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Neuer Lehrplan: Sexualkunde ohne Klischees

Von In Hessen gilt seit kurzem ein neuer Lehrplan für Sexualkunde an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. In dem werden nun auch „Genderidentitäten“ und Schwangerschaftsabbrüche schon in jungen Jahren thematisiert. Warum das gar nicht verkehrt ist und wie Lehrer mit dem Thema umgehen, zeigt ein Blick ins Gymnasium Oberursel.
Ein Modell und viele Materialen nutzen Sabrina Hering und Jens Frowerk im Gymnasium Oberursel beim Sexualkundeunterricht. Foto: Matthias Reichwein Ein Modell und viele Materialen nutzen Sabrina Hering und Jens Frowerk im Gymnasium Oberursel beim Sexualkundeunterricht.
Oberursel. 

Wenn Sabrina Hering (34) am Ende der sechsten Klasse bei der Sexualerziehung ihre Schüler fragt, welche Begriffe sie im Zusammenhang mit Sexualität kennen, dann kommen Worte vor, die Papa und Mama wohl die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Und vielleicht auch dem einen oder anderen Klassenkameraden. Weswegen Hering die Schüler diese Worte auch, ohne Nennung des Namens des Schreibers, zu Papier bringen lässt und dann vorliest. Und die Begriffe dann systematisch ordnet – und nach und nach erklärt.

Hering ist Chemie- und Biologielehrerin am Gymnasium Oberursel und hat seit kurzem fürs Fach Biologie einen neuen Lehrplan. In dem (siehe nebenstehenden Text) das Thema Genderidentitäten, also mit welchem Geschlecht sich ein Mensch selbst identifiziert, genauso vorkommt wie die Themen Akzeptanz von Schwulen und Lesben, Patchworkfamilie oder Schwangerschaftsabbruch. Ziel des Unterrichts soll demnach nicht nur die Information „über die Existenz unterschiedlicher Partnerschaftsformen und Verständnisse von Familie, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten“ sein, sondern auch „deren Akzeptanz“.

Einer Mehrheit des Landeselternbeirats ging diese Forderung allerdings zu weit – der Landeselternbeirat verweigerte seine Zustimmung. Weswegen das Vorhaben am Ende per Ministerentscheid durchgesetzt wurde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass es in der Schule nur noch um Sex geht, und zwar von frühester Kindheit an und auch noch per Ministerdekret verordnet. Aber Tatsache ist: Sexualität ist in der Schule einfach nicht so ein abstraktes Thema, sondern es betrifft die Mädchen und Jungen ganz entscheidend. Und sie setzen sich, auch wenn ihre Eltern das möglicherweise nur ungern wahrhaben wollen und die Kinder vielleicht erst elf oder zwölf Jahre alt sind, damit auseinander.

Internet zeigt vieles

Und eben auch mit allem, was dazugehört: dass es Mädchen gibt, die lieber Jungen wären, dass es Jungen gibt, die Jungen lieben, dass es Teenager gibt, die plötzlich Eltern werden. „Das sehen sie im Fernsehen, auf Youtube, in den sozialen Netzwerken. Eltern sollten nicht die Augen davor verschließen – das ist derzeit einfach bereits gesellschaftliche Realität“, gibt Hering zu bedenken.

„Sexualität betrifft die persönliche Entwicklung der Kinder – und sie sind selbst in einer Findungsphase. Deswegen ist es wichtig, ihnen darzulegen, warum es in Ordnung ist, auch anders zu sein als die Norm“, sagt Jens Frowerk (50). Er ist am Gymnasium Oberursel Leiter des Bereichs Gesellschaftswissenschaften, unterrichtet Politik und Wirtschaft und Geschichte – aber auch Biologie. In die er durchaus Aspekte der Gesellschaftswissenschaften mit einbringt, gerade wenn es darum geht, zu diskutieren was „normal“ ist beziehungsweise, in welchen Stereotypen man unbewusst doch denkt.

Bewusstsein schaffen

Bewusstsein genau dafür schafft Frowerk im Rahmen der Sexualerziehung schon früh in der sechsten Klasse. Da lässt er dann im Unterricht die Mädchen und Jungs aufschreiben, was sie als typisch männlich und typisch weiblich ansehen. „Und dabei kommen dann meistens Aussagen, dass als typisch weiblich unter anderem angesehen wird, dass Mädchen angeblich zickiger sind als Jungs, mehr auf ihr Aussehen achten, lange Haare haben, emotionaler sind und gerne shoppen, fleißig sind, während Jungs Angeber seien, sich cool fühlten, am Computer zockten und fauler seien.“

Wenn er aber dann in der Klasse frage, wer für sich selbst denn glaubt, diesem Bild von Weiblich- oder Männlichkeit zu entsprechen, dann sehe die Sache anders aus. „Tatsächlich sehen sich die jungen Leute selbst eben nicht in solchen Schubladen“, schildert der Pädagoge sene Erfahrungen.

Und da setze der neue Lehrplan Sexualkunde eben auch an – zu erklären, dass es „in der menschlichen Sexualität keine Norm gibt – im Rahmen der Grundwerte, wohl gemerkt“, zitiert Frowerk den Sexualforscher Volkmar Sigusch. Der neue Lehrplan öffne den Kopf für Neigungsvielfalt und führe eben weg von den Stereotypen von „das ist normal“ und „das ist nicht normal“.

„Nicht tabuisieren“

Es sei durchaus verständlich, dass Eltern da erst einmal zusammenzuckten, weil eine Debatte über Transsexualität vermutlich „nicht unbedingt zu den abendlichen Tischgesprächen“ gehörte. „Aber es wäre falsch, das Thema zu tabuisieren und da einfach die Rollläden zu schließen, weil man als Eltern denkt, dann bekämen die eigenen Kinder das schon nicht mit“, erklärt Frowerk.

Wichtig sei vielmehr, dass die Kinder wüssten, dass eben nicht jeder gleich sei und sie auf diese Weise lernten, mit ihren eigenen Sorgen und Nöten und der Frage, ob sie selbst „normal“ seien, besser umzugehen – wenn sie eben wüssten, „normal“ gibt es eigentlich nicht.

„Und Schule ist auch ein guter Ort, um darüber zu sprechen“, sagt Hering. Manche Stunden trennt sie Mädchen und Jungs und lässt die Jungs ihre Fragen mit einem männlichen Kollegen erörtern, die der Mädchen beantwortet sie natürlich selbst. „Und da kommt es immer wieder vor, dass Themen besprochen werden, die vermutlich nicht daheim beim Mittagessen Thema sind.“

Etwa Mobbing oder sexuelle Gewalt. Oder Familienplanung und Verhütung. Oder Transgender. Das sind jene Menschen, die sich fühlen, als wären sie im falschen Körper geboren. Und die erst ein glückliches Leben führen können, wenn sie sich haben umoperieren lassen.

„Früher hat man so etwas vielleicht abgetan. Aber heute gibt es eben neben Mädchen und Jungen noch Kinder, die sich in anderen Gender-Vorstellungen wiederfinden. Und weil darüber auch öffentlich gesprochen wird, sprechen auch unsere Kinder darüber. Das ist doch klar“, sagt Hering.

„Normal“ war nie üblich

Tatsache sei: „Wir haben auch früher nicht ,normalen Sex’ unterrichtet“, betont Frowerk. Der neue Lehrplan lege aber gezielt Wert darauf, den Kindern zu vermitteln, dass es unterschiedliche Arten von Partnerschaften gibt und von sexueller Neigung, und auch Geschlechterrollen aufzubrechen. Aber es ist nicht so, dass wir vorher solche Themen nicht bereits im Rahmen der Sexualerziehung angesprochen hätten“, betonen Hering und Frowerk unisono.

Was allerdings heute im Rahmen des Unterrichts auch für Lehrer anders sei – „und zwar im Sinne von gut“, sagt Frowerk – , seien die Materialien. Natürlich existieren weiterhin die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln für die Sexualerziehung ausgegebenen kleinen Informationsheftchen für junge Leute – von „Wissenswertes rund um das Condom“ über „Das erste Mal“ bis hin zu „Sex ’n’tipps – Meine Rechte“.

Daneben aber gebe es auch das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung „fluter“. „Und das wartet mitunter mit für den heutigen Sexualkundeunterricht spannenden Themen auf“, sagt Frowerk und verweist auf eine Ausgabe aus dem Dezember 2016. Die das Thema Geschlechter zum Inhalt hatte.

Und gleich auf einer der ersten Seiten ein Paar zeigt, bei dem sie seine Klamotten und er ihr Kleid trägt. Der folgende Text behandelt „Männer, die auch weiblich sein dürfen. Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen“.

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