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Königsteiner Bahnhofsfest: Was sind Trainspotter - und was machen sie in Königstein?

Von Auch die alte Dampflok konnte nicht entkommen. Als die historische Eisenbahn sich von Höchst nach Königstein hinaufschiebt, lauert Daniel Oster ihr schon mit seiner Kamera auf. Er ist auf der Jagd. Ob RB 16, S9 oder Straßenbahn – der 26-Jährige hat sie alle schon abgelichtet. Er ist „Trainspotter“: Im Internet stellt er seine Aufnahmen aus, genau wie Tausende andere Eisenbahnenthusiasten. Was steckt hinter diesem ungewöhnlichen Hobby?
Das eindrucksvolle alte Stahlross machte am Königsteiner Bahnhof Station. Foto: Jochen Reichwein Das eindrucksvolle alte Stahlross machte am Königsteiner Bahnhof Station.
Königstein. 

Nur wenige Meter trennen Daniel Oster von den Gleisen. So nah kommen den schwarzen Ungetümen sonst nur wenige. Wie ein metallener Lindwurm gleitet die alte Eisenbahn den Anstieg hinauf. Die Lok pfeift. Die Zylinderschläge rattern. Dampf wabert aus dem Schlot. Oster ist in seinem Element. Genau dafür ist er nach Königstein gekommen: Für das Dampflok-Gefühl. Für das perfekte Foto. Und für seinen Sammeltrieb.

Im Internet ist bekanntlich viel Platz. Das ist ein Glücksfall für Oster. Allein auf seiner Festplatte schlummern mehr als 100 000 Aufnahmen von Straßenbahnen, Eisenbahnen und Feuerwehrwagen. Es ist die alte Faszination der Technik. Als Kleinkind spielte Oster mit der heimischen Modelleisenbahn und unternahm mit seinem Vater Dampflokfahrten. Seither begeistern ihn vor allem alte Eisenbahnen. Bahnen aus der Zeit, die sein Vater noch mitbekommen habe, die er aber nicht mehr kenne. „Heutzutage sind die Sitze im ICE natürlich bequem und die Triebwagen neu und effizient“, erzählt der 26-Jährige. „Aber das Eisenbahnflair kommt dabei nicht so rüber.“ Trotzdem jagt Oster seit 13 Jahren eigentlich jeden Zug im Rhein-Main-Gebiet – mehrere Hundert verschiedene Modelle hat er schon fotografiert und gefilmt.

Dekorativ: Diese Familie bewundert mannshohe Räder. Bild-Zoom Foto: Jochen Reichwein
Dekorativ: Diese Familie bewundert mannshohe Räder.

Viele seiner Exponate landen später auf der Videoplattform „YouTube“. Dort tauschen sich die sogenannten Trainspotter über ihre Aufnahmen aus. Der Name kommt vom englischen „to spot“, was übersetzt „beobachten“ bedeutet. Die Spotter beobachten und fotografieren in diesem Fall Lokomotiven und Wagons. Seltene oder besondere Aufnahmen finden in der Szene die meiste Anerkennung. „Doch wenn auf einem Bild beispielsweise die Oberleitung abgeschnitten ist, wird die Aufnahme von manchen Webseiten nicht veröffentlicht. Aber aus solchen Streitereien halte ich mich heraus“, sagt Oster. Allgemein ist es dem Bahn-Enthusiasten sowieso wichtiger, die Züge selbst gesehen zu haben. Ein Foto zu sehen reiche nicht aus.

Da wäre zum Beispiel die „Siemens Vectron“-Güterzug-Lok: Das sei eine Bahn mit tollem hellgrünem, silberblauem und einfach speziellem Design. Von diesem Modell gibt es nur ein Dutzend in Deutschland und wenige Hundert in Europa. „Wenn die fahren, will sie natürlich jeder fotografieren. Dann gibt es eine Jagd.“ Dabei träfe er auch hin und wieder andere Spotter an den Gleisen. Klar, untereinander gibt man sich auch Tipps. Die Szene ist über das Internet gut vernetzt.

Von seiner Heimat Maintal aus startet Oster regelmäßig seine Foto-Touren. Er kennt jeden Bahnhof in der Region – und die besten Orte für gute Bilder: Der Güterbahnhof Mainz-Bischofsheim, Neuhof bei Fulda oder Darmstadt-Kranichstein. Sein Geheimtipp: Wenn im Rheintal bei Walluf eine Seite der Bahnstrecke gesperrt sei, kommen auf der anderen Seite von Koblenz aus im Minutentakt Züge angefahren.

Sicherheit hat Vorfahrt

An der Strecke selbst hat Sicherheit höchste Priorität. Gefährlich sei es sowieso kaum: „Theoretisch könnten Teile vom Güterzug abfliegen, wenn er vorbeifährt. Dass so etwas passiert ist, habe ich aber noch nie gehört.“ Normalerweise trägt Oster deshalb auch eine orangefarbene Warnweste. Auch wenn er darin aussehe wie ein Müllmann. Das nimmt er gern in Kauf: Denn schon öfter sei es vorgekommen, dass Zugführer Fotografen für potenzielle Selbstmörder gehalten hätten, weil diese keine Warnweste trugen. Dann sei die Strecke gesperrt worden, Bahnen seien ausgefallen und die Polizei sei angerückt. Der Trainspotter, der für dieses Chaos verantwortlich gewesen sei, habe mehrere zehntausend Euro zahlen müssen. Solchen Ärger mit der Deutschen Bahn will Oster vermeiden.

Auch sonst ist er vorsichtig: Mindestens zwei Meter Abstand zum Gleis sind beim Fotografieren Vorschrift – dort steht dann aber auch Osters Kamera-Stativ. In manchen Bahnhöfen ist es verboten, die ankommenden und abfahrenden Züge zu knipsen. Mit den Bahn-Mitarbeitern gerate er aber selten aneinander, sagt der Spotter. Bloß einmal sei er in eine brenzlige Situation geraten: In Mainz habe er bei einem Fußball-Spiel einen Sonderzug fotografiert. Danach sei er zusammen mit Wolfsburger Fans von der Polizei eingekesselt worden. „Aber als ich ihnen meine Fotos gezeigt habe, haben sie mich gehen lassen.“

Allgemein werde Trainspotting unterschiedlich wahrgenommen. Männer verstünden die Faszination meist. Sie machten auch einen Großteil der Spotter aus. Frauen seien in der Szene eher selten. Er mutmaßt: „Viele finden es wohl bekloppt oder kindisch.“ Aber: „Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man wirklich zu seinem Hobby steht, kommt es überall an.“

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