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Wetter: Wenn der Nussbaum Verspätung hat

Wer darauf achtet, wann die Schneeglöckchen blühen und wann der schwarze Holunder reift, der kann in etwa vorhersagen, ob es in den folgenden Monaten wärmer oder kälter wird.
Landwirt Heinz Reinhardt zeigt auf seinen Nussbaum, der noch viele grüne Blätter hat. Nur langsam färben sie sich gelb. Bilder > Landwirt Heinz Reinhardt zeigt auf seinen Nussbaum, der noch viele grüne Blätter hat. Nur langsam färben sie sich gelb.
Friedrichsdorf. 

Ob wir wohl weiße Weihnachten bekommen? Das weiß Heinz Reinhardt zwar nicht. Aber dass es wahrscheinlich erst Ende Dezember oder Anfang Januar länger richtig kalt wird, kann er jetzt schon sagen. Der 54 Jahre alte Landwirt und Ortsvorsteher des Friedrichsdorfer Stadtteils Burgholzhausen kennt sich nämlich mit Zeigerpflanzen aus. Der schwarze Holunder ist so eine: „Wenn seine Früchte im Juli reifen, bedeutet das niedrige Temperaturen im Oktober“, erklärt er. Und: „Dieses Jahr war der Holunder spät dran. Zwischen dem 6. und 8. August wurden die Früchte schwarz.“ Dass der Oktober schön warm werde, habe man daran schon im August sehen können.

Das alles ist kein Hokuspokus, sondern eine ernstzunehmende Wissenschaft, die auch der Deutsche Wetterdienst schätzt: Bei der Phänologie wird die Entwicklung der Pflanzen und Tiere beobachtet. Da geht es darum, wann sich Blätter entfalten, wann sich Blüten öffnen und wann die Früchte reif sind. Bei Tieren wird beispielsweise geschaut, was sie wann tun. Die Kraniche beispielsweise, sah man in den vergangenen Tagen gen Süden ziehen. „Die fliegen erst, wenn’s kalt wird“, sagt Reinhardt. „Die Eichhörnchen, die anfangen, Vorräte anzulegen, kündigen ebenfalls an, dass es bald Winter wird.“ Die ältesten phänologischen Beobachtungen über viele Jahre sind übrigens aus Japan bekannt: Der Beginn der Kirschblüte wird dort seit 705 nach Christus aufgezeichnet.

Nur den Standort

Die beiden Zierapfelbäumchen in Reinhardts Garten sind über und über voll mit kleinen roten Früchtchen. Und die Bäume haben schöne dunkelgrüne Blätter. So als wäre der Herbst noch weit. „Das bedeutet, dass viel Wasser im Boden ist. Die Bäume sind gut versorgt, weil es im September viel geregnet hat“, erklärt Reinhardt. Das gelte jedoch nur für Friedrichsdorf. „Im Wetteraukreis und im Main-Taunus-Kreis war der September trockener.“ Und: „Wetter betrifft nur den Standort. 20 oder 30 Kilometer weiter kann es ganz anders aussehen. Klima umfasst hingegen großflächige Regionen.“

Wenn die Äpfel früh reifen, heiße das: Dem Baum fehlt Wasser und es wird bald kalt. „Bei Trockenheit reifen die Früchte aus, und der Baum schließt das Früchtewachstum ab“, erklärt Reinhardt. Damit die Bäume im Winter nicht erfrieren, ziehen sie ihren Saft zurück. Wenn dagegen, wie jetzt, viele Pflanzen noch voller Saft und Kraft sind, könne ein plötzlicher Kälteeinbruch zum Problem werden: „Die Himbeerruten zum Beispiel würden erfrieren. Wenn sich dagegen der Saft aus der Pflanze zurückgezogen hat, und es werden im Februar minus 25 Grad Celsius, dann ist das kein Problem.“

Immerhin werden einige Blätter von Reinhardts Nussbaums jetzt langsam gelb. Aber auch der sei zu spät dran. „Normalerweise hätte es schon vor zwei Wochen soweit sein müssen“, sagt er. Dabei habe die Natur im März noch einen Vorsprung gehabt. „Alles hat früh geblüht. Aber in der Nacht vom 19. auf den 20. April ist die Temperatur zwischen Mitternacht und 1 Uhr auf -5 Grad Celsius gefallen. Da sind viele Apfel- und Erdbeerblüten erfroren“, berichtet Reinhardt. Das habe die Ernte geschmälert.

Wasser für die Kartoffeln

Auch die kürzliche Kürbisernte sei schlecht gewesen. „Dreimal haben Unwetter und Hagel die Blätter zerstört. Die Pflanzen mussten jedes Mal neu austreiben. Hinzu kam viel Regen und wenig Sonne im September, deshalb konnten viele Früchte nicht ausreifen.“ Gut dagegen seien die Kartoffeln gediehen: „Die sind schön groß, weil sie viel Wasser bekommen haben.“

In der Phänologie gibt es nicht vier, sondern zehn Jahreszeiten. Der Winter, also das Ende der Vegetationsperiode, beginnt mit den fallenden Blättern der Stiel-Eiche. Aber schon zwischen Mitte Februar und Anfang März, wenn sich Schneeglöckchen zeigen und die Haselblüten fertig entwickelt sind, ist, dem phänologischen Kalender nach, Vorfrühling. „Kommen diese Blüten bereits am 15. Februar zum Vorschein, dann gibt es ein frühes Frühjahr“, sagt Reinhardt.

Mit den gelben Forsythien-Blüten beginnt, im März oder April, das eigentliche Frühjahr, der sogenannte Erstfrühling. Und wenn die Apfelbäume blühen (April oder Mai) ist Vollfrühling. Der Frühsommer startet im Mai, wenn der schwarze Holunder seine weißen Blütendolden zeigt. Dann werden auch bald die Erdbeeren reif. Und am Ende des Frühsommers können die Johannisbeeren geerntet werden. Der Hochsommer beginnt mit der Blüte der Sommerlinde, frühe Apfelsorten reifen im Spätsommer, und mit den sich schwarz färbenden Holunderbeeren beginnt der Frühherbst. Im Vollherbst sind die Eicheln reif und der Spätherbst beginnt damit, dass sich die Blätter der Stieleiche verfärben.

Reinhardt weiß aber auch, dass man Bäume immer bei abnehmendem Mond zurückschneiden soll. Auch das habe nichts mit Esoterik zu tun, erklärt er. Wohl aber mit der Erdanziehung: „Dann ziehen sich die Säfte zurück.“ Und natürlich stimmten auch die alten Wetterregeln: „Wenn ich ein schönes Abendrot über dem Taunus sehe, und die Temperaturen gehen zurück, dann wird gutes Wetter. Aber wenn sich ein schönes Morgenrot zeigt, dann kommt ein Tiefdruckgebiet, und es gibt Niederschlag.“ Insofern könne eigentlich jeder das Wetter vorhersagen, kurzfristig zumindest. Reinhardts Tipp: „Einfach mal hingestellt und die Natur gefühlt.“ Und wer die Zeigerpflanzen aufmerksam beobachtet, der erkennt längerfristige Tendenzen.

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