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Frühere Bildungsstätte: Wo einst höhere Töchter lernten

Er gehört zu den Schmuckstücken der Hugenottenstraße: der geschichtsträchtige Hof des ehemaligen Mädcheninstituts von Puttkammer. Seit 1982 gehört die Anlage mit der Hausnummer 90 der Familie Gehrmann. Und bereits in früheren Zeiten waren die Gebäude im Besitz dieser Familie.
Achim (links) und Eckhard Gehrmann setzen sich seit mehr als 30 Jahren für den Erhalt des denkmalgeschützten Ensembles ein. Achim (links) und Eckhard Gehrmann setzen sich seit mehr als 30 Jahren für den Erhalt des denkmalgeschützten Ensembles ein.
Friedrichsdorf. 

Die Stufen der Holztreppe, die nach oben in die Wohnung von Liesa und Eckhard Gehrmann im ersten Obergeschoss des Hinterhauses führt, ist von den unzähligen Mädchenfüßen, die im Laufe der Jahrzehnte über die Stufen hoch in den „Gesellschaftssaal“ und in ihre Schlafräume gelaufen sind, ausgetreten. „Genau das hat für uns Charme. Den gilt es zu erhalten“, findet das Ehepaar Gehrmann. Und als kleine Zusatzinformation erzählt Eckhard Gehrmann, dass um den Treppenaufgang herum früher die Plumpsklos der Bildungsstätte für höhere Töchter gewesen seien. Diese Toilettenanlage haben die Gehrmanns erst 1990 abgerissen.

Ausgetretene Treppenstufen oder auch die Buchsbäume im Garten, die Anfang des 20. Jahrhunderts gepflanzt wurden: Es sind viele kleine Puzzlestücke, die es in und rund um die Hofanlage zu entdecken gilt. Die Gebäude mit der heutigen Adresse Hugenottenstraße 90 gehörten vermutlich um 1760 zu den ersten festen Häusern der Ansiedlung der Hugenotten.

Datum in der Scheibe

Genau aus diesem Grund würde Eckhard Gehrmann auch nie in den Sinn kommen, die alten Fensterscheiben in seiner Wohnung im ersten Stock auszutauschen. „In einer der Scheiben hat sich ein Mädchen verewigt und das Datum eines Tages im Jahr 1901 eingeritzt“, erzählt er. Keine Frage: Das liebevoll restaurierte Anwesen ist ein Stück Friedrichsdorfer Geschichte. An fast jeder Ecke und hinter fast jeder Tür oder Nische, und in dem hübschen Arkadengang, der die Häuserteile miteinander verbindet, begegnet dem Besucher die Vergangenheit.

Damit das auch so bleibt, setzten sich die Brüder Achim und Eckhard Gehrmann seit mehr als 30 Jahren für den Erhalt des denkmalgeschützten Ensembles ein. „Es gibt immer etwas zu tun, das hört nie auf“, sagt Eckhard Gehrmann. Den Löwenanteil der Sanierungsarbeiten führten die Brüder selbst durch. Knapp zehn Jahre hat die Grundsanierung gedauert.

Am Arkadeneingang im Hof der Hugenottenstraße 90 sind kunstvolle Schnitzereien zu sehen. Die Familie Gehrmann möchte möglichst viele historische Elemente erhalten. Bild-Zoom
Am Arkadeneingang im Hof der Hugenottenstraße 90 sind kunstvolle Schnitzereien zu sehen. Die Familie Gehrmann möchte möglichst viele historische Elemente erhalten.

Dabei waren kreative Ideen gefragt. So hat Eckhard Gehrmann, der sich als Künstler seine Druckwerkstatt im Erdgeschoss des größeren der beiden Seitenhäuser eingerichtet hat und im ehemalige Schlafsaal des Pensionats sein Malatelier hat, Panzerglas, das bei Umbau einer Friedrichsdorfer Bankfiliale nicht mehr gebraucht wurde, in sein Wohnzimmerfenster eingebaut. Und ein Stück hat er als gläserne Stufe als Abschluss der Treppe, die ihre Wohnung führt, eingesetzt. In seiner Druckwerkstatt im Seitentrakt hat er den kunstvoll verzierten Säulen aus Gusseisen, die früher im Speisesaal des Mädchen-Instituts (dem heutigen Blumenladen) standen, ein neues Zuhause gegeben. „Bei der Sanierung haben wir festgestellt, dass diese Säulen tragende Funktion hatten. Das war schon dramatisch: auf diesen Säulen stand das halbe Haus. Wir haben sie durch zwei dicke Balken ersetzt“, schildert Gehrmann.

Fachwerk selbst saniert

Dass für ihn der Erhalt der historischen Elemente Priorität hat, merkt man daran, dass er kleinere Unbequemlichkeiten in Kauf nimmt. So muss der Künstler in seiner Druckwerkstatt jedes Mal über eine hohe Eichenschwelle steigen, die den Raum unterteilt. „Ich wollte auf keinen Fall in die vorgegebenen Strukturen der Räume eingreifen“, sagt der 61-Jährige, der auch die Fachwerksanierung selbst durchgeführt hat. Zu Recherchezwecken begab sich Gehrmann damals in den Hessenpark. „Ich wollte wissen, wie man Lehmputz verarbeitet. Doch damals konnte mir dort niemand helfen“, erinnert er sich. Also hat er sich selbst schlaugemacht.

Dass die Gehrmanns, deren Stammbaum sich bis zur Gründung Friedrichsdorfs durch die Hugenotten nachweisen lässt (die Großmutter von Eckhard und Achim Gehrmanm war eine geborene Foucar), genau die Richtigen sind, die sich mit Herzblut und Idealismus für den Erhalt der für die Stadtgeschichte bedeutenden Hofanlage einsetzen, muss dem Vorbesitzer, dem Inhaber der Hutfabrik Meyer und Ludwig, bekannt gewesen sein. „Er hatte bereits 1979 meinem Vater Heino das Vorkaufsrecht eingeräumt“, erinnert sich Eckhard Gehrmann. „Mein Vater hatte zuvor schon den Nebenhof, in dem heute mein Bruder lebt, gekauft und behutsam saniert.“ Als Heino Gehrmann überraschend starb, führten seine Söhne die Sanierungsarbeiten fort. Kurios: Beim Erstellen ihres Familienstammbaums hat ihre Mutter Ilse, die im vergangenen Herbst gestorben ist, herausgefunden, dass das Anwesen bereits in früheren Zeiten in Familienbesitz gewesen sein muss. „Unsere Vorfahren haben hier die Gastwirtschaft ,Zum goldenen Ritter‘ betrieben. Damals muss es hier sogar eine Kegelbahn im Garten gegeben haben“, sagt Eckhard Gehrmann.

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