrbereit, alles in Schuss.“ Dass dieser Zustand nicht vom Himmel fällt, ist der Schrauberfertigkeit des Kenners zu verdanken. Außer mit dem Werkzeugarsenal, das einst Kurt Hahnstein und mittlerweile dem Horex-Club gehört, arbeitet Müller mit selbst gefertigten Gerätschaften. Für die Montage steht ein Motorbock bereit, unweit davon ein Element, mit dem Kurbelwellen zentriert werden können. Fräs- und Drehbank – „muss man haben“ – gehören daneben zum Standardprogramm.

Fünf Motorblöcke

Und erneut gleiten die Blicke über die Wände, erfassen eine Menge an Erinnerungs- und Sammelstücken, natürlich die wie zum Kunstwerk angeordneten Regina-Motorblöcke in fünffacher Ausfertigung. „Neu gelagert, neu abgedichtet“, so Müller. Sturzbügel und Gepäckhalterungen hat er nach eigenem Gusto gebaut, sich sogar an die Motorradsitze gewagt. Seine Bänke sind deutlich schmaler als üblich, dem eigenen Fahrgefühl angepasst. Dass demnächst ein Spitzmotor mit einem modernen Anlasser gekoppelt werden soll, kann nur als neue Herausforderung bezeichnet werden.

Diesen 20-Liter-Kraftstoffreservekanister (1970) hat Müller zu einem Barfach umgebaut. Bild-Zoom Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.)
Diesen 20-Liter-Kraftstoffreservekanister (1970) hat Müller zu einem Barfach umgebaut.

Inmitten der neun Modelle des Homburger Unternehmens – die 350er Regina war Anfang der Fünfziger die weltweit meistverkaufte in ihrer Klasse – steht eine einsame Moto Guzzi. Während es rundum lackschwarz und feuerrot blinkt und glänzt, trägt die V7 Special ein cremefarbenes Stahlblechkleid. Was als 1970er-Neuheit mit 50 Pferdestärken in Italien vom Band lief, kam viele Jahre danach in fünf Kisten verpackt nach Friedrichsdorf. Die V7 musste in ebensolcher Klein- und Feinarbeit hergerichtet werden wie der angedockte Seitenwagen, der vorzeiten völlig vom Rost zerfressen war.

Keine Federung

Ansonsten: Horex-Historie bis in seltene Verästelungen. Der Mann, dessen jährlicher Zweirad-Radius fast 3000 Kilometer beträgt, hebt das Tuch von seiner ältesten Maschine. Zum Vorschein kommt eine vor 82 Jahren montierte S3, der 300 Kubik und 11 PS mitgegeben wurden. Die Gangschaltung sitzt – ein wunderbares Detail – seitlich des Tanks und ist gekrönt von einem Holzknauf. „Keine Federung hinten, jeder Kieselstein ist zu spüren“, so Müller, der den Hinterreifen vor jeder Ausfahrt um ein wenig Luft erleichtert. Stark reparaturbedürftig sei der Oldtimer gewesen – „da musste tatsächlich alles erneuert werden“.

In Griffweite davon ein von Werksentwickler Alfred Petith ersonnenes „Vorführteil“. Den Prototyp kennzeichnen Schwingerrahmen, Hugo-Schmitz-Tank, auch Doppelzündung und Duplexbremse. Nicht minder eindrucksvoll jener Eigenbau, in dem ein V4-Motor von Honda mit einem „Resident“-Rahmen versöhnt wurde. „So etwas gibt es nur zwei Mal auf der Welt.“ Zum Abschluss des Garagenganges tätscheln wir den schwarzen Lack einer „Imperator“, deren Produktionsjahr 1956 zugleich auf das traurige Ende der Horex-Zweiradherrlichkeit hinweist. Es ist das Jahr, in dem die traditionsreiche Homburger Motorradherstellung unwiderruflich endet.

Vor einem hellblauen Benzinkanister versammeln sich schließlich Schrauber, Schreiber und Lichtbildner. Wie von Zauberhand klappt ein Türchen auf, gibt den Blick auf ein verborgenes Bar-Fach mitsamt Flaschen und Gläsern frei. Ein weiteres Müller-Kabinettstückchen, dem nur noch das Erzählen von Anekdoten folgen kann. Und schon rollt die Zeit zurück – dorthin, wo sich das heimische Horex-Gespann im „Hessen a la Carte“-Umfeld wiederfindet. Und Moderator Karl-Heinz Stier in Verkennung seiner Fähigkeiten geradewegs in den nächsten Straßengraben steuert.

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