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Sternenkinder: Wenn die Geburt gleichzeitig ein Abschied ist

Die Schwangerschaft sollte eine Zeit des Glücks und der Vorfreude sein. Doch nicht immer steht an deren Ende das pure Glück. „Sternenkinder“, also Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben, gibt es häufiger als viele denken. Für die Eltern ist das eine Katastrophe. Auch weil es noch wenig vernetzte Angebote gibt, dafür aber jede Menge Bürokratie und teilweise Unverständnis. Auch Redakteur Harald Konopatzki ist ein „Sternenpapa“. . .
Ein Abschiedsbild am Tag der Beisetzung. Ein Abschiedsbild am Tag der Beisetzung.
Hochtaunus. 

Für Besucher ist das gerahmte Bild, das in unserem Treppenaufgang inmitten der Familienfotos hängt, nur ein unscheinbarer Regenbogen. Vielleicht zu filigran, um von Kinderhand gezeichnet worden zu sein, aber in jedem Fall nicht so interessant wie die Stationen aus dem jungen Familienleben rundherum. Und so ist es bislang keinem Gast aufgefallen, dass inmitten des bunten Regenbogens eine Hand gezeichnet ist, die schützend ein kleines Baby in den Himmel hebt . . .

Die Initiative Regenbogen

Das Bild ist eine Karte der Initiative Regenbogen, in deren Inneren ein winziger Fuß und ein kleines Händchen Abdrücke hinterlassen hat. Zusammen mit einem Schild an einem Baum im Weilroder Friedwald waren es lange die einzigen Spuren, die in der großen weiten Welt darauf hindeutete, dass sich unsere Yara angeschickt hatte, in ihr Fuß zu fassen.

Es war ein Dienstagnachmittag im Februar 2015, als es begann – und meine Frau und ich waren voller Freude auf unser erstes Kind. Zunächst ist der Ultraschall Routine. Zwölfte Woche, das Herzchen schlägt; was soll schon groß sein, meint der Frauenarzt noch beruhigend.

Dienstleistung Porträt einer Sterbeamme

Wenn in der Familie jemand stirbt, sind die Verwandten oft überfordert mit der Situation. Die Sterbeamme hilft emotional, aber auch ganz praktisch auf dem letzten Weg eines Menschen. Eine Dienstleistung, die immer mehr Menschen in Anspruch nehmen.

clearing

Ich werde das „Oh . . .!“ des ansonsten so empathischen Mannes nie vergessen, als er sich das kleine Köpfchen näher betrachtet. Zu viel Flüssigkeit in der Nackenfalte. So viel, dass der Arzt später bekennt, dass er das in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit noch nicht gesehen habe. Das müsse untersucht werden, sagt er. Aus dem Unterton hören wir heraus, dass das Ergebnis für ihn schon feststeht.

Fehler im Bauplan

Die Hochglanzmagazine lassen leicht vergessen: Dass aus einer befruchteten Eizelle ein fertiger gesunder, kleiner Mensch wird, ist kein Automatismus. Nur etwa jede zweite Schwangerschaft verläuft bis zum glücklichen Ende. Häufig gerät der Bauplan durcheinander, sprich es entstehen Defekte. Der Körper der Schwangeren merkt es und zieht die Notbremse. Meistens passiert das in einem sehr frühen Stadium – viele Frauen wissen dann gar nicht, dass sie überhaupt schwanger waren. Nach der zwölften Schwangerschaftswoche sinkt das Risiko für eine Fehlgeburt zwar deutlich, besteht aber weiter bis zur Entbindung. Dabei hat sich die gesellschaftliche Einstellung in den vergangenen Jahren verändert. Zwar galt seit jeher die Ansicht, dass das neue Leben mit der Befruchtung beginnt, wenn ein Kind vor der Geburt starb, wurde das meist nicht thematisiert, ja teilweise tabuisiert. Oft musste die Mutter das mit sich alleine ausmachen.

Mittlerweile gibt es viele und genaue Möglichkeiten zur pränatalen Untersuchung, so dass die Entwicklung des Kindes viel engmaschiger dokumentiert wird. Das kann dazu beitragen, dass die Bindung zu dem ungeborenen Leben noch einmal stärker wird.

Nervenzusammenbruch

Ich wollte am Tag nach der Verdachtsdiagnose arbeiten, immerhin war es ja „nur“ ein Verdacht. Ein Fehler. Stattdessen gab’s in der Redaktion einen Nervenzusammenbruch. Es folgte eine Zeit des Horrors, die uns von Arzt zu Arzt führte, den Verdacht – Trisomie 18, ein „mit dem Leben unvereinbarer Gendefekt“ – bestätigte und die dafür sorgte, dass über 30 Jahre Moral- und Werteentwicklung in wenigen Tagen mehrfach durch den Fleischwolf gedreht wurden.

Jede Information, die wir über die Krankheit fanden, war ein neuer Schlag in die Magengrube. Am Ende stand die Erkenntnis: Wenn die Kleine (wir wussten mittlerweile, dass es ein Mädchen war) überhaupt bis zur Geburt durchhalten würde, stünde ihr ein kurzes, eher ein sehr kurzes Leben voller Schmerzen bevor. Auch die Gesundheit der werdenden Mutter dürfe man nicht außer Acht lassen, warnten die Ärzte. Wir mussten eine Entscheidung treffen. Wir hatten Angst. Angst vor der Verantwortung, Angst vor den nächsten Tagen, Angst davor, etwas Falsches zu entscheiden. Aber das half nichts, die Zeit ließ sich nicht einfrieren.

Eine Entscheidung treffen

Erfüllen Schwangere die gesetzlichen Kriterien, bleibt ein Schwangerschaftsabbruch bei einem gesunden Fötus bis zur 14. Schwangerschaftswoche straffrei. Besteht eine „Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ ist auch ein späterer Abbruch möglich. Diese Voraussetzung ist dann erfüllt, wenn das Kind schwerstbehindert zur Welt käme oder nicht lebensfähig wäre. Auch wenn die Ärzte zur Beratung verpflichtet sind: Die Entscheidung liegt letztlich allein bei der Schwangeren.

Mich überkam in diesen Tagen ein mir unbekannter Drang: Mich zog es in die Kirche, zum ersten und bislang einzigen Mal in dieser Stärke. Ich wollte keinen Psychologen, keinen Mediziner mehr sehen. Ich brauchte einen Seelsorger. Heute kommt es mir surreal vor. Es war mein Geburtstag, an dem ein Pfarrer, den ich nur von der Arbeit kannte und der nicht mal in unserem Dekanat arbeitete, für uns da war und mit uns in der Kirche eine Andacht feierte, um das ungeborene Leben zu segnen und uns zuzuhören. Auch wenn es keine echte Taufe war, schenkte er uns eine Taufkerze und ein kleines Holzkreuz. Beides gab uns nicht nur an diesem Tag Halt. Nachmittags kam die Familie vorbei. Es war so nicht geplant, aber es wurde ein schönes Treffen, ganz ohne Zwang, ganz ohne falsche Beschwichtigung. Gemeinsam akzeptierten wir die Situation und fügten uns, noch einmal waren wir alle zusammen.

Zwei Tage später zeigte sich, dass uns die Entscheidung abgenommen worden war. „Das Herz schlägt nicht mehr“. Ein Satz aus fünf Wörtern, der für uns in diesem Moment gleichzeitig unendlich traurig aber auch erleichternd war. „Yara hatte sich entscheiden zu gehen“, dachte ich. „Gott hat Yara zu sich geholt, jetzt ist sie erlöst“, wünschte ich mir.

Es war Zeit, mit dem Abschiednehmen zu beginnen – mitten im Alltag einer an diesem Tag überlasteten großen Klinik in einer unterbesetzten Station standen wir den Spießrutenlauf durch. Heute klammern wir uns an die wenigen positiven Erinnerungen. Etwa an die junge Ärztin, die spontan ihre Schicht verlängerte, weil sonst niemand dagewesen wäre, der den Abdruck des kleinen Füßchens und des Mini-Händchens in die Regenbogen-Karte gebracht hätte. Sie weiß nicht, wie dankbar wir ihr noch immer dafür sind.

Kurzer Moment der Nähe

Am Abend konnte ich mich von meiner Tochter verabschieden und ihr über die Wange streicheln – in einem engen Nebenraum. Es war gerade Kreißsaal-Führung für Paare in freudiger Erwartung, deren Stimmen durch die Tür drangen . . . Der Arzt hatte mich vorgewarnt, dass ein Fötus in diesem Entwicklungsstadium noch nicht wirklich wie ein fertiges Baby aussieht. Das war unwichtig. Wichtig war nur dieser kurze Moment der Nähe.

Je nachdem wann das Leben im Bauch endet, wird es unterschiedlich benannt. Von „Fehlgeburt“ spricht man, wenn das Kind früh im Mutterleib stirbt und weniger als 500 Gramm wiegt. Dabei wird in „Frühabort“ (meist bis zur zwölften Schwangerschaftswoche) und „Spätabort“ unterteilt. Eine „Totgeburt“ meint hingegen, dass das Kind mehr als 500 Gramm wiegt. Das ist etwa in der 22. Schwangerschaftswoche der Fall – der Zeitpunkt ab dem ein gesunder Fötus bei einer Frühgeburt Überlebenschancen hätte. Nach der 14. Schwangerschaftswoche wird bei toten oder nicht lebensfähigen Kindern die Geburt auf normalem Weg eingeleitet – man spricht von einer „Stillen Geburt“. Viele Kliniken bieten mittlerweile Stille Geburten in einer respektvollen Atmosphäre an, die den Eltern erlaubt, mit dem Sternenkind Zeit zu verbringen. Auch gibt es Initiativen, die die Kliniken etwa mit Kleidung für Sternenkinder versorgen, so dass ein würdiger Abschied möglich ist.

Ich hätte nie gedacht, wie verletzlich und hilflos man – auch als Mann – nach einer solchen Zäsur sein könnte. Und ich mag mir nicht anmaßen mir vorzustellen, wie sich meine Frau damals gefühlt hat. Auch wenn wir viel geredet haben – in den anderen hineinfühlen ging nur begrenzt. Vieles lief schlecht: Angefangen von der psychologischen Erstberatung in der Klinik, deren Wartebereich auf einem Flur der Säuglingsstation lag. Jeder schrille, lebhafte Schrei eines Neugeborenen ließ die sich schon entwickelnde emotionale Mauer ein Stück wachsen. Sie gewann schnell an Höhe, etwa durch den vermittelten, ja wärmstens empfohlenen Kontakt zu einem Psychologen, der am Telefon kurz sein Mitgefühl zum Ausdruck brachte, im zweiten Satz jedoch schon fragte, wie wir denn versichert seien. Das sei nämlich mit der Abrechnung kompliziert, weil . . . Es gab keinen Termin, wir konnten nach der ausführlichen Erläuterung der Krankenkassenleistungen und der daraus folgenden Rechnungsstellung nur noch auflegen.

Für Wut fehlte uns in dieser Zeit die Kraft, so blieb es bei Resignation. Warum war es so schwer, Trost und Hilfe zu finden? Natürlich gab es immer wieder das Angebot: „Wenn Ihr was braucht, sagt Bescheid, wir sind für euch da.“ Aber wir konnten es nicht; wir wussten nicht was wir „brauchten“. Geholfen haben uns in dieser Zeit vor allem die Menschen, die nicht darauf gewartet haben, bis wir uns melden. Es waren die, die uns einfach irgendwann zurück ins Leben gezogen haben, auch wenn sie dafür einige Kraft brauchten und es auf dem Weg viele Fallstricke und Fettnäpfchen gab.

Würdiger Umgang

So war der nett gemeinte (und sicher rational absolut nachvollziehbare) Trostversuch eines Freundes, dass es doch positiv sei, dass alles so früh erkannt wurde und dann so schnell ging, erstmal ein Stich ins Herz. Es war mir damals – die Deutlichkeit muss sein – scheißegal, wann da was erkannt wurde. Es hätte einfach nicht sein dürfen, dass wir eine Bestattung planen mussten. Die Alternative, den Fötus „zu entsorgen“ (Hinweis eines Pflegers) oder ihn anonym mit anderen auf einer Wiese des Klinikgeländes beisetzen zu lassen, kam für uns nicht infrage.

Eine Melde- und Bestattungspflicht gibt es nur für Totgeburten, also Kinder, die bei der Geburt mindestens 500 Gramm wiegen. Erst seit Mai 2013 gibt es in Deutschland die Möglichkeit, auch die Geburt von Kindern mit einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm beim Standesamt anzuzeigen und ihrem Kind damit offiziell eine Existenz zu geben. „Die Änderung des Personenstandsrechts ermöglicht damit einen würdigen Umgang mit Sternenkindern“, heißt es dazu vom Bundesfamilienministerium. Für diese Kinder besteht keine Bestattungspflicht, aber viele Gemeinden haben mittlerweile Angebote geschaffen. Oft werden dazu auch Ausnahmen zugelassen, etwa wenn ein Sternenkind in einem bestehenden Grab beigesetzt werden soll.

Einige Friedhöfe, wie etwa der Waldfriedhof in Bad Homburg, der Friedhof Usingen oder der Friedwald in Weilrod, bieten spezielle zusätzliche Flächen an, auf denen die Sternenkinder beigesetzt werden können. Auch viele Bestatter haben sich des Themas mittlerweile angenommen und sind auf Anfragen vorbereitet.

Letzte Ruhe im Friedwald

Wir entschieden uns für den Friedwald. Nicht nur wegen der Ruhe und der Symbolik des Ortes. Der Baum bei Altweilnau war ein Ort, zu dem wir jederzeit hin konnten, der aber doch weit genug entfernt war, um nicht ständig damit konfrontiert zu werden. Es war eine kleine, stille Zeremonie. Außer uns war nur der Förster dabei, der sich zurückzog, so dass wir ein letztes Mal zu dritt waren. „Jetzt bist du angekommen“, dachte ich mir, als ich die kleine Urne in das Loch im Waldboden hinabgelassen hatte und wir die Rosenblätter darüber streuten. Ein kleiner, selbst gravierter Stein liegt bei ihr und ein Herz aus weißem Quarz. Plötzlich war alles ungemein friedlich.

Auch wenn es noch einige Zeit dauerte, bis das Leben wieder „normal“ wurde, war dieser Tag der eigentliche Beginn der „Zeit danach“. Wir beide hatten diesen Abschluss gebraucht.

Das Schild am Baum, auf dem bis dato nur ein Name stand, hat sich seitdem gefüllt. Heute ist nur noch ein Platz unter der jungen Buche frei. Wir wussten: Jeder neue Eintrag bedeutete ein neues Schicksal. Und trotzdem fanden wir einen naiv-kindlichen Frieden für uns, Yara und die anderen Sternenkinder an diesem magischen Ort. „Schau mal, sie hat wieder einen neuen Spielkameraden im Himmel . . . “

Mittlerweile hätte Yara, was in den verschiedenen Sprachen „Kleiner Schmetterling“, „Funken“, „Wunder“, aber auch „Wunde“ oder „Narbe“ bedeutet, ihren dritten Geburtstag gefeiert und wäre im Kindergarten. Auch wenn der kleine Schmetterling mittlerweile zwei Geschwister hat, geht das nicht vergessen, im Gegenteil. Wenn das Haus abends still ist und ich als Letzter das Wohnzimmer verlasse, mache ich häufig auf der Treppe halt und bleibe einige Zeit bei dem Kind im Regenbogen . . .

Die Berichte und Erfahrungen anderer betroffener Sterneneltern haben uns geholfen – und sie helfen uns auch jetzt noch. Es war für uns deshalb nie eine Option, die Vergangenheit zu verdrängen oder gar zu tabuisieren. Es hat nur lange gedauert, die vermeintlich schützende Mauer einzureißen und zuzulassen, dass Yara durch die Gespräche über sie doch tiefere Spuren in der Welt hinterlassen kann, die sie nicht kennenlernen durfte, als nur die, die sie in unseren Herzen hinterlassen hat.

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