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Tagebuchaufzeichnungen: Wie die Stadt zum Burgherr wurde

2017 jährt sich der Verkauf der Kronberger Burg an die Stadt zum 25. Mal. Diese Zeitung wirft in loser Reihenfolge Schlaglichter auf die damaligen Entwicklungen. Im letzten Teil unserer Serie geht es um persönliche, bisher unveröffentlichte Einblicke in die damalige Stimmungslage.
Gerhard Beier hat über den Burgverkauf Tagebuch geführt. Archivfoto:ksp Gerhard Beier hat über den Burgverkauf Tagebuch geführt. Archivfoto:ksp
Kronberg. 

Diese Kombination ist ein Glücksfall: Dr. Gerhard Beier war nicht nur von 1968 bis 1997 SPD-Stadtverordneter in Kronberg und damit mittendrin im „Kampf um die Burg“. Als Schriftsteller und Gründungsmitglied des Hessischen Literaturbüros wusste er zudem, seine Gedanken und Beobachtungen pointiert und geistreich in Worte zu fassen. Sein schriftstellerischer Nachlass wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn archiviert – seine Tagebücher sind in privater Hand in Kronberg.

Diese Zeitung durfte Einblicke in einige Passagen nehmen, in denen Beier sich mit den damaligen Geschehnissen um die Burg auseinandersetzte. Sie bieten eine subjektive, dadurch besonders interessante und auf jeden Fall einmalige Einsicht in die Vorgänge, die heute fest mit der jüngeren Geschichte von Kronberg verbunden sind. Nach einer Pause begann Beier 1990 wieder regelmäßig Tagebuch zu führen. Wir dokumentieren die Auszüge, zum besseren Verständnis stellenweise gekürzt. Anmerkungen in Klammern stammen von der Redaktion.

  6. Dezember 1990 : Drittes Burgforum. Die Versammlung des Burgvereins im RPZ ist hervorragend besucht. Viele Leute, die wir sonst nie erreichen, aber kaum die verwirrten Wackelköpfe. Kreß (damaliger Bürgermeister) baut seine Rede witzig auf, indem er Pointen ankündigt und dann Schritt für Schritt hochgehen lässt. Dabei bleibt er zahlenbezogen seriös. Er sieht die notwendigen Opfer für die Burg in Analogie zu den Opfern für die deutsche Einheit. Mit beidem hat er keine Schwierigkeiten. Sehr überzeugende Berichte von Burgruine Greifenstein. Uwe Wittstock als junger Mann sehr überzeugend mit „Burgschlips“, von seiner Schwester handgemalt. Rhetorisch glänzender Schlussbeitrag von Professor Dechand. Er bringt ein neues Argument aus vielfältiger Erfahrung. Lehmann (kurzzeitig Käufer der Burg) werde auf Schutz der Privatsphäre pochen und damit alle öffentlichen Nutzungen, die ihm nicht passen, abblocken. Mehrere Beitritte.

Das Eis gebrochen

  12. Februar 1991 : Große Überraschung (in der Fraktionssitzung): Zum Schluss teilt Wilhelm Kreß mit: Er verhandelt mit der Hausstiftung über einen Burg-Kompromiss. Die Hausstiftung hat sich der Klage Lehmanns nicht angeschlossen. Sie ist wohl auch über die Vertragserfüllung durch Lehmann enttäuscht. Nach der Sitzung rufe ich Wolfgang Busch (Vorsitzender des Burgvereins 1990-1999) an: „Wi hebbt Utsichten!“ Er ist begeistert. Der Burgverein hat meines Erachtens das Eis gebrochen, dass es wieder zu echten Gesprächen gekommen ist.

  15. Mai 1991: Unser Burg-Lehmann hat in Frankfurt sowohl seine Geschäfts-, als auch seine Privatadresse gelöscht. Der Mann scheint vom Erdboden verschwunden. Mir wäre das recht. Wenn es mit der Burg klappt, habe ich genug für das Vaterland getan.

  7. Juli 1991: Mittags auf dem durchglühten Flohmarkt. Unser Burgstand ist ein Magnet. Die Leute sind nach wie vor ideologisch aufgeladen. Leider zu wenig Gemeinsinn. Aber der Burgverein war noch nie so gut repräsentiert. Jedenfalls haben wir ein Zeichen gesetzt. Es muss also doch noch ein Gefühl dafür geben, wodurch öffentliches und privates Interesse zu unterscheiden sind.

  10. Juli 1991: Mittags gehen wir zum Burg-Tisch auf der Täler Kerb. Die Stimmung ist hervorragend. Auf der Kerb wird nur geschwätzt und gesoffen. Das macht ihr Wesen aus. Wir wollen sie künftig mit einem Kulturfest auf der Burg kombinieren.

  27. November 1991: Es wird Zeit, dass die Burg rüberkommt. Wort des Tages: „Ich wünsche Ihnen – im Rahmen dessen, was wir wollen – viel Erfolg.“ Helmut Kohl zu Ulrich Klose im Bundestag.

  3. Januar 1992: Gustav (Halberstadt) berichtet von seinen Burgspielen in Dreieich. Er würde uns in Kronberg beraten. Private Trägerschaft in Form des Burgvereins hält er für gut. Wir müssen aber die Attraktivität weit über Kronberg hinaus nutzen, um zu den notwendigen Einnahmen zu kommen.

  1. Februar 1992: Lebhafte Träume von der Kronberger Burg. Alles gehört mir. Aus der Burg wurde ein riesiger Kunsttempel mit wunderbaren wilden Nischen und kostbaren Wandverkleidungen, von innen gleichermaßen chaotisch wie die Basilius-Kathedrale von außen. Alles sechs Stockwerke hoch. Ich fühle mich darin wie der kleine Muck.

Brütende Falken

  6. Februar 1992: Gute Nachricht wegen der Burg. Wilhelm (Kreß) ist zu der öffentlichen Feststellung autorisiert, dass Hausstiftung und Stadt sich geeinigt haben. Nur Lehmann steht noch im Wege. Damit ist auch klar, dass er nur abstauben wollte. Von Mäzenatentum nichts zu spüren.

  8. Juni 1992: Ab auf die Burg. Ärgern uns über die vielen Verbotsschilder und Absperrungen im Burghof. Genieße den Aufstieg in den Turm. Überall wird auf brütende Falken hingewiesen. Ich sehe nichts von Nagelschäden, die Roland und Christopher (bei der Burgturmbesetzung) verursacht haben sollen. Die eichene Wendeltreppe ist phantastisch erhalten. Vielleicht wäre es richtig gewesen, wenn die Jungs sich ganz oben in der äußersten Spitze verschanzt und dort länger durchgehalten hätten. Gucke mit langem Bart aus den kleinen Fenstern und fotografiere. Alle müssen lachen.

  10. November 1992: Vom Telefonhäuschen aus in Schlachtensee rufe ich in Kronberg an. Heute Mittag wurde die Burg für etwa 900 000 DM von der Stadt Kronberg erworben. Die Rittergarde in ihren schönen Gewändern zierte die Zeremonie. Anschließend Gang auf die Burg. Alles von oben bis unten besichtigt. Traumhafter Terrassengarten mit blauen süßen Trauben – vom Stengel zu ernten. Auch sonst viele schöne Räume, von denen niemand etwas ahnte. Drei große unter dem Dach. Mehrere Fernsehanstalten haben ausführlich berichtet. Ein Jammer, dass ich nicht dabei sein konnte.

  18. November 1992: Schöner Spaziergang auf „unserer“ Burg. Wir genießen den Blick in die Landschaft. Wenn ich das mit der Aussicht vom Ginnheimer Spargel vergleiche, entwickelt sich hier ein unvergleichlich viel schöneres Panorama, weil Mittelgrund und Vordergrund auf malerische Weise nur ausschnittweise den Blick in die Ferne freigeben.

  13. Dezember 1992: Spekuliere schon länger über einen geeigneten Text für meine Weihnachtsanzeige. Schließlich faxe ich: „Möge die Burg ein Zeichen sein, unter dem alle geborgen sind. Trotz Wetter und Wind.“ Das klingt altfränkisch, ist aber modern gemeint, denn es zielt auf die zivile, bürgerliche Gesellschaft.

(dsc)

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