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Verein Perspektiven: Theater als Therapie: Menschen mit psychosozialen Störungen entdecken die Bühne

Von Warten mag keiner gerne. Was einem dabei so alles durch den Kopf gehen kann, wie die Stimmung kippt oder wann es lustig wird, zeigt eine Theatergruppe von Menschen mit psychosozialen Störungen heute bei der Premiere ihres Stückes „Lust und Bange in der Warteschlange“.
Joachim Krah (stehend) und Alexander Hausmann von der Theatergruppe der Tagesstätten des Vereins Perspektive spielen als Kellner und Gast eine Szene in ihrem Stück „Lust und Bange in der Warteschlange“. Foto: Jochen Reichwein Joachim Krah (stehend) und Alexander Hausmann von der Theatergruppe der Tagesstätten des Vereins Perspektive spielen als Kellner und Gast eine Szene in ihrem Stück „Lust und Bange in der Warteschlange“.
Oberursel. 

Die Menschen aus der Theatergruppe der Tagesstätten des Vereins Perspektiven, der in Königstein, Steinbach und Oberursel Einrichtungen betreibt, haben zwei Dinge gemeinsam: Sie können derzeit keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen, weil sie an psychosozialen Störungen leiden. Und sie können mit Freude Theater spielen. Zum Spaß, einfach, um etwas zu tun, aus Neugier oder als Therapie.

Heute feiert die Gruppe Premiere auf der „kunstbühne portstrasse“. Ihr Stück heißt „Lust und Bange in der Warteschlange“. Dafür hat Regisseurin und Kunsttherapeutin Stefanie Kaufeld gemeinsam mit ihren sieben Schützlingen Anekdoten, Situationen und Witze über das Warten an verschiedenen Orten zusammengetragen und in kurzen Szenen einstudiert. Da gibt es zum Beispiel die Szene, in der ein Gast im Restaurant versucht, den Kellner auf sich aufmerksam zu machen.

Gestern haben die Laiendarsteller noch mal hochmotiviert geprobt, und Kaufeld hofft, mit dieser besonderen Arbeit ein breites Publikum zu erreichen. Die Momente, um die es in der Aufführung geht, kennt jeder. Etwa im Wartezimmer einer Arztpraxis, wo unterschiedliche Charaktere zusammentreffen. Die Darsteller machen das sehr gut. Der eine ist aufgeregt, liest in seiner Zeitung, neben ihm will ein noch hektischerer Mann ständig wissen, wann er dran ist, und möchte außerdem, dass ihm sein Platz freigehalten wird, da er kurz den Raum verlassen will.

In einer anderen Sequenz wartet eine Dame mit Koffer auf dem Bahnhof lange auf ihren Zug. Sie zieht sich die Lippen nach, putzt sich die Nase, cremt sich die Hände ein und beginnt zu lesen. Irgendwann, auch dem Zuschauer erscheint die Zeit lang, steigt sie endlich in die Bahn und sagt: „Geschafft.“

Chronisch depressiv

Pia Meier (55) spielt diese Wartende, und sie spricht ganz offen über ihre chronische Depression, wegen der sie die Tagesstätten besucht. „Ich bin seit anderthalb Jahren bei Perspektiven und genauso lang in der Theatergruppe, ich war von Anfang an bei der Entwicklung der Geschichte dabei.“ Früher sei sie Buchhändlerin gewesen, erzählt die Frührentnerin. Da sie kein Auto habe, sei ihr das Warten auf Bahnhöfen wohlbekannt.

Veronique Kehl (37) besucht wegen einer Borderlinestörung seit einem Jahr die Tagesstätten. „Ich warte nicht gern, bin ungeduldig“, sagt sie. „Es bringt Spaß, in andere Rollen zu schlüpfen.“ Das macht sie – unter anderem als Tochter im Auto mit ihren Eltern (Pia Meier, Uwe Lerch) in einem Stau – wie alle anderen hervorragend. Kaufeld ist überzeugt: „Die Teilnehmer erkennen durchs Schauspielern neue Werte und Fähigkeiten in sich.“

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