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Anwendungen im Alltag: Wissenschaftler-Paar untersucht die Eigenschaften von Flüssigkeiten

Wer hat sich noch nicht geärgert, dass die Marmelade vom Butterbrot auf das Tischtuch gelaufen ist. Die Farbe beim Neuanstrich an den Wänden mehr getropft hat als gedeckt. Die Zahnpasta eher im Becken als auf der Bürste gelandet ist? Flüssigkeiten können schon tückisch sein. Sie zu erforschen und ihre Eigenschaften für die Anwendung im Alltag zu verbessern, ist das Metier von Jutta und Lothar Gehm aus Bad Homburg. Sie sind Experten in Sachen Rheologie, also der Wissenschaft von der Fließeigenschaft von Stoffen – und als Sachverständige sind sie bundesweit gefragt.
Lothar Gehm ist vereidigter Sachverständiger für Rheologie, der Wissenschaft der Fließkunde. Er erforscht etwa, warum Farbe tropft. Foto: Jochen Reichwein Lothar Gehm ist vereidigter Sachverständiger für Rheologie, der Wissenschaft der Fließkunde. Er erforscht etwa, warum Farbe tropft.
Bad Homburg. 

Dem Wohnhaus im Stadtteil Gonzenheim ist nicht anzusehen, welche Geheimnisse es birgt. Geheimnisse, die in den Köpfen von Jutta und Lothar Gehm stecken. Und von denen sie auch nicht unmittelbar selbst etwas wissen. Denn vor deren Erkenntnis stecken viele, viele Versuche. Müssen Proben gemacht werden. Immer wieder neue Mischungen ausprobiert, Verhältnisse von Stoffen akribisch notiert werden.

„Wo hast Du den R 180?“ In wenigen Minuten baut Jutta Gehm aus einem Metallkoffer die Teile eines transportablen Rheometers auf. Auf eine kleine Platte stellt sie ein Glas mit einem Haarpflegemittel. Dann startet sie das Gerät, in dem sie Angaben für Dauer und Geschwindigkeit eingegeben hat. Auf dem Display blinken Zahlen. Ein Quirl dreht sich, mixt die Substanz – nach den vorgegebenen Anforderungen. Zeit für Lothar Gehm zwei kleine Dosen mit einer weißen Substanz aus einem Regal zu holen. Ihr Inhalt sieht identisch aus, ist es aber nicht. Laien können indes den Unterschied allenfalls riechen.

Sind Experten für die Fließeigenschaften von Stoffen: Jutta und Lothar Gehm in ihrem Institut für Rheologie. Bild-Zoom
Sind Experten für die Fließeigenschaften von Stoffen: Jutta und Lothar Gehm in ihrem Institut für Rheologie.

Jutta und Lothar Gehm sind indes Experten, wenn es darum geht, die Verformung oder das Fließverhalten von Stoffen, zum Beispiel bei unterschiedlichen Temperaturen, zu untersuchen und zu bewerten. Seit drei Jahrzehnten gilt der Rheologie die Leidenschaft des Diplom-Ingenieurs und der Diplom-Mathematikerin. Als Wissenschaftler, deren Gegenstand der Untersuchung dabei Babykost genauso sein kann wie Augentropfen oder Industrielacke.

Fünf gemeinsame Kinder

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Lothar Gehm, 63, und seine zwei Jahre jüngere Frau kennen sich seit mehr als 30 Jahren. Gemeinsam haben sie fünf Kinder groß gezogen, eine Firma gegründet. Beide sind sie bundesweit tätige Sachverständige auf ihrem Gebiet. Auch in ihrer Freizeit teilen sie gemeinsame Interessen: beispielsweise das Bogenschießen.

Und für Wissenschaftler eher ungewöhnlich, sind beide fest im zum protestantischen Glauben verwurzelt. Jutta Gehm gehört zur Redaktion des Gemeindegrußes des Bad Homburger Stadtteils. Eine Publikation, für die sie sich gerne engagiert. „Er erreicht alle Gemeindemitglieder. Auch jene, die wegen Beschwerden nicht zum Gottesdienst kommen können.“ Lothar Gehm ist ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk tätig. Wenn sie den Gottesdienst besuchen, sagen die beiden, würden sie „eine Gemeinschaft mit gleichgesinnten und anders denkenden Menschen erleben.“

Fest und geschmeidig

Doch zurück in das Labor der Sachverständigen. Was machen sie da? Nehmen wir das Beispiel Marmelade. „Im Glas“, erklärt der Physiker, „soll sie für den Verbraucher an der Oberfläche eine feste Konsistenz haben“. Wenn der Löffel in sie taucht, geschmeidig sein. Aber nie nicht auf dem Brot über dieses hinaus auf Serviette oder Tischtuch kleckern. Ob Marmelade, Babynahrung oder Wandfarbe: Das Wissen der beiden Rheologen ist bundesweit gefragt. Dabei ist ihre Arbeit Vertrauenssache. Über ihre Auftraggeber verlieren sie kein Wort. An nicht einem einzigen Utensil in ihrem Labor gibt es einen Hinweis auf diese. „Vertrauen ist ein existenzielles Gut unserer Arbeit“, sagen sie. Eine Arbeit, die zum Beispiel mit einem Eintrag im „Who is Who of Professionals“ in den USA gewürdigt wurde. Sachverständiger zu sein: Da denkt man doch schnell an Gerichtsprozesse. In Europa ist Lothar Gehm als einziger öffentlich bestellter Sachverständiger und vereidigter Sachverständiger für Rheologie gefragt. „Als Sachverständige können wir keine Anfrage ablehnen“, sagt Jutta Gehm.

Ein Leben zwischen Wissenschaft und Glauben – ist das nicht ein Spagat? Ihre wissenschaftliche Tätigkeit, die Welt von Zahlen, Daten und Fakten, schließe keineswegs ein Vertrauen auf den Glauben aus – auch wenn dieser nicht messbar ist.

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