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Auf gemeinsamen Wegen in Bad Homburg: Warum ein ungewöhnliches Duo zusammen durch den Wald marschiert

Ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis zeichnet den Autisten Roy und seinen gesetzlichen Betreuer Thomas Schrod aus. Die TZ begleitete die beiden bei ihrer wöchentlichen strammen Wanderung durch den Wald und durch das Kirdorfer Feld.
Thomas Schrod (links) und sein Schützling Roy sind regelmäßig in der Natur unterwegs – und haben dabei offenkundig viel Spaß, wie dieses Selfie der beiden zeigt. Thomas Schrod (links) und sein Schützling Roy sind regelmäßig in der Natur unterwegs – und haben dabei offenkundig viel Spaß, wie dieses Selfie der beiden zeigt.
Bad Homburg. 

„Nach rechts und vorne nach links“ – Roy marschiert flott den sich schlängelnden Waldweg entlang und ist aus dem Sichtfeld verschwunden. „Das ist immer so“, lacht Thomas Schrod. „Roy läuft immer voran und wartet an der nächsten Weggabelung. Aber er läuft nie weg.“ Plötzlich wird es laut. „Nein, ich will das nicht. Heute esse ich nicht. Das tut mir leid. Schade!“ Roy hat plötzlich schlechte Laune, ärgert sich über Bäume und Zäune und schreit durch den Wald. Das passiere hin und wieder. Denn der 23-Jährige ist Autist und kann sich nicht anders artikulieren. „Leider weiß man nicht genau, was er denkt und was ihn bedrückt“, sagt Schrod und fragt Roy mit ruhiger Stimme, was los sei. Der Junge hält inne, wird ruhiger, bleibt stehen. Schrod hakt sich kurz bei ihm ein, bevor sie ihren gemeinsamen Weg fortsetzen.

Seit über zwei Jahren ist der 67-Jährige Roys gesetzlicher Betreuer. Der studierte Betriebswirt suchte bereits am Ende seines Berufslebens bei der Deutschen Leasing nach einer Aufgabe als Rentner. „Ich bin niemand, der sich auf die Couch legt oder Vogelhäuschen baut“, erklärt Schrod.

Etwas zurückgeben

„Ich wollte mich um andere kümmern, bei der Tafel, bei der Beratung von Existenzgründern oder der Betreuung eines behinderten Menschen.“ Über eine Zeitungsannonce des Betreuungsvereins der Lebenshilfe Hochtaunus, die sich bereits seit 50 Jahren in der Region für Menschen mit geistigen Behinderungen und ihre Angehörigen einsetzt, wurde Schrod auf die Suche von ehrenamtlichen Betreuern (siehe ZUM THEMA) aufmerksam. „Ich hatte im Leben viel Glück und möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Heute kümmert er sich um alle Belange des Autisten – um Freizeitaktivitäten, Behördengänge und Vermögen. „Mittlerweile erhält Roy seine Halbwaisenrente und sein Kindergeld, das dem Landeswohlfahrtsverband zukommt. Dieser zahlt die Unterkunft von Roy. Außerdem gibt es Kleider- und Taschengeld“, zählt Schrod die Erfolge der vergangenen zwei Jahre auf. „Schön wäre es, wenn Roy eines Tages in einer Werkstatt speziell für Behinderte arbeiten könnte.“

Betreuer werden

Jeder kann rechtlicher Betreuer eines Menschen mit Krankheit oder Behinderung werden. Meistens übernimmt ein Familienmitglied oder ein ehrenamtlicher Betreuer die Aufgaben.

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Dass die beiden ein freundschaftliches Verhältnis haben, zeigt sich bereits bei der Begrüßung. Ein kurzer Handschlag und eine feste Umarmung – danach wird das Tagesprogramm besprochen. Seit über zwei Jahren unternehmen die beiden jeden Mittwoch etwas zusammen. Bei Wind und Wetter laufen sie vormittags bis zu 15 Kilometer. Und nach einem Mittagessen bei Schrod und seiner Frau zu Hause marschieren sie nachmittags weitere fünf bis zehn Kilometer.

Eine tolle Erfahrung

Ob durchs Kirdorfer Feld, auf den Herzberg oder zur Saalburg – Laufen verbindet den bewegungsliebenden Roy und den Marathonläufer Schrod. Gemeinsam haben sie in diesem Jahr erstmals am integrativen Zimmersmühlenlauf teilgenommen und sind 1,5 Kilometer gelaufen. „Roy gelangte als Zweiter ins Ziel – stolz und mit weit aufgerissenen Augen“, erinnert sich Schrod.

Und wenn das Wetter nicht mitspielt? Dann möchte sein Schützling Roy am liebsten in ein Einkaufszentrum und CDs aussuchen – „und ein Ben- und-Jerry’s-Eis essen“, meldet sich der 23-Jährige zu Wort.

Die beiden reden, sie schweigen und laufen stramm die Waldwege entlang. „Mit Roy habe ich Glück gehabt, dass ich mich um einen jungen Menschen kümmern kann“, erklärt Schrod. „Aber das Wichtigste für mich war, dass Roy mich von Anfang an akzeptierte.“

Während Roy früher laut rufend durch die Straßen lief, ist er viel ruhiger und offener geworden. „Frauen begegnete Roy sehr distanziert. Heute grüßt er meine Frau, reicht ihr die Hand und kocht mit ihr unser Mittagessen“, erzählt Schrod stolz. Sogar auf fremde Menschen gehe er zu, grüße sie und wünsche ihnen in Restaurants einen guten Appetit. Beim Arzt erzähle er im Wartezimmer so laut seine Geschichten, bis ihm alle zuhören.

„Für mich ist das eine tolle Erfahrung“, erzählt Schrod, der, wie er sagt, auch selbst viel offener und verständnisvoller geworden ist. „Lebenshilfe ist Lebensfreude“, schwärmte er kürzlich beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Lebenshilfe. Die Feier war ein weiterer Schritt auf dem gemeinsamen Lebensweg der beiden.

(dna)
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