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Geschichte: Vor 60 Jahren: Als in Bad Homburg ein ganzes Haus umzog

In den USA mag es heutzutage alltäglich sein, dass Menschen mitsamt ihrem Haus umziehen. Dass aber ein Haus in Deutschland verrückt wird, ist eher die Ausnahme. Als das vor 60 Jahren in Bad Homburg geschah, sorgte die Aktion deutschlandweit für Aufsehen. Stadthistorikerin Gerta Walsh lässt die Ereignisse von damals noch einmal Revue passieren.
62 Meter musste das Haus, das dem Unternehmer Herbert Quandt die Aussicht auf Bad Homburg verstellte, verschoben werden. Dafür mussten im Garten Schienen verlegt werden. Bilder > 62 Meter musste das Haus, das dem Unternehmer Herbert Quandt die Aussicht auf Bad Homburg verstellte, verschoben werden. Dafür mussten im Garten Schienen verlegt werden.
Bad Homburg. 

Nachdem der Unternehmer Dr. Günther Quandt (1881–1954) gemeinsam mit seinem Sohn Herbert die in den westlichen Zonen Deutschlands liegenden Firmen nach der Währungsreform von 1948 neu geordnet und konsolidiert hatte, bestimmte er 1950 für die Hauptverwaltung das verkehrsgünstig gelegene Frankfurt am Main, Neue Mainzer Straße 54. Doch zum Wohnsitz wählte man Bad Homburg. Hier wurde Dr. Herbert Quandt (1910–1982) am 12. Juli 1950 Bürger der Kurstadt und bezog sein Haus im Hardtwald in der Heinrich-von-Kleist-Straße. Sieben Jahre danach, also vor 60 Jahren, geriet sein Anwesen in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses.

Sein erster Besitzer, Heinz Grollmisch, hatte 1950 das Haus in der Kleiststraße 12 bezogen. Als er die Stadt verließ, erwarben es die Quandts. Unmittelbar dahinter, noch auf dem gleichen Grundstück, ließ Herbert Quandt einen auf einer leichten Anhöhe liegenden Neubau erstellen, doch der schöne Blick auf Homburg und den Taunus blieb ihm versperrt. Daher bemühte er sich um den Abriss des ihn störenden Hauses. Doch es wurde ihm mitgeteilt, dass wegen der herrschenden Wohnungsnot ein Abriss nicht genehmigt werden würde.

Doch es gab eine andere Methode, das zwar nicht gewünschte, aber völlig intakte Gebäude aus dem Blickfeld zu rücken: Die Verschiebung innerhalb des eigenen Grundstücks. Dieses technische Wagnis war in den USA und in Frankreich bereits erfolgreich durchgeführt worden, doch noch nie in Deutschland.

Verschieben und drehen

Nachfragen bei den Bau-Unternehmern Wayss & Freytag, Philipp Holzmann KG und der Siemens-Bauunion wurden getätigt, und alle drei Firmen schlugen vor, das bewusste Haus um die nötigen 62 Meter zu verschiebe, parallel zur Heinrich-von-Kleist-Straße, und dazu noch um 23 Grad zu drehen. Das niedrigste Angebot gab die Siemens-Bauunion mit 130 000 Mark ab und erhielt Ende Januar 1957 den Zuschlag. Der Beginn des mit Spannung erwarteten Projektes war der 15. Februar.

Das massive Gebäude aus Ziegelsteinen mit einem Grundriss von 12,50 mal 9,20 Meter und einem Gewicht von 450 Tonnen wurde unterhalb der Kellerdecke durch einen eingebauten Stahlbeton-Balken mit Stahlträgern in Längsrichtung des Hauses unterfangen. Zwischen diesen Gleitschienen und dem Stahlträger liefen Spezialstahlrollen. Der nächste Schritt war, einen Rahmen von Stahlbeton-Trägern anzulegen, die dann als Kellergeschoss verbleiben würden, aus dem man später Türen und Fenster herausbrechen musste. 22 Wälzanlagen waren nötig, denn auf ihnen sollte später das ganze Haus ruhen. Seine Bewegung musste auf völlig glatten Gleitschienen aus Beton vor sich gehen, die auf dem Verschiebeweg in die Erde versenkt und mit 10 Millimeter dicken Stahlplatten zur Verminderung des Reibungswiderstandes verstärkt waren.

Der nächste Schritt war, die Leitungen zu kappen und den Wintergarten abzubrechen, Wasserhähne und Lampen konnten im Haus bleiben. Inzwischen waren am gewünschten Platz ein Keller und ein neues Fundament entstanden.

Das Haus bewegt sich!

Der große Tag war der 14. April 1957. Nachdem zwei Poliere der Baufirma im 1. Stock des Gebäudes ihre Kontrollposten bezogen hatten, hoben Hydraulikpressen das Haus an und brachten es in leichte Bewegung. Starke Stahltrossen an seiner Stirnseite nahmen diese auf und setzten sie fort. Zentimeterweise bewegte sich nun das Haus. Eine zusätzliche technische Herausforderung für die Ingenieure ergab sich mit der geplanten, aber schwierigen Drehung des Gebäudes um 23 Grad. Auch diese gelang. Die Versetzung dauerte vier Tage, wobei pro Stunde etwa zwei Meter zurückgelegt waren. Das Haus wurde nun auf den neuen Keller gezogen und dort mit Pressen angehoben. Nach der Entfernung der Gleitrollen hatte das verrückte Haus am 31. Mai sein Ziel erreicht, so dass der Ausbau sofort beginnen konnte. Das Gebäude selbst war am 15. August fertiggestellt, die Außenanlagen am 30. September.

Die in Deutschland viel beachtete Verschiebung hatte ein halbes Jahr gedauert, war also bedeutend schneller als ein Abriss mit anschließendem Wiederaufbau. Finanziell blieben sich beide Systeme gleich.

Das Aufsehen, das diese Aktion hervorrief, war riesengroß, und das nicht nur in Bad Homburg. Die Presse überbot sich in Überschriften wie „Ein Haus in Bad Homburg geht auf Wanderschaft“ , „Ein verrücktes Haus“ oder „Ein Haus rollt über Schienen“. Stadtplaner interessierten sich für diese bisher in Deutschland unbekannte Meisterleistung von Siemens-Bauunion und stellten Überlegungen an, ob man zukünftig diese in der Kurstadt angewandte Methode für das Verrücken von im Wege stehenden Gebäuden auch anderswo anwenden könne.

Das auf diese ungewöhnliche Weise in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses geratene Haus erhielt später einen neuen Eigentümer. Herbert Quandt verkaufte es dem Ingenieur, der 1957 die vielbeachtete und bewunderte Leistung vollbracht hatte.

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