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Hilfe für Flüchtlinge: Traumafachberatung: Sie weisen Wege aus der Dunkelheit

Von Astra – Asyl und Trauma heißt das jüngste Projekt des Oberurseler Vereins Perspektiven. Astra, auf Deutsch Sterne, die aus der Dunkelheit führen. Die Fachberatungsstelle für traumatisierte, psychisch belastete Geflüchtete im Hochtaunuskreis ist seit wenigen Wochen geöffnet, und der Bedarf ist groß. Schon jetzt geht es deshalb darum, die langfristige Finanzierung zu sichern.
Der Verein Perspektiven bietet eine Traumaberatung an: Ulrike Schüller-Ostermann (von links), Semra Demir, Susanne Möller, Konstanze Hacker und Mustafa Korkmaz. Foto: Jochen Reichwein Der Verein Perspektiven bietet eine Traumaberatung an: Ulrike Schüller-Ostermann (von links), Semra Demir, Susanne Möller, Konstanze Hacker und Mustafa Korkmaz.
Oberursel. 

Auf dem runden weißen Tisch steht ein frischer Frühlingsblumenstrauß, die vier Stühle sind quietschbunt, grün, orange, gelb, gelb-grün. Die blauen Vorhänge sind zur Seite gezogen, viel Licht fällt in den kleinen Raum; auf dem Sideboard steht eine große weiße Kerze, im Eck eine Stehlampe. Alles wirkt gemütlich, hell und freundlich. Doch die Geschichten, die hier erzählt werden, ganz langsam, Stück für Stück, sind düster – sie handeln von Grauen und Schrecken, Leid und tiefer seelischer Verletzung. Dann sitzen ein geflüchteter Mensch und ein Traumaberater auf den Stühlen in den fröhlichen Farben, dazu mal ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, der den traumatisierten Schützling begleitet, mal ein Dolmetscher.

Und wenn die Erinnerungsfetzen einschießen, in Form von quälenden Flashbacks, empfehlen die Berater, einen Ball zu drücken oder Wasser über die Hände laufen zu lassen, alles, was über die Sinne zurück in die Gegenwart holt.

Rund 4000 Flüchtlinge

Astra – Asyl und Trauma heißt das jüngste Projekt des Oberurseler Vereins Perspektiven. Seit Anfang Januar können sich traumatisierte, psychisch belastete Geflüchtete ab 18 Jahren, die im Hochtaunuskreis einen Antrag auf Asyl gestellt haben, an die traumazentrierte psychosoziale Fachberatungsstelle von Perspektiven in der Oberurseler Alberusstraße wenden.

Bis zu 4000 Geflüchtete leben kreisweit noch auf engstem Raum in Gemeinschaftsunterkünften, etwa 1500 von ihnen stecken zusätzlich zur schwierigen Wohnsituation noch im belastenden Asylverfahren und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Astra. Mit dem Projekt könne man eine Versorgungslücke schließen, sagt Perspektiven-Geschäftsführerin Ulrike Schüller-Ostermann, Leid lindern und der Manifestierung psychischer Erkrankungen entgegenwirken.

Die Idee, eine Traumafachberatung für Asylsuchende einzurichten, trieb den Verein seit Längerem um. So seien, wie Schüller-Ostermann berichtet, immer häufiger entsprechende Anfragen eingegangen. Und der Eindruck hat nicht getäuscht: „Der Bedarf ist groß“, sagt Susanne Möller.

Die 56 Jahre alte Sozialarbeiterin und Traumafachberaterin, die seit 22 Jahren für Perspektiven arbeitet, leitet das Projekt Astra. Sie und ihr Team, dem die Traumaberater Semra Demir und Mustafa Korkmaz und die Traumatherapeutin Konstanze Hacker angehören, haben in den ersten Wochen schon mehr als ein Dutzend Beratungsgespräche geführt, Anfragen habe es bereits doppelt so viele gegeben. Die meisten Hilfesuchenden stammten aus Afghanistan – hier wirke die Angst vor der Ausweisung als zusätzlicher Belastungsfaktor –, außerdem aus Syrien, dem Iran, Eritrea, Somalia und Pakistan.

Hohes Suizid-Risiko

„Mindestens 50 Prozent der in Deutschland ankommenden Asylsuchenden sind traumatisiert“, weiß Möller. Davon entwickelten 30 bis 50 Prozent eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und wiederum fast die Hälfte der PTBS-Erkrankten sei suizidal. „Durch andere Menschen verursachte Traumatisierungen sind schwerer zu verkraften als eine Naturkatastrophe.“ Die, erklärt Möller, erlitten ganz viele, außerdem werde das Vertrauen in Mitmenschen nicht verletzt.

Integrationshindernis

Traumafolgen – die unter anderem die Integration massiv behinderten – äußerten sich nicht nur in Flashbacks, sondern auch in körperlichen Schmerzen, Angstzuständen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen, Anspannung, Schreckhaftigkeit oder auch Aggressionen.

Ein Trauma, die tiefe Verletzung der Seele durch ein besonders bedrohliches Ereignis, dem man sich nicht entziehen kann, sei „keine Krankheit, sondern eine normale Reaktion“, unterstreicht Möller, und das vermitteln die Berater auch den Geflüchteten. „So etwas ist in den Heimatländern oft eine große Schande“, wissen die Astra-Mitarbeiter. Darum auch ist die Beratung nicht nur kostenfrei und unbürokratisch, sondern auch vertraulich und kultursensibel. Nachdem der Hilfebedarf der Betroffenen eingeschätzt wurde, folgt eine in Stufen aufgebaute Traumaberatung, die die Menschen informiert, stabilisiert und langsam an die Bearbeitung des Traumas heranführt. Ist eine längere und intensivere Therapie notwendig, vermittelt Astra an niedergelassene Therapeuten, Psychiater und stationäre Einrichtungen. Knapp 100 000 Euro jährlich kostet das neue Projekt den Verein Perspektiven, informiert Geschäftsführerin Schüller-Ostermann auf Nachfrage – und erst einmal ist die Finanzierung über Fördermittel gesichert: Die Aktion Mensch trägt drei Jahre lang 70 Prozent der Personal- und einen Teil der Sachkosten, den Rest, insgesamt rund 50 000 Euro, spendiert die landeseigene Stiftung Flughafen Frankfurt/Main. Und was kommt danach? Darum gelte es sich jetzt schon zu kümmern – „Ziel ist, dass es nach den drei Jahren weitergeht.“

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