Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Bad Homburg 15°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Geschichte: Vor 80 Jahren begann der Mieger-Prozess

Der Köpperner Wilderer Johann Wilhelm Mieger wurde 1937 wegen zweifachen Mordes zum Tode verurteilt und 1938 hingerichtet. Sein Sohn bekam 15 Jahre Zuchthaus und wurde später zur berüchtigten SS-Brigade „Dirlewanger“ versetzt.
Wilhelm Mieger junior aus Köppern begleitete seinen Vater auf der Pirsch. Bilder > Wilhelm Mieger junior aus Köppern begleitete seinen Vater auf der Pirsch.
Friedrichsdorf. 

Heute vor genau 80 Jahren standen zwei Köpperner Wilddiebe vor Gericht: Johann Wilhelm Mieger aus Köppern und sein Sohn Wilhelm Mieger. Seit Juni 1937 saßen beide in Untersuchungshaft. Grund war der Mord an dem Jagdaufseher Ernst Hofmann. Der war am 16. April 1937 von einem Kontrollgang nicht zurückgekehrt. Eine Schülergruppe der Landjahrjugend fand seine Leiche schließlich verborgen unter Fichtenreisig im Dillinger Wald.

Der Waidmann war durch Schüsse, Messerstiche und Würgemale am Hals grässlich zugerichtet worden. Die Mordkommission der Kriminalpolizei Frankfurt rückte mit einem großen Aufgebot an, um den die Tat aufzuklären und bei dieser Gelegenheit gleich die gesamte „Wilderermafia“ der Taunusdörfer vor Gericht zu bringen. Nur ein Wilderer, so die Vermutung, konnte das brutale Verbrechen verübt haben. Zahlreiche Personen aus der Umgegend wurden festgenommen und ihre Häuser nach Waffen durchsucht. Der Sitzungssaal des Friedrichsdorfer Rathauses glich bald einem Waffenlager mit über 50 Gewehren aller Kaliber.

Die Friedrichsdorfer Bevölkerung und auch die Einwohner der umliegenden Dörfer zeigten sich wenig hilfsbereit, trotz einer ausgesetzten Belohnung von 1000 Mark. Da halfen auf die Appelle an die Moral nichts, klagte die Polizei. Jeder befürchtete, sich als Zeuge Unannehmlichkeiten auszusetzen, und die am besten informierten Leute hatten meist selber etwas zu verbergen.

Wiederholungstäter

Sehr schnell konzentrierte sich der Verdacht auf den Weißbinder Johann Wilhelm Mieger und seinen Sohn Wilhelm. Beide waren seit langem als Wilderer bekannt und hatten schon mehrfach Gefängnisstrafen verbüßt.

Mieger hatte im Mai 1906 nach Köppern eingeheiratet. Nach dem frühen Tod seiner Frau, mit der er zwei Söhne hatte, heiratete er ein zweites Mal und wurde Vater einer Tochter. Im Jahre 1933 baute er sich ein Haus mit einer Gartenhütte in unmittelbarer Nähe zum Dillinger Wald. Zu diesem Zeitpunkt war er längst ein „gewerbsmäßiger“ Wilderer, der mit dem erlegten Wildbret einen schwunghaften und lohnenden Handel trieb. Sein Sohn Wilhelm war bei den Waldgängen sein ständiger Begleiter. Die Ehefrau Katharina und die Schwiegertochter waren bei der Verarbeitung des Fleisches behilflich.

Bereits am 28. April erreichte die Kriminalpolizei ein Teilgeständnis von Katharina Mieger. Sie gab zu, dass ihr Mann und ihr Stiefsohn manchmal gewildert hätten. Wilhelm Mieger junior zeigte der Polizei sogar die Verstecke für das erlegte Wildbret in einer unterirdischen Räucherkammer. Bei der Durchsuchung des Hauses fanden die Beamten vier Schusswaffen, das Dolchmesser, mit dem Hofmann erstochen worden war, und Stücke von eingemachtem, geräuchertem und gesalzenem Wildbret. Am gleichen Abend legte Sohn Mieger ein Geständnis ab. Er nahm den Mord an Ernst Hofmann auf sich. Vater und Sohn wurden ins Untersuchungsgefängnis Frankfurt eingeliefert. Ihr Prozess begann am 7. Juni 1937.

Sohn beschuldigt Vater

Bei der Schilderung des Mordes verwickelte sich der junge Mieger aber in Widersprüche. Er behauptete, Hofmann habe ihn angegriffen, und er habe nur in Notwehr gehandelt. Im gleichen Monat wurde er – obwohl ihm das Gericht nie ganz geglaubt hat – zum Tode verurteilt. Dieser Schock – Mieger hatte geglaubt, er käme wegen Totschlags mit Zuchthaus davon – brachte eine dramatische Wende im Prozess. Den nun beschuldigte er seinen Vater, ihn zum falschen Geständnis überredet zu haben. Dieser sei der wahre Mörder.

Am 8. November 1937 begann dann der Doppelprozess gegen Vater und Sohn. Nun wurde auch ein bisher ungeklärter Mord an dem Usinger Forstmeister Wilhelm Birckenauer aus dem Jahre 1917 neu verhandelt. Damals war Johann Wilhelm Mieger verdächtigt worden, konnte aber trotz drückender Beweise nicht angeklagt werden, weil zwei Köpperner Einwohner unter Eid ausgesagt hatten, dass Mieger kein Kleinkalibergewehr – die Mordwaffe – besessen habe. Diese beiden widerriefen nun ihre damalige Aussage, so dass Mieger auf jeden Fall wegen dieses Mordes verurteilt werden sollte.

Zahlreiche Zusammenstöße mit Forstbeamten und Jägern in den Wäldern bis Kransberg und Obernhain kamen zur Sprache. Übersichtlicher wurde die Sache dadurch nicht. Im Gegenteil. Irgendwann wusste man kaum noch, wer Wilderer und wer Jagdberechtigter war. Einige Zeugen der Anklage waren selbst Wilderer gewesen, und Mieger hatte ihnen einst Draht und Schlingen abgenommen.

Parallel zu dem Mieger-Prozess führte die Frankfurter Kripo eine groß angelegte Razzia im Taunus durch. In Friedrichsthal, Kransberg, Pfaffenwiesbach und in Nieder-Mörlen wurden zahlreiche Personen festgenommen. Am 19. November 1937 war die Beweisaufnahme abgeschlossen, einen Tag später wurde das Urteil verkündet: Der Sohn Wilhelm erhielt 15 Jahre Zuchthaus und lebenslänglich Ehrverlust, der Vater Johann Wilhelm Mieger wurde wegen Mordes in zwei Fällen zum Tode verurteilt.

Johann Wilhelm Mieger wurde am 15. Juli 1938 im Strafgefängnis Frankfurt-Preungesheim durch das Fallbeil hingerichtet. Sein Sohn Wilhelm wurde zunächst ins Zuchthaus Kassel eingeliefert, 1942 ins Konzentrationslager Oranienburg überstellt und im Januar 1943 zur berüchtigten SS-Brigade Dirlewanger versetzt. Die Einheit wurde unter der Bezeichnung „Wilddiebkommando Oranienburg“ in den Listen der 5. SS-Totenkopfstandarte geführt und für besonders gefährliche und grausame Vorhaben eingesetzt, zum Beispiel im Warschauer Aufstand 1944.

Wilhelm Mieger hat den Krieg überlebt. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft kam er zwar zunächst wieder ins Zuchthaus Butzbach, wurde aber 1949 begnadigt. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen und samt ihrem Sohn ihren Mädchennamen wieder angenommen. So ist der Name der Familie in Köppern zwar ausgelöscht, aber nicht vergessen.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse