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Stadlober hat Sehnsucht

Von Robert Stadlober las am Montagabend beim Poesie- und Literaturfestival Voltaire. Und wie! „Über die Toleranz“ ist 250 Jahre alt und dennoch brandaktuell.
Mit Sprache und Gestik interpretierte Robert Stadlober die Voltaire-Streitschrift. Im Sinclair-Haus wurden gleich beide Ausstellungsräume im Erdgeschoss genutzt, um das Publikum zu beherbergen. Mit Sprache und Gestik interpretierte Robert Stadlober die Voltaire-Streitschrift. Im Sinclair-Haus wurden gleich beide Ausstellungsräume im Erdgeschoss genutzt, um das Publikum zu beherbergen.
Bad Homburg. 

Das Sinclair-Haus ist am Montagabend ausverkauft; das war es schon seit Januar. Dicht an dicht drängen sich die weißen Stühle in den beiden großen Ausstellungsräumen. „Wir wagen etwas mit Voltaire“, sagt Bernd Hoffmann, künstlerischer Leiter des Poesie- und Literaturfestivals. Doch ob des Wagnisses spricht Hoffmanns Miene nicht von Besorgnis – vielmehr von Freude über das unerwartet große Interesse der Zuhörer.

„Über die Toleranz“, das 1763 erschienene Werk des wohl einflussreichsten französischen Philosophen und bedeutendsten Protagonisten der Aufklärung, steht auf dem Programm. Voltaire (1694–1778) plädiert darin für die Toleranz zwischen den Religionen. Damit ist die Schrift brandaktuell. Sie passt so genau in unsere Zeit, dass man ihr gar nicht genug Zuhörer wünschen kann.

Voltaire entwickelte seine Gedanken rund um ein fanatisches Fehlurteil in Zeiten des Protestantenhasses; Jean Calas stirbt auf dem Rad, weil er seinen eigenen Sohn ermordet haben soll, der zum Katholizismus habe konvertieren wollen. Voltaire gelingt die Rehabilitierung des unbescholtenen Mannes, doch ihm geht es um mehr. Die Familie Calas ist für ihn symbolisches Opfer der religiösen Intoleranz. „Ein Journalist, der zu tausend Peitschenhieben verurteilt wird, eine Schülerin, die sich durch ihren Willen zur Bildung schuldig macht, enthauptete Geiseln, entführte Mädchen – sie sind die Calas von heute“, schrieb Laurent Joffrin, Chefredakteur der französischen Tageszeitung Libération.

Die Stimme der Vernunft, der Menschlichkeit ist an diesem Abend Robert Stadlober, einer der besten deutschsprachigen Schauspieler der jungen Generation. Wie Stadlober, dunkelblau-schwarzer Dreiteiler, ohne Krawatte, die blondierten Haare verwuschelt, Voltaire liest! Er nippt am Weißwein, den Text als Ausdruck auf DIN-A4 in der Hand, läuft vor seinem Publikum hin und her, gestikuliert. In seiner Stimme liegen all jene Gefühle, die Voltaire beim Schreiben durchlebt haben muss – von der Verzweiflung über die Empörung bis hin zur Sehnsucht nach einer anderen, einer besseren Welt.

Das Heilmittel: Toleranz

Habe der Fanatismus, liest Stadlober, das Gehirn einmal „verpestet“, so sei die Krankheit fast nicht mehr zu heilen. Und: „Sie tragen alle die gleiche Binde vor den Augen.“ Was solle man jemandem entgegensetzen, „der Gott über die Gesetze der Menschen stellt, der überzeugt ist, in den Himmel zu kommen, wenn er Hälse durchschneidet?“, fragt Stadlober bewegt, fast verzweifelt. Zwietracht sei der Menschheit schlimmstes Übel – das alleinige Heilmittel die Toleranz, liest er vor; eindringlich und klar, genauso klar, wie es damals Voltaire war.

Toleranz habe nie einen Bürgerkrieg veranlasst, Intoleranz sei es, die Blutvergießen über die Erde gebracht habe. „Wir haben keine Herzen, um uns zu hassen. Gott gab uns nicht die Hände, um uns zu erwürgen. Möchten doch alle Menschen sich daran erinnern, dass sie Brüder sind, und die Güte des Gottes preisen, der uns diesen Augenblick geschenkt hat!“, zitiert Stadlober abschließend, bestimmt und zugleich voller Demut. Stehende Ovationen.

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